Die Special Olympics sind vorbei. Wie war es? Was bleibt?

„Eine neue Dimension erreicht“: Die Veranstalter ziehen eine euphorische Bilanz nach den nationalen Spielen für Menschen mit geistiger Behinderung.

Schirmherr: Bundespräsident Joachim Gauck (hinter ihm Lebensgefährtin Daniela Schadt) eröffnete am 21. Mai 2012 die Special Olympics im Olympiapark.

SOD-Präsident Gernot Mittler

Als die Veranstalter der Special Olympics Deutschland (SOD) Bilanz zogen, fanden sie große Worte: „Als ehemaliger Finanzminister neige ich nicht zur Euphorie. Daher hat es ein besonderes Gewicht, wenn ich sage, dass es Spiele der Superlative waren“, sagte SOD-Präsident Gernot Mittler am Freitag kurz vor der Abschlussfeier am Abend in München.

„Es geht uns nicht um das Event an sich, sondern um die Nachhaltigkeit“, so Mittler. Die Special Olympics in München „haben hinsichtlich der Teilnehmerzahlen, der politischen Unterstützung und der medialen Aufmerksamkeit eine neue Dimension erreicht“, betonte auch Hans-Jürgen Schulke, Präsident des Organisationskomitees (OK).

Machen wir es doch kurz: Überall strahlende Gesichter

Tatsächlich haben wohl fast alle Zeitungen über die Special Olympics berichtet. Die „Zeit“ etwa ist beeindruckt: „In München zeigen 5.000 Menschen mit geistiger Behinderung, dass ein Sportereignis auch ohne Leistungsdruck und Vermarktungsirrsinn funktioniert.“ 4.400 Zeichen lang ist der „Zeit“-Beitrag „Zurück zum Kern des Sports“.

Nur „Bild“ fällt zu diesem Thema wenig ein. Ihr gestriger Bericht ist so kurz (381 Zeichen), dass wir ihn hier völlig ungekürzt wiedergeben können:

„Heute gehen die Special Olympics in München zu Ende. Vier Tage lang kämpften rund 5000 Athleten mit geistiger Behinderung um Medaillen. ‚Gemeinsam stark ist hier nicht nur ein Motto, sondern Gesetz‘, sagt DFB-Direktorin Steffi Jones (39). Sky-Chef Carsten Schmidt war als freiwilliger Helfer dabei, sagt: „Das war eine Erfahrung, die man machen muss. Überall strahlende Gesichter.“

Punkt, aus. Mit so komplizierten Themen wie Inklusion soll man die Leser ja nicht erschrecken.

„Wir haben in München gezeigt: Menschen mit geistiger Behinderung sind selbstverständlicher Teil der olympischen Familie“, so Schulke. Nach seiner Schätzung sind durchschnittlich 20.000 Besucher pro Tag in den Münchener Olympiapark gekommen, wo die meisten Disziplinen ausgetragen wurden. Schulke sprach von „deutlich mehr Zuschauern als zu früheren Zeiten“. Sie sahen seit Dienstag schwerpunktmäßig im Münchner Olympiapark sowie an acht weiteren Sportstätten 4.500 Medaillengewinner in 19 Sportarten wie Fußball, Basketball, Leichtathletik, Badminton, Boccia, Bowling oder Rollerskating.

Die Special Olympics Deutschland gibt es seit 1991. Anders als bei Olympischen Spielen gibt es mehrere Goldmedaillen pro Disziplin. In sogenannten Klassifizierungswettbewerben werden die Athleten in verschiedene Leistungsgruppen eingeteilt. Neben Familienangehörigen engagierten sich in der vergangenen Woche 1.700 Betreuer vor Ort.

Gegen staatlichen und individuellen Terrorismus

Die Ausrichtung der Sommerspiele kostete rund drei Millionen Euro. Davon übernahm die Stadt München 1,3 Millionen. Den restliche Betrag brachte der Verband Special Olympics Deutschland, der dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) angehört, vor allem durch Spenden-, Sponsoren- und Stiftungsgeld auf. „Mir ist keine Veranstaltung dieser Größenordnung bekannt, die mit drei Millionen Euro organisiert worden ist“, sagte Schulke.

Die Special Olympics National Games sind in Deutschland die größte Sportveranstaltung für Menschen mit geistiger Behinderung. Dabei steht für Schulke nicht nur der sportliche Wettkampf im Vordergrund: „Vor 70 Jahren wären all diese Menschen umgebracht worden. Die politische Botschaft ist: Geistig behinderte Menschen sind genauso Menschen wie alle anderen auch.“ Damit erinnerte er unter anderem an die Rede von Joseph Goebbels in München zum Auftakt der Reichskristallnacht 1938 und stellte klar: „Die Special Olympics sind ein klares Bekenntnis gegen jeden staatlichen und individuellen Terrorismus.“

Menschen in die Mitte holen

Die Stimmung war einfach klasse: Publikum bei der Eröffnungsfeier.

In Deutschland leben ungefähr 480.000 Menschen mit geistiger Behinderung. Sie in die Mitte der Gesellschaft zu holen, ist nach Meinung des OK-Präsidenten auch eine Aufgabe, die die Special Olympics erfüllen: „Viele haben hier gelernt, den Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung als etwas Selbstverständliches zu sehen.“

Dazu sollten vor allem die sogenannten „Unified“-Sportarten beitragen, bei denen geistig behinderte Athleten mit Sportlern ohne Behinderung Fußball-, Basketball- oder Beachvolleyball-Teams bildeten. 300 solcher Mannschaften traten an – auch das ist ein Rekord. Nach den nächsten Spielen erneut Superlative verkünden zu können, dürfte nicht so einfach werden.

Vom 14. bis 17. Januar 2013 geht es bei den nationalen Winterspielen im bayerischen Garmisch-Partenkirchen weiter. Die nächsten weltweiten Wettkämpfe finden Anfang 2013 im südkoreanischen Pyeongchang statt.

Text: dapd-bay/dpa/RP, Fotos: SOD

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN