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Die Tragödie von Titisee-Neustadt – ein Jahr danach

Bei dem Feuer in einer Behindertenwerkstatt kamen 14 Menschen ums Leben. Die äußeren Spuren sind beseitigt, doch die Narben bleiben.

Die äußeren Spuren sind beseitigt: Das Gebäude der Caritas-Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt (Baden-Württemberg) ein Jahr nach der Katastrophe (Foto: Patrick Seeger/dpa)

Die äußeren Spuren sind beseitigt: Das Gebäude der Caritas-Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt (Baden-Württemberg) ein Jahr nach der Katastrophe (Foto: Patrick Seeger/dpa)

Auf den ersten Blick erinnert nichts mehr an das Unglück, bei dem 14 Menschen ihr Leben lassen mussten. Die von der Wucht der Explosion geborstenen Scheiben sind durch neues Glas ersetzt worden. Der schwarze Rauch des Feuers, der sich in die Fassade gefressen hat, wurde übermalt.

Die von Trauernden vor der Tür errichtete Gedenkstätte ist verschwunden. Doch auch noch ein Jahr nach dem Feuerdrama in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald mit 14 Toten kämpfen Überlebende und Angehörige mit den Folgen. Der Weg zurück in die Normalität ist schwer.

Gasofen führte zur Katastrophe

Das tödliche Ereignis bestimmt noch immer den Alltag von Behinderten und Betreuern der Caritas-Werkstatt. Am 26. November vergangenen Jahres, um 13.58 Uhr, gibt es in der Werkstatt im Hochschwarzwald eine Explosion. 13 behinderte Menschen und eine Betreuerin sind sofort tot.

14 Menschen werden verletzt. Mehr als 90 der 120 Menschen, die in der sozialen Einrichtung arbeiten, werden in Sicherheit gebracht. Die Bilder gehen um die Welt. Als Ursache wird später ein in der Werkstatt aufgestellter Gasofen ermittelt.

Unverändert großer Schock

Ein Jahr danach ist die Werkstatt verwaist. Die meisten Menschen mit Behinderung und Betreuer sind in der nahe gelegenen Kleinstadt Löffingen in einem Ersatzgebäude untergekommen.

n den Räumlichkeiten von IMS Connector in Löffingen haben nach der Brandkatastrophe die Mitarbeiter ein Ausweichquartier gefunden, (Foto: Jan Deichner/Caritas)

In den Räumlichkeiten von IMS Connector in Löffingen haben nach der Brandkatastrophe die Mitarbeiter ein Ausweichquartier gefunden, (Foto: Jan Deichner/Caritas)

„Der Schock ist unverändert groß“, sagt die Psychologin Susanne Schmid, die gemeinsam mit Thomas Weber die Hilfe für die überwiegend sogenannten Geistigbehinderten koordiniert. Das Verarbeiten sei schwierig. „Behindertenarbeit lebt davon, dass die Betroffenen in einem ihnen vertrauten Umfeld sowie in geordneten Bahnen leben und arbeiten.“
Dies habe sich vor einem Jahr mit einem Schlag geändert.

Die Beteiligten sind schwer traumatisiert

„Das Feuer hat den behinderten Menschen Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit und Vertrauen genommen. Es hat damit die Grundpfeiler der Behindertenbetreuung zum Einsturz gebracht“, sagt Schmid. Die Behinderten seien bis heute schwer traumatisiert.

„Betroffene bedürfen nach solchen Unglücken der Ruhe, des Verständnisses und eines sicheren Umfeldes“, sagt Psychologe Weber. „Das oberste Ziel bestand und besteht deshalb darin, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Tempo der Verarbeitung zu finden und sie nicht zu bedrängen.“

Die Behinderten gehen wieder ihrer Arbeit nach, an das Unglück soll sie möglichst wenig erinnern. Die zerstörte Werkstatt, die derzeit noch renoviert wird, soll Ende März nächsten Jahres wieder eröffnet werden.

Am Dienstag findet Gottesdienst statt

Etwa 300 Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten waren am Brandort in Titisee-Neustadt im Einsatz.

Etwa 300 Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten waren am Brandort in Titisee-Neustadt im Einsatz. (Foto: dpa)

Der ersten Jahrestag des Feuerdramas soll in Stille und im Kreis der Betroffenen ablaufen. „Es ist ein sehr sensibles Datum“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Caritas in Freiburg, Rainer Gantert. In Titisee-Neustadt gibt es am Dienstag einen ökumenischen Gottesdienst. Ruhe und Besinnung stehen im Mittelpunkt, große Reden sind tabu. Zur Trauerfeier vor einem Jahr war Bundespräsident Joachim Gauck in den Schwarzwald gekommen.

Unverändert groß sei die Hilfsbereitschaft, sagt Ganters Kollege Karlheinz Gäßler. Mehr als 300.000 Euro Spenden sind eingegangen. „Und immer noch erreichen uns neue Spenden.“ Das gesamte Geld komme den Behinderten und ihrer Nachsorge zugute. Es werde nicht für den Wiederaufbau der Werkstatt verwendet, betont die Caritas.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt immer noch

Parallel läuft das Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwalt Freiburg hofft, es in den nächsten Wochen abschließen zu können. Dann soll entschieden werden, ob Anklage erhoben wird. Ein Bedienungsfehler des mit Gas betriebenen Ofens, der in der Werkstatt zum Heizen aufgestellt war, gilt bislang als Ursache.

„Es ist eine sehr komplexe und schwierige Prüfung“, sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier. Der technische Zustand der Einrichtung und ihrer Anlagen werde ebenso unter die Lupe genommen wie die Vorschriften und das Verhalten von Mitarbeitern und Besuchern. Wurden Sicherheitsvorschriften missachtet? Ermittelt werde wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, Körperverletzung und Brandstiftung.

(dpa)

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