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Die Überflieger von RSV Lahn-Dill gewinnen und wollen keine Bananen essen

In den Playoffs um die deutsche Rollstuhlbasketball-Meisterschaft setzt sich der Titelverteidiger auswärts beim USC München durch. Seitens der Gastgeber überragte Benjamin Ryklin. Dirk Köhler vom RSV zeigt eine Schwäche für Margherita.

(aj/RP) – Sie doppelten ihn in seiner eigenen Hälfte, sie nahmen ihn hart ran, sie stachen ihm einmal (versehentlich) ins Auge: Der RSV Lahn-Dill wusste, auf wen sie sich stürzen mussten, um auswärts gegen den Rekordmeister USC München zu gewinnen.

Dennoch war der Münchner Spielertrainer Benjamin Ryklin am Samstagabend kaum zu stoppen und eine Show für sich. Heulte kurz laut auf, als er im Nahkampf auf Gegenspieler Joey Johnson und dessen pieksenden Finger stieß, stürzte mehrfach, blieb einmal erschöpft liegen, verlor mindestens zwei Mal seine Bereifung – vor allem aber dirigierte er lauthals die Offensive („Sofort Schirm stellen!“) und warf überragende 34 Punkte. Keiner traf öfter. Gereicht hat es trotzdem nicht. Sein USC München verlor das Hinspiel des Playoff-Halbfinales um die deutsche Rollstuhlbasketball-Meisterschaft.

Starker Start für USC München

Zu Beginn der Partie merkte man, dass dem Favoriten RSV Lahn-Dill durch die Wettkampfpause in der Vorwoche der Spielrhythmus fehlte, den die Münchner von Beginn an zeigten. Der Gastgeber war soeben aus Frankreich von der EuroLeague zurück gekehrt. Dort hatten Ryklin & Co. ebenso knapp wie unglücklich die Qualifikation für die europäischen Endrunden verpasst. Gegen Lahn-Dill lagen sie nun nach vier Spielminuten mit 9:3 vorne. Die ersten sieben Punkte der Münchner erzielte – natürlich Topscorer Benjamin Ryklin.

RSV-Coach Zeltinger nahm deshalb früh eine erste Auszeit. Erfolgreich: Sein Team kontrollierte anschließend das Spiel. In sechs Minuten wendete der RSV das Blatt mit einem 12:0-Lauf zur 15:9-Führung (11. Minute), ehe sich nun ein offener und attraktiver Schlagabtausch entwickelte. „Das schnelle Spiel der Münchner hat uns immer wieder vor schwierige Situationen gestellt“, erklärte Nicolai Zeltinger anschließend.

In der 16. Minute erzielte Münchens ehemaliger Nationalspieler Markus Haberkorn den 16:18-Anschluss. Insbesondere das Inside-Spiel unter dem USC-Korb war gegen die enge Verteidigung des deutschen Rekordmeisters sehr eingeschränkt, was auch durch die geringe Punktausbeute der langen Centergarde aus Wetzlar unterstrichen wurde.

Nach der Pause dreht RSV Lahn-Dill auf

Erst nach der Pause schienen die Gäste aus Hessen den Schlüssel zum Spiel gefunden zu haben. Mit sechs Punkten in Serie durch Kapitän Joey Johnson, der zum Saisonende aufhört, zum 41:24 (25.) erkämpfte sich der RSV die höchste Führung der gesamten Partie. Doch nur drei Spielminuten später hatte der USC erneut durch den 25-Jährigen Ryklin wieder auf 36:46 (28.) aufgeschlossen, auch wenn die RSV Defensiv-Taktik mit einer so genannten „Triangle and two“ Verteidigung den Münchner Topscorer nun deutlich besser im Griff hatte.

Vor allem der US-Amerikaner Steve Serio war es nun, der mit vier Freiwürfen in Folge und einem erfolgreichen Korbleger in der 29. Spielminute die Bemühungen der Gastgeber konterte und so seinem Team eine 50:36-Führung bescherte.

Zu Beginn des Schlussviertels war es Thomas Gundert, der zunächst auf 52:36 (32.) erhöhte, ehe sein Nationalmannschaftskollege Jan Haller zu großer Form auflief. „Jan war heute einer der Besten im Kader“, freute sich Zeltinger in seinem Spielfazit über den couragierten Auftritt des 23-Jährigen. Sein 65:50 (39.) bedeutete schon die Entscheidung zugunsten des RSV Lahn-Dill – die Sensation musste abgesagt werden.

Wer denkt schon an Sabotage?

Eine nette Anekdote beendete das erste Halbfinalspiel zwischen dem Altmeister und dem amtierenden Titelträger. RSV Lahn-Dill-Nationalspielerin Gesche Schünemann erhielt praktisch mit der Schlusssirene zwei Freiwürfe durch die Schiedsrichter zugesprochen, nachdem die 29-Jährige im Wurfversuch gefoult worden war.

Der Freiwurf landete erfolgreich in der USC-Reuse, doch beim zweiten Versuch schauten sie und ihre Teamkollegen etwas verdutzt, nachdem die elektrische Steuerung an der Säbener Straße die Korbanlage an die Hallendecke fuhr, als ob man mit Blick auf das Rückspiel den letzten Punkt des RSV mit allen Mitteln unbedingt verhindern wollte. Ein Techniker hatte die Anlage versehentlich zu früh betätigt.

Nach schmunzelnden Gesichtern auf beiden Seiten und einer kleinen Pause durfte Schünemann dann doch noch ihren zweiten Freiwurfversuch tätigen, womit sie das Ergebnis auf 67:54 schraubte. Das Endresultat eröffnet dem achtfachen Meister nun alle Chancen auf einen Finaleinzug, denn mit einem Polster von 13 Punkten kann die Mannschaft von Trainer Zeltinger in das entscheidende Rückspiel am kommenden Samstag um 16 Uhr in der Wetzlarer August-Bebel-Sporthalle gehen.

Wenn der Pizzamann zweimal klingelt

Beim europäischen Ranglistenersten RSV Lahn-Dill ist bekanntlich alles perfekt und professionell organisiert – ROLLINGPLANET deckt jedoch auf: Bei der sportwissenschaftlich empfohlenen Kohlenhydrat-Ernährung (das sind beispielsweise Bananen) hapert es noch. Kaum war die Begegnung zu Ende, eilte der Mann von Call-a-pizza zur Sporthalle und lieferte die Siegprämie für die Akteure des RSV Lahn-Dill. Für Dirk Köhler gab es eine Pizza Margherita für 8,30 Euro. „Bei einem höheren Sieg“, flachste USC-Präsident Wolfgang Schäfer, „hättest Du Dir auch ein bisschen mehr Belag bestellen dürfen“.

Wie von ROLLINGPLANET bereits gemeldet, bezwang im parallel stattfindenden zweiten Halbfinalduell der Überraschungsaufsteiger RSB Team Thüringen im Hinspiel den RSC-Rollis Zwickau hauchdünn mit 61:60 (17:16/30:28/42:46).

Im heimischen Elxleben drehten die Thüringer dabei erneut im letzten Viertel die Partie und machen damit das Ostderby um den Finaleinzug hoch spannend. Das entscheidende Rückspiel findet hier am kommenden Sonntag im sächsischen Zwickau statt.

München: Benjamin Ryklin (34), Ben Döring (6), Markus Haberkorn (4), Sebastian Magenheim (10), Florian Fischer, Nu Nguyen-Thi, Markus Wastian, Johanna Welin, Sercan Ismail (n.e.), Florian Mach (n.e.), Dennis McInnes (n.e.), Uli Schmölz (n.e.).

Lahn-Dill: Steve Serio (19), Michael Paye (13), Jan Haller (10), Joey Johnson (8), Dirk Köhler (7), Gesche Schünemann (5), Thomas Böhme (3), Thomas Gundert (2), Wataru Horie, Mina Mojtahedi.

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