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Die vielen Irrtümer über die Hausapotheke

40 Prozent aller Deutschen bewahren sie am falschen Ort auf. Und manchmal tun sich Abgründe auf: Selbst Contergan und Anti-Syphilis-Pillen aus der Vorkriegszeit finden sich im Vorrat.

Die Hausapotheke ist in vielen deutschen Haushalten ein „Notstandsgebiet“ und ein gesundheitlicher Risikofaktor. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact unter 1.100 Bundesbürgern im Auftrag der Apothekenkooperation vivesco.

Die Teilnehmer wurden darüber befragt, wie sie ihre Hausapotheke zusammenstellen, aufbewahren, warten und entsorgen. Gleichzeitig eruierte das Forschungszentrum für Generationenverträge der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (FZG) unter der Leitung von Professor Bernd Raffelhüschen die Einschätzung von Apothekern zum gleichen Thema.

Die Deutschen wissen weniger gut Bescheid, als sie glauben

Die Ergebnisse verblüffen: Nur sechs Prozent der Deutschen gaben an, ihre Hausapotheke sei schlecht ausgestattet. Demgegenüber sagten jedoch 74 Prozent der befragten Apotheker, dass Kunden häufig fälschlicherweise Antibiotika in ihrer Hausapotheke aufbewahren, 42 Prozent fanden darin rezeptpflichtige Schmerzmittel, 16 Prozent sogar noch härtere Medikamente wie Psychopharmaka.

Apotheker Stefan Zürn aus Zimmern sagt: „In der Hausapotheke sollten neben Mitteln, auf die man wegen chronischer Krankheiten angewiesen ist – zum Beispiel Blutdruckmittel oder Antidiabetika – nur Medikamente gegen die wichtigsten akuten Erkrankungen enthalten sein. Dazu Verbandsmittel, Fieberthermometer, Kühlkompressen, eine Erste-Hilfe-Anleitung und Einmalhandschuhe – aber keine Antibiotika oder Psychopharmaka. Wenn diese Mittel jemand aus der Familie aus Versehen nimmt, können schwere gesundheitliche Probleme die Folge sein.“

Die Hausapotheke gehört nicht ins Badezimmer

Zum Thema Aufbewahrung antwortete die Hälfte der Befragten, dass sie ihre Medikamente gut sortiert an einem sicheren Ort bereit halten. Gleichzeitig war aber der am häufigsten genannte Platz für die Lagerung der Hausapotheke mit großem Abstand das Badezimmer (39 Prozent). Apotheker Zürn: „Die Hausapotheke sollte unbedingt an einem trockenen und kühlen Ort bereitgehalten werden. Badezimmer und Küche sind dafür ungeeignet, da Feuchtigkeit und Wärme zu erheblichen Veränderungen bei den Medikamenten führen können.“

Besorgniserregend ist die Lage bei der Wartung und Pflege der Hausapotheke. Während ein großer Teil der Deutschen angab, bei Lagerung (42 Prozent) und Haltbarkeit (41 Prozent) der Medikamente Bescheid zu wissen, und 48 Prozent aussagten, man wisse, wann Medikamente ausgetauscht werden müssten, schätzen dies die Apotheker aus ihrer Erfahrung anders ein: Mehr als zwei Drittel sind der Meinung, dass ihre Kunden die Hausapotheke nicht regelmäßig pflegen. Der häufigste Grund, da sind sich Apotheker und Verbraucher einig: Sie vergessen, sich darum zu kümmern.

Jeder dritte Apotheker gab außerdem an, bei der Überprüfung der Hausapotheke bereits uralte bis museumsreife Medikamente vorgefunden zu haben. Als Beispiele nannten die Apotheker Scopolamin-Ampullen für den Luftschutz, Opiode aus dem Zweiten Weltkrieg, 40 Jahre alte Morphiumpräparate oder eine Vorkriegspackung Salversan (ehemaliges Mittel gegen Syphilis).

Von Contergan bis zum Glasauge – was Apotheker sonst noch in Deutschlands Hausapotheken finden

Zudem scheint die Hausapotheke laut Aussagen der Apotheker sogar ein Ort zur Aufbewahrung alter Gebisse zu sein. Auch Glasaugen des verstorbenen Ehemanns haben Apotheker bei der Überprüfung gefunden. Neben den skurrilen Utensilien gab es aber auch erschreckende Beispiele. Denn den Apothekern sind selbst hochgiftige Mittel wie Lacke, Abflussreiniger und Pflanzenschutzmittel untergekommen. Dazu Zürn: „Selbst das Skandalmittel Contergan haben einige Kollegen kürzlich noch in Hausapotheken entdeckt. Jeder Haushalt sollte mindestens einmal im Jahr seine Hausapotheke entrümpeln und abgelaufene Medikamente oder andere Dinge, die nicht hineingehören, fachgerecht entsorgen.“

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