Die wahren Gründe, warum Pistorius nicht im Knast bleiben muss

Südafrikas einstiges Sportidol darf in Hausarrest. Doch die begrenzte Freiheit dürfte für ihn ein Leben in Angst sein.

Mit unbewegter Mine vernahm Oscar Pistorius am 21. Oktober 2014 sein Urteil (Foto: EPA / THEMBA HADEBE/ POOL / dpa)

Mit unbewegter Mine vernahm Oscar Pistorius am 21. Oktober 2014 sein Urteil (Foto: EPA / THEMBA HADEBE/ POOL / dpa)

Am Dienstag hat das Hoffen und Bangen von Oscar Pistorius vorerst ein Ende. Wenn sich die Tore des Gefängnisses Kgosi Mampuru II in Pretoria für den beinamputierten Sprinter öffnen, dürfte er unter den Kameraschwenks in- und ausländischer Medienvertreter direkt in die Luxusvilla seines Onkels gefahren werden (ROLLINGPLANET berichtete: Oscar Pistorius kommt aus dem Gefängnis – fair oder ungerecht?). Der einstige Spitzenathlet, der am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschoss und wegen Totschlags zu fünf Jahren verurteilt wurde, lebte dort auch während des Prozesses schon.

Onkel Arnold besitzt nach Medienberichten eine 27-Zimmer-Villa – da lässt es sich komfortabler leben als in der kargen Umgebung der Haftzelle. Swimmingpool, Privatkino, gepflegter Garten – alles da. Wenn er in die Auffahrt einbiegt, kann er sich sogar an den Jacaranda-Bäumen erfreuen, deren Blüten gerade die südafrikanische Hauptstadt in eine gigantische lila Farbenpracht tauchen.

Doch Insider wie der südafrikanische Anwalt Cliff Alexander warnen vor dem Eindruck eines unbeschwerten Lebens. „Hausarrest vermittelt einen falschen Eindruck“, sagt Alexander der Zeitung „The Citizen“, „der einzige Unterschied zwischen Hausarrest und Haft sind die Annehmlichkeiten, die es zu Hause gibt.“

Hoffnungslos überfüllte Gefängnisse

Denn zum Hausarrest gehören strenge Auflagen – angefangen bei einem kompletten Alkoholverbot über Sozialstunden und der Pflicht, eine Arbeit anzunehmen, bis hin zu einem Leben, in dem Drohgebärden strikt verboten sind. Selbst um Mitternacht könnten Aufseher unangemeldet an der Haustür klingeln, um etwa sofortige Blut- oder Urintests anzuordnen. Würden sie auf Alkohol- oder Drogenkonsum hinweisen, wäre es umgehend vorbei mit der begrenzten Freiheit. Dafür darf Pistorius allerdings Besuch empfangen oder sonntags zum Gottesdienst gehen.

Der einstige Paralympics-Star, der einst Sportgeschichte geschrieben hatte, wird beim Abstreifen seines orangefarbenen Gefängnisoveralls am Dienstag fast auf den Tag genau ein Jahr in Haft verbracht haben. Er hatte seine Freundin mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür getötet – im Prozess gab er an, dahinter Einbrecher im gemeinsamen Haus vermutet zu haben. Im Oktober 2014 wurde er dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er hat sich aber in Haft gut geführt, daher darf er nach Verbüßung eines Sechstels seiner Strafe in den Hausarrest wechseln.

Der Grund für diese Praxis sind hoffnungslos überfüllte Gefängnisse in einem Land, in dem statistisch jeden Tag 49 Morde passieren. Nachdem der Justizminister sich zunächst gegen eine Gewährung des Hausarrestes für Pistorius gesperrt hatte, gab es in den Medien des Landes bereits Befürchtungen, dass diese Verweigerungshaltung Tausenden anderen Häftlingen landesweit ebenfalls die vorzeitige Haftentlassung kosten könnte.

Das Glück der Vergebung

Pistorius kann zudem auf Vergebung der Eltern seiner früheren Freundin hoffen. „Die Steenkamps sind keine rachsüchtigen Menschen“, sagte Familienanwältin Tania Koen.

Sie bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass die Familie zu Ehren ihrer toten Tochter eine Stiftung für misshandelte Kinder und Frauen plane. Die Reeva-Steenkamp-Stiftung soll demnach bis Ende des Jahres gegründet werden. Sie soll Strukturen aufbauen, um den Opfern von Gewalttaten Schutz zu gewähren und ihnen auch anderweitig zu helfen.

Der bis zu den Todesschüssen vom Valentinstag 2013 wohl berühmteste Behindertensportler der Welt genießt den Hausarrest womöglich aber nur wenige Tage. Denn am 3. November steht in Bloemfontein bereits die Berufung der Staatsanwaltschaft zur Verhandlung an. Sie hat Berufung eingelegt und möchte ein härteres Urteil. Ihm könnte dann eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren drohen.

(dpa)

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