Die Welt gerät aus den Fugen – der nächste Amoklauf

In einem Behindertenheim nahe Tokyo wurden mindestens 19 Menschen getötet. Der Täter soll gesagt haben: „Es ist besser, wenn Behinderte verschwinden.“

Sagamihara liegt rund 40 Kilometer entfernt von Tokio.

Sagamihara liegt rund 40 Kilometer entfernt von Tokio.

Paris, München, Reutlingen, Ansbach und jetzt Sagamihara: In was für einer wahnsinnigen Welt leben wir eigentlich?

Bei einer Messerattacke in der Nacht zum Dienstag sind laut örtlichen Medien in einem Heim für geistig Behinderte in Sagamihara nahe Tokyo mindestens 19 Menschen ums Leben gekommen. Mitarbeiter riefen demnach die Polizei um 2.30 Uhr Ortszeit zur Hilfe und berichteten von einem Mann mit schwarzem T-Shirt, der in die Anlage „Tsukui Yamayuri-en“ eingedrungen sei und mit einem Messer wahllos auf seine Opfer eingestochen habe. Die Einrichtung bietet Platz für bis zu 150 Menschen mit Behinderung. Die Zahl der teilweise schwer Verletzten beträgt nach derzeitigen Angaben mindestens 45 Personen. Zuerst hatten die Nachrichtenagentur Kyodo und der TV-Sender NHK World berichtet. Die Behörden haben sich bislang noch nicht offiziell zu dem Vorfall geäußert.

„Menschsein tut weh“, schrieb die Malerin Sabina Martiny aus Paderborn auf Twitter, unmittelbar nachdem der vermutliche Amoklauf bekannt wurde.

Sagamihara ist eine Stadt auf Honshū, der Hauptinsel von Japan, und hat 722.000 Einwohner. Sie liegt etwa 55 Kilometer südwestlich von Tokio. Den japanischen Medienberichten zufolge hat sich der mutmaßliche Täter kurz nach dem Verbrechen auf einer Polizeistation mit den Worten „Ich habe es getan!“ gestellt. Der Name des 26-Jährigen wird in der lokalen Presse mit Satoshi Uematsu angegeben. Der Mann behauptete angeblich, er habe früher in dem Behindertenwohnheim gearbeitet. Als Motiv soll er genannt haben (je nach Übersetzung): „Ich möchte die Welt von den Behinderten befreien“ oder „Es ist besser, wenn Behinderte verschwinden.“

Menschen mit Behinderung als Makel

„Behinderungen gelten in der japanischen Gesellschaft als Makel. Eltern verbergen ihre Kinder oft und weigern sich, Hilfe von außen anzunehmen. Denn das gilt als Zeichen von Schwäche“, berichtet Michael Stürzenhofecker von „Aktion Mensch“. Erst im Januar 2014 ratifizierte Japan die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Inklusion, zum Beispiel im schulischen Bereich, wird seit Anfang des Jahrtausends ausgebaut.

Lange stand Japan im Ruf, Behinderte stark zu diskriminieren, sie gar wegzusperren. Nicht wenige Familien verheimlichten behinderte Kinder vor der Außenwelt. 93 Prozent der Menschen mit Behinderung leben in Japan zu Hause. Obwohl etwa jeder 20. Japaner eine körperliche oder geistige Behinderung hat, waren sie im öffentlichen Leben jahrzehntelang geradezu unsichtbar. Das lag auch am Schulsystem, das Behinderte und Nichtbehinderte üblicherweise trennt, meist auf Wunsch der lokalen Schulbehörden. Die XVI. Paralympischen Sommerspiele werden im Herbst 2020 in Tokio ausgetragen – viele Beobachter verbinden damit die Hoffnung, dass sich dadurch die Situation von Menschen mit Behinderung in dem Land verbessert.

Reaktionen auf Twitter

Ist der witzig? Kommentar auf Twitter.

Ist der witzig? Kommentar auf Twitter.

Die Messerattacke in Sagamihara ist der blutigste Amoklauf seit Jahren in Japan. Gewaltverbrechen sind dort eher selten – in kaum einem anderen Land wird so wenig gemordet, geraubt und gestohlen wie in dem ostasiatischen Staat mit seinen 127 Millionen Einwohnern. Allerdings haben sich in den vergangenen Jahren die Messerattacken gehäuft. Dennoch ist die Anzahl der Morde in „Nippon“ dreimal geringer als in Deutschland und achtmal geringer als in den USA. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten liegt in Japan – das sehr strenge Waffengesetze hat – bei 97,7 Prozent; international kann nur die deutsche Polizei mit 96,1 Prozent mithalten. Zuletzt gab es vor acht Jahren einen ähnlich schwerwiegenden Vorfall in dem asiatischen Land. 2008 hatte ein 25-jähriger Mann in Tokio sieben Menschen erstochen.

Auf Twitter gab es nicht nur Entsetzen, sondern auch Kommentare wie: „Merkels Flüchtlingspolitik ist damit offensichtlich gescheitert. #Merkelmussweg!“ (Pumpkin Patch) und „Irgendwann stellt sich noch heraus, dass diese Amokläufe Ursache von Sonneneruptionen sind.“ (Michael Ritterswürden)

Wie wahr: Menschsein tut weh – wie schon lange nicht mehr.

Dieser Bericht basiert auf Informationen, die um 2:20 Uhr MEZ vorlagen. Aktualisierung um 11 Uhr:

Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Offiziellen der Stadt berichtet, war der Verdächtige am 19. Februar zwangsweise in klinischer Behandlung gewesen. Er hatte demnach erklärt, er wäre bereit, Behinderte zu töten, wenn die Regierung es erlauben würde. Nach dem Zwangsaufenthalt sei der Mann dann am 2. März wieder entlassen worden.

(RP)

(Foto: EPA/KIMIMASA MAYAMA/dpa)

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