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Diskriminiert ausgerechnet der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband blinde Menschen?

Inklusion mit doppelter Zunge: Der Verein Lichtblicke wirft dem DBSV vor, dass dessen Aura-Hotels schamlos abkassieren.

Lobby des Aura-Hotels Kur- und Begegnungszentrum Saulgrub, das besonders in der Kritik steht

Lobby des Aura-Hotels Kur- und Begegnungszentrum Saulgrub, das besonders in der Kritik steht

Wer als Reisender ein Tier mit ins Hotel nimmt, muss in der Regel für die Übernachtung extra bezahlen. Ausnahmen sind Assistenzhunde, weil sie unverzichtbare technische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung sind. So betont die Hotelkette Maritim auf ihrer Seite: „Blindenführhunde sind selbstverständlich kostenfrei.“ Betroffene dürfen ihre Tiere außerdem – so wie es das Gesetz vorschreibt – auch in den Speisesaal mitnehmen.

Ausgerechnet für die Aura-Hotels scheint das nicht so selbstverständlich zu sein. Sie gehören direkt oder indirekt zum Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und werden von ihm beworben. Die auf blinde Menschen spezialisierten Unterkünfte verlangen eine Gebühr für mitgebrachte Assistenzhunde, die zudem oft nicht in alle Räumlichkeiten mitgenommen werden dürfen. Für blinde Menschen ist das, als schlüge man ihnen die Beine weg. Und was für ein Signal setzt das für andere Tourismusfirmen?

Lichtblicke-Vorsitzender Bert Bohla mit seinem Assistenzhund (Foto: Privat)

Lichtblicke-Vorsitzender Bert Bohla mit seinem Assistenzhund (Foto: Privat)

Das bringt Lichtblicke e.V. auf die Palme: Die eigenen Leute würden diskriminiert, beschwert sich Lichtblicke-Vorsitzender Bert Bohla, der selbst blind ist und oft tierisch nervt. Der Selbsthilfeverein setzt sich seit 1996 für die Belange von Führ- und Assistenzhundgespannen ein – und streitet sich seit zwei Jahren mit dem DBSV über die Hundegebühr, hinter der die Frage lauert: Sind die Aura-Hotels Kameradenschweine?

Etwas höflicher als soeben ROLLINGPLANET formuliert es Lea Heuser, 1. Schriftführerin und Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Lichtblicke, die ebenfalls blind ist. In ihrem folgenden Bericht schildert sie die Dinge aus der Sicht ihres Vereins. ROLLINGPLANET hat den DBSV vorab um eine Stellungnahme gebeten, jedoch keine Antwort erhalten.

Inklusion: Nur eine Sache der Anderen?

Von Lea Hauser

Autorin Lea Heuser (Foto: Privat)

Autorin Lea Heuser (Foto: Privat)

Man stelle sich folgendes Szenario Vor: Ein Mensch, der einen Rollstuhl nutzt, möchte Urlaub machen und entscheidet sich für ein Hotel, das sich damit rühmt, speziell auf die Bedürfnisse von mobilitätseingeschränkten Personen einzugehen. Als er buchen will, erfährt er verdutzt, dass er einen Aufschlag zahlen muss, wenn er seinen Rollstuhl mitbringt. Auf Nachfrage, wie das denn sein könne, erklärt man ihm, dass sein Rollstuhl für das Hotelpersonal eine besondere Belastung darstellt. An den Reifen klebe angeblich so viel Dreck, dass ihm ständig hinterher geputzt werden müsse.

Ein absurder Scherz? Keineswegs! Diese Geschichte ist zwar nicht mit einem Rollstuhl passiert, für blinde Menschen mit Führhunden ist sie aber an der Tagesordnung.

Seit vielen Jahren hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) sieben vereinseigene Hotels, Pensionen und Tagungszentren. Die Häuser werden als einzelne Hotelbetriebe geführt, befinden sich aber in Trägerschaft der jeweiligen Landesverbände der Sehbehinderten- und Blindenselbsthilfe im Dachverband des DBSV. Die sogenannten Aura-Hotels, -Pensionen und -Zentren werben damit, speziell für die Bedürfnisse sehbehinderter und blinder Menschen gerüstet zu sein. Sie verfügen über Blindenschriftbibliotheken, halten verschiedenste technische Hilfsmittel vor und preisen reichhaltige Freizeit-, Wellness- und Seminarangebote für ihre Zielgruppe an.

Zusatzgebühren für Blindenführhunde

Fünf der sieben Häuser (Anm.d.Red.: Ausnahmen sind die Aura-Hotels in Timmendorf und Bad Meinberg) verlangen für einen mitgebrachten Blindenführhund jedoch Zusatzgebühren zwischen 2 Euro pro Tag und 10 Euro pauschal für die ersten fünf Aufenthaltstage. Argumentiert wird mit eigentlich selbstverständlichem Service wie Näpfen oder Hundedecken, die die Gäste vom Haus gestellt bekommen können und wie im obigen, überspitzten Beispiel mit dem höheren Reinigungsaufwand.

Positive Ausnahme: Aura-Hotel Timmendorfer Strand

Positive Ausnahme: Aura-Hotel Timmendorfer Strand

Dass beispielsweise ein Mensch mit Wanderschuhen deutlich mehr Dreck in die Räumlichkeiten des Hotels trägt als ein Hund mit seinen Pfoten, interessiert dabei scheinbar nicht weiter. Obwohl Assistenzhunde einen rechtlich verbrieften Zugang zu Restaurants, Lebensmittelgeschäften und medizinischen Einrichtungen haben, sperren sich einzelne Aura-Häuser gegen die Mitnahme des Hundes ans Buffet und weisen ihren Gästen mit Führhunden spezielle Plätze im Speisesaal zu.

Saulgrub: Hunde dürfen nicht überall mit

Im Aura-Hotel Saulgrub dürfen Führhunde den gesamten Hotelbereich für medizinische und Wellnessanwendungen nicht betreten, sondern müssen aus angeblich hygienischen Gründen auf dem Zimmer bleiben, während ihre Menschen sich zum Beispiel eine Massage gönnen.

Trotzdem verlangt Saulgrub selbst bei Seminarveranstaltungen, die sich explizit an Führgespanne richten, von allen Teilnehmenden die Extragebühr für Führhunde – so geschehen zuletzt im vergangenen April.

Ganz abgesehen von den konkreten Argumenten, die die Aura-Häuser für ihre Hundegebühr und das ausgrenzende Verhalten gegenüber Führgespannen ins Feld führen, kann es absolut nicht angehen, für ein notwendiges Hilfsmittel zur Mobilität zusätzlich zur Kasse zu bitten.

Trotz rechtlich eindeutiger Lage: Blinde kämpfen um Akzeptanz für ihre Hilfsmittel

Dass die Akzeptanz von Führ- und Assistenzhunden in der Öffentlichkeit sehr oft zu wünschen übrig lässt, erfahren die meisten Halterinnen und Halter solcher Hunde tagtäglich. So sind Zutrittsrechte zu Geschäften, Arztpraxen und öffentlichen Einrichtungen aller Art ein ständiger Zankapfel.

Auch bei der Nutzung von Hotels und Ferienwohnungen kommen blinde Menschen mit Führhund oft nicht um lange Diskussionen herum oder erfahren Ablehnung. Allerdings gibt es auf dem freien Markt auch viele Positivbeispiele, die ein Führgespann ohne Mehrkosten mit offenen Armen empfangen oder zumindest nach kurzer Aufklärungsarbeit ein diskriminierendes Verhalten schnell abstellen.

Dass in Einrichtungen der eigenen Selbsthilfeorganisationen wie den Aura-Häusern munter diskriminiert wird, während unabhängige Hotels und große Ketten sich oftmals viel unkomplizierter anstellen, empfinden viele Betroffene als skandalös.

Führ- und Assistenzhunde, die als notwendige Hilfsmittel anerkannt sind und vom Arzt verordnet werden, sind von ihrem Status her tatsächlich mit einem Rollstuhl vergleichbar, ohne den ein Mensch mit entsprechender Behinderung nicht zurechtkommt.

Rein rechtlich gelten sie nicht als Tiere, sondern als Hilfsmittel und unterliegen damit auch nicht den Regelungen, die für jeden normalen Familienhund gelten. Gegenüber einem Langstock hat ein Führhund viele Vorteile. Menschen, die sich für dieses mobilitätssteigernde Hilfsmittel entscheiden, dürfen daher gegenüber den Nutzern eines Langstocks auf keinen Fall benachteiligt werden.

DBSV scheint das Problem aussitzen zu wollen

Bereits im Sommer 2011 forderte Lichtblicke e.V. den Arbeitskreis der Blindenführhundhalter im DBSV nachdrücklich auf, sich für eine Abschaffung der Zusatzkosten für Führhunde in den Aura-Häusern einzusetzen.

Obwohl Sabine Häcker, die hauptamtliche Projektleiterin für Führhunde im DBSV, umgehend erklärte, man sei sich des Problems bewusst und versprach, das Thema auf die nächste DBSV-Präsidiumssitzung zu tragen, herrschte anschließend fast zwei Jahre lang Funkstille. Zwischenzeitlich nahm zwar eines der Aura-Zentren von den Zusatzkosten für Führhunde abstand, jedoch geschah das auf Betreiben einzelner Personen. Der DBSV hielt die Füße still und schien das Problem aussitzen zu wollen.

Pünktlich zur Urlaubssaison 2013 griff der Vorstand von Lichtblicke e.V., das unschöne Thema wieder auf und hakte nach. Auf Nachfrage bei Sabine Häcker und Robert Böhm (Bundessprecher des Arbeitskreises der Führhundhalter im DBSV) erhielt man die Antwort, dass es in den Strukturen des DBSV nicht vorgesehen sei, auf die Preisgestaltung und Haushaltsplanung der Aura-Hotels und -Zentren Einfluss zu nehmen. Dies hätte bereits die Präsidiumssitzung im September 2011 ergeben.

Bei Inklusion mit gutem Beispiel vorangehen

Abgesehen von der Frage, wieso es knapp zwei Jahre dauert und einer zusätzlichen Nachfrage bedarf, bis eine solche Information weitergegeben wird, ist der Lichtblicke-Vorstand entsetzt über die hier deutlich werdende Einstellung des DBSV. „Wozu gibt es den DBSV eigentlich, wenn er nicht mal innerhalb der eigenen Strukturen dafür sorgen kann oder will, dass Diskriminierungen innerhalb der eigenen Interessengruppen unterbleiben?“ so unser 1. Vorsitzender Bert Bohla. „Es ist für uns absolut nicht nachvollziehbar, weshalb der DBSV gerade an dieser Stelle so mauert.“

Es wäre ein Leichtes, durch eine nachdrückliche Einflussnahme auf die eigenen Landesverbände als Betreiber der Häuser genau die Diskriminierungen und Barrieren abzubauen, die er bei anderen so gerne anprangert.

Wir fragen uns, wer den DBSV in seinen Bestrebungen überhaupt noch ernst nehmen soll, in der Öffentlichkeit die Inklusion voranzutreiben, wenn diese nicht einmal in den vereinseigenen Hotels realisiert wird. Man braucht sich dann wirklich nicht mehr zu wundern, wenn die Verantwortlichen verschiedener Hotelketten mit dem Finger auf die Aura-Häuser zeigen und sagen: „Was wollt ihr eigentlich, sogar der DBSV kassiert für Führhunde extra“.

Verein Lichtblicke e.V.: Webseite

Eine Liste aller Aura-Häuser mit Links zu deren Webseiten und Preislisten findet sich unter http://www.dbsv.org

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4 Kommentare

  • Doris

    Ich habe auch schon schlechte Erfahrungen mit dem DBSV gemacht. Ich hatte mich bei seinem Projekt BIK als Barrierefreiheitsexpertin beworben – ich bin selbst blind – und habe dann von denen nie wieder was gehört. Meine Anfragen sind auch nicht beantwortet worden, ich bin dann aus dem Verein ausgetreten.

    1. August 2013 at 19:42
  • Andreas mangelsdorf

    Viel schlimmer als die oben beschriebene Problematik finde ich, dass die Blindenselbsthilfeverbände es nicht schaffen, gemeinsame Politik zu machen. Und wenn hier der Vorsitzende eines Selbsthilfevereins die Existenz eines anderen Vereins auf diese Art und Weise öffentlich in Zweifel stellt, ja gerade zu verspottet, dann sollte man sich überlegen, ob man selbst anprangern darf. Statt gegen andere zu wettern um sich selbst vermeindlich besser zu positionieren, sollte man mal überlegen, ob die Zusammenführung der unterschiedlichen Knowhows nicht zielgerichteter ist. Aber genau das ist das Problem der deutschen Blindenselbsthilfe, damit es viele Menschen gibt die was zu sagen haben, bekriegen sich die unterschiedlichen sogenannten Interessenvertretungen, anstatt kooperierend eine starke Lobby zu bilden.

    5. Juli 2014 at 05:47
    • Bert Bohla

      Da spricht uns doch tatsächlich mal jemand so richtig aus der Seele.
      Nichts würden wir lieber tun, als die unterschiedlichen Kompetenzen zu bündeln und gemeinsam eine starke Lobby zu bilden…
      Nichts würden wir lieber tun, als mit dem DBSV in Sachen Assistenzhund gemeinsam an einem Strang zu ziehen…
      … nur sollte es dann schon auch dieselbe Richtung, vor allem aber die richtige Richtung sein!

      Wenn aber z.B. Diskriminierung innerhalb der eigenen Interessengruppe die Richtung sein soll, kommt das für uns – hoffentlich verständlicherweise – absolut nicht in Frage, dann gelten wir noch lieber bei manchen Leuten als „Nestbeschmutzer“

      Und leider ist die hier beschriebene Diskriminierung innerhalb der eigenen Interessengruppe noch längst nicht der einzige Kritikpunkt, der uns an solch einer Kooperation hindert. 🙁

      Uns geht es konsequent rein um die Sache und nicht um Kooperation um jeden Preis, genau deshalb scheuen wir uns auch nicht, auf Mißstände „in den eigenen Reihen“ hinzuweisen – und genau das zeichnet uns aus.

      6. Juli 2014 at 04:02
  • ConquestARW2

    Vielleicht sollte man einmal alle Behindertenorganisationen unter die Lupe nehmen.
    Meiner Meinung werden gerade alle Behinderten unter dem Deckmantel der Inklusion verkauft und verraten.
    Die Diskriminierung beginnt bei denen die Behinderte lenken wollen um ihren Posten zu erhalten

    11. Oktober 2014 at 22:52

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