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DISKUSsion über Inklusion: Behinderter Bulle gegen nichtbehinderten Bullen

Sebastian Dietz gegen Robert Harting – erstmals in 92 Jahren kommt es heute beim ISTAF zum Duell Olympiasieger gegen Paralympicssieger.

V.l.n..r.: Raphael Holzdeppe Stabhochspringer, Sebastian Dietz (Paralympics-Diskuswerfer), Christina Obergföll (Speerwerferin), Ezekiel Kemboi (3000-m-Hindernis-Weltmeister) und Robert Harting (Diskuswerfer) posieren bei der Pressekonferenz zum Internationalen Stadionfest ISTAF (Foto: Michael Kappeler/dpa)

V.l.n..r.: Raphael Holzdeppe Stabhochspringer, Sebastian Dietz (Paralympics-Diskuswerfer), Christina Obergföll (Speerwerferin), Ezekiel Kemboi (3000-m-Hindernis-Weltmeister) und Robert Harting (Diskuswerfer) posieren bei der Pressekonferenz zum Internationalen Stadionfest ISTAF (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Kaum kommt ein Mensch mit Behinderung dazu, ist das bei kämpfenden Männern übliche Testosteron plötzlich weg: „Ein goldiges Duell“, nannte das „Westfalen-Blatt“ die bevorstehende Begegnung zwischen Robert Harting und Sebastian Dietz.

Würde man solch einen Ausdruck für ein sportliches Spitzentreffen verwenden, wenn kein Behinderter dabei wäre? Wohl eher nicht. Weshalb ROLLINGPLANET einfach mal vom Duell zweier Bullen spricht. Und das selbstverständlich nicht niedlich, aber ganz lieb meint.

Denn sowohl der eine als auch der andere ist ein echter Kerl. Das wissen wir im Falle von Robert Harting (2,01 Meter lang/126 kg schwer) spätestens, seit er vor Freude aus Olympia-Gold sein Trikot zerriss. Und auch die Muckies von Sebastian Dietz sind keinesfalls zu verachten, wenngleich er im Vergleich zu Harting eher wie ein Kälbchen (1,85 Meter/82 kg) wirkt.

Im Wohnzimmer von Harting

Die beiden werden am Sonntag bei einem historischen Bullenkampf aufeinandertreffen. Und Dietz hat schon mal versprochen: „Mein Trikot werde ich vor den Kameras nicht zerreißen, das ist ja Roberts Markenzeichen.“

Nach seinem Olympiasieg in London zerreißt Robert Harting vor Freude sein Trikot (Foto: dpa/Marius Becker)

Nach seinem Olympiasieg in London zerreißt Robert Harting vor Freude sein Trikot (Foto: dpa/Marius Becker)

Unser Kollege Dietz wird es nicht leicht haben. Denn Harting will auch beim 72. Internationalen Stadionfest (ISTAF) im Berliner Olympiastadion in seinem „Wohnzimmer“ auftrumpfen. Von den Organisatoren erhielt der dreimalige Diskus-Weltmeister am Freitag symbolisch die entsprechenden Utensilien, nachdem er im Vorjahr angekündigt hatte, „in Boxershorts mit einer Mistgabel“ sein Wohnzimmer verteidigen zu wollen.

Inklusions-Premiere bei dem ISTAF

Erstmals in der 92-jährigen Historie des ISTAF kommt es am Sonntag zu einem Wettkampf eines Olympiasiegers mit einem Paralympicssieger: Der 28-jährige Lokalmatador Harting trifft im Diskus-Ring auf den teilweise gelähmten, gleichaltrigen Sebastian Dietz.

Eine Siegchance hat Dietz natürlich nicht. Mit einer gelben Linie bei der durchschnittlichen Weite der jeweils letzten fünf Wettkämpfe sollen die Leistungen vergleichbar gemacht werden.

„Der Behindertensport hat einen schwierigen Stellenwert. Robert unterstützt mich, wo er kann. Ein solcher gemeinsamer Wettkampf mit nichtbehinderten Werfern ist eine Chance zu zeigen, dass der Behindertensport an Zugkraft gewinnt“, meinte Dietz am Freitag.

Sebastian Ernst Klaus Dietz (so der ganze Name) bei seinem Paralympics-Gold im Diskus am 3. September 2012 in London (Foto: dpa)

Sebastian Ernst Klaus Dietz (so der ganze Name) bei seinem Paralympics-Gold im Diskus am 3. September 2012 in London (Foto: dpa)

Ein Präsident mit Mut und Vision

Der Direktor des Berliner Leichtathletik-Meetings, Gerhard Janetzky, der diese Idee hatte, sieht den Wettkampf als einen weithin sichtbaren Beitrag zur Inklusion (ROLLINGPLANET berichtete):

Janetzky01a„Damit zeigen wir weltweit vor 62 Millionen TV-Zuschauern, dass wir das Thema Inklusion ernst nehmen“, sagte der Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes und Inklusionsbeauftragte des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV).

Hut ab – er hat sogar schon das nächste Ziel ausgegeben: „Einen Wettbewerb, der jeweils zur Hälfte aus Behinderten und Nicht-Behinderten besteht.“

Der Riese und der gelähmte Freund

Im Sommer lernten sich Dietz und Harting bei einer gemeinsamen Trainingseinheit im Bundesleistungszentrum Kienbaum kennen (BILD macht daraus: „Diskus-Riese Harting: Duell mit seinem gelähmten Freund“). „Wir verstehen uns gut, ich kann von ihm einiges lernen“, so Dietz.

Aufgrund seiner eingeschränkten Beweglichkeit wirft er aus dem Stand, schon deshalb sind seine Weiten herausragende Leistungen. Am Sonntag will sich der Ostwestfale genau anschauen, was Harting macht, wie er etwa mit schwächeren Würfen umgeht und dann zurück in den Wettkampf findet.

Wojtek Czyz gab Tipps

„Diskuswerfen hat mein Leben gerettet“, sagt Dietz, der bei einem Autounfall 2004 schwer verletzt wurde und seither zu den etwas ulkigen Querschnittgelähmten (inkomplett) gehört, die alleine stehen können. „Sport war auch schon davor mein Leben,“ erinnert sich Dietz. Er spielte bis zu seiner Behinderung als hochtalentierter Torwart Fußball, ihm lag ein Angebot des 1. FC Kaiserslautern vor.

Das Schicksal kennt Wojtek Czyz. Der vierfache Paralympicssieger, der am Freitag seine Karriere beendete und mit seiner Freundin eine Weltumsegelung nebst Charity-Projekt plant, stand ebenfalls vor einer Profi-Laufbahn als Fußballer – ehe ihm 2001 nach einem Zusammenprall auf dem Rasen und einem Behandlungsfehler ein Bein amputiert werden musste.

Czyz war es denn auch, der Dietz Ratschläge gab. „Es ist wichtig für Menschen, die einen Unfall hatten, dass sie nicht allein sind und Hilfe bekommen“, sagt Dietz. Deshalb sei die Unterstützung von Czyz für ihn so wertvoll gewesen. Seinem Sport ist Dietz treu geblieben: Er ist Frauenfußball-Hobbytrainer des SC Enger (Nordrhein-Westfalen).

Zwölf Weltmeister beim ISTAF

Robert Harting in Berlin (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Robert Harting in Berlin (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Bei dem mit zwölf Weltmeistern erstklassig besetzten Leichtathletik-Meeting werden am Sonntag neben Harting auch die anderen deutschen Helden von Moskau dabei sein. Christina Obergföll (Speer), Raphael Holzdeppe (Stabhoch) und David Storl (Kugel) stellen sich vor großem Heimpublikum der WM-Revanche.

Im Vorverkauf gingen bislang 51.500 Tickets weg, die Veranstalter hoffen auf mindestens 55.000 Fans. Der Zuschauerrekord des seit Jahren bestbesuchten Eintages-Meetings der Welt steht seit 2007, als zum Golden-League-Finale 70.253 Besucher das Olympiastadion füllten. Seit 2010 gehört das mit einem Etat von 1,7 Millionen Euro ausgestattete Berliner Meeting zur Challenge-Serie, hat aber seine Anziehungskraft nicht verloren.

77.000 Euro für einen Weltrekord

„Beim größten deutschen Meeting, wo so viele fanatische Fans dabei sind, wird es schwer, noch einmal die ganz großen Höhen anzugreifen. Aber ich will es versuchen“, meinte Holzdeppe.

Und ähnlich wie Dietz kündigte Holzdeppe an, auch bei einem Sieg nicht wie Harting sein Trikot spektakulär auseinanderzunehmen. „Das wird nicht passieren. Nach dem WM-Titel habe ich es ausgezogen, aber nicht zerrissen.“

Für einen Weltrekord lockt das ISTAF mit einer Prämie von 77.777 Euro, die von einem Sponsor übernommen wird. Insgesamt 15 Weltbestmarken wurden bislang in der ISTAF-Geschichte aufgestellt, zuletzt war 2010 der Kenianer David Rudisha über 800 Meter in 1:41,09 Minuten Weltrekord gelaufen.

Keine 77.000 Euro für Dietz

Bekommt Dietz auch 77.777 Euro, wenn er Weltrekord wirft? Claus Frömming von Veranstalter Top Sportmarketing wiegelt ab: „Nein, das Geld ist nur für IAAF-Wettbewerbe. Wir handeln mit Sebastian einen individuellen Betrag aus.“

Was dazu wohl Czyz sagen wird? Der tobte im vergangenen Jahr angesichts der im Vergleich zu Olympia niedrigeren Prämien für die Sieger der Paralympics (4.500 statt 7.500 Euro): „Das können sie sich sparen“. Inklusion ist seiner Ansicht nach erst dann realisiert, wenn Behindertensportler das gleiche Geld bekommen wie die nichtbehinderten Athleten.

ROLLINGPLANET drückt Dietz den Daumen, dass er einen Weltrekord hinlegt. Dann würden wir erfahren, wie viel Kohle er bekommt (hoffentlich mehr als 1.111 Euro) – und wir könnten die DISKUSsion über Inklusion noch mal so richtig schön fortsetzen.

(RP/Johann Löwe, Frank Thomas/dpa)


So ist das Duell ausgegangen
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