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DLV startet Wohlfühl-Attacke auf Markus Rehm

Statt der EM-Nominierung gibt es jetzt viele kleine Kaffeekränzchen und das Versprechen, ihn in seiner Entwicklung zu fördern.

Markus Rehm (Foto: Agentur Heimspiele)

Markus Rehm (Foto: Agentur Heimspiele)

Beginnen wir mit einer ROLLINGPLANET-Sportweisheit: Die einen haben keine Unterschenkel, die anderen keine Eier.

Der größte Fehler des Markus Rehm bestand bekanntlich darin, dass er weiter gesprungen ist als alle anderen deutschen Athleten. Das hätte er mal lieber sein lassen sollen, dann müssten wir uns alle nicht den Kopf zerbrechen, was passiert, wenn Menschen mit Behinderung plötzlich besser sind als Menschen ohne Behinderung.

Den Kopf zerbrechen wollte sich auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nicht, der den unterschenkelamputierten Rehm lange Zeit nicht ernst nahm und nach dem Motto verfuhr: Lassen wir ihn mitspielen respektive mitspringen, das macht sich in den Zeiten der Inklusionsbekundungen ganz gut. Womit er nicht gerechnet hatte: Dass sich Rehm nicht mit einem dritten oder vierten Platz zufrieden gab.

„Sehr, sehr skandalös“

Der 25-jährige Ausnahmesportler gewann bei den deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten Ende Juli in Ulm den Titel und erfüllte mit 8,24 Meter die EM-Norm. Der DLV hatte Rehm aber nicht für die am Dienstag in Zürich beginnende Europameisterschaft nominiert, weil biomechanische Messungen gezeigt hätten, dass er durch seine Karbon-Prothese im Vorteil gegenüber nichtbehinderten Springern gewesen sein soll.

Statt ein EM-Ticket gibt es nun viele freundliche Worte. Der DLV startet eine Wohlfüll-Attacke auf den Leverkusener, der ohnehin sehr viel pflegeleichter ist als beispielsweise der vierfache Paralympics-Sieger Motzki Wojtek Czyz („sehr, sehr skandalös, was da abgeht. Man muss ganz klar und offen sagen: Seit über einem Jahr ist klar, dass der Markus bei den deutschen Meisterschaften irgendwann teilnehmen wird. Das wusste jeder. Man hat seitens des DLV verpennt, sich schon vor einem Jahr mit diesem Thema zu beschäftigen“):

Der Verband will Rehm bei seiner sportlichen Entwicklung unterstützen, wie es nun heißt. Bei einem Treffen zwischen Sportdirektor Thomas Kurschilgen und Cheftrainer Idriss Gonschinska in der vergangenen Woche im Bundesleistungszentrum Kienbaum wurde dem Paralympics-Sieger angeboten, an Trainingslagern oder anderen Maßnahmen des DLV teilzunehmen. „Es war ein sehr offener Dialog mit Markus Rehm und seiner Trainerin Steffi Nerius“, sagte Kurschilgen am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa in Zürich.

Wer braucht eigentlich Entwicklungshilfe?

Außerdem wurde zwischen DLV und Rehm vereinbart, dass eine Arbeitsgruppe auch mit Vertretern des Deutschen Behindertensportverbandes und Trainingswissenschaftlern eingerichtet wird, um offene Fragen in dem Fall zu klären.

ROLLINGPLANET fragt sich: Der DLV wird Rehm nun dermaßen intensiv in seiner sportlichen Entwicklung unterstützen, damit er anschließend weiter springt als sämtliche Lebewesen? Wozu? Um ihm den Titel und die Teilnahme an internationalen Turnieren mit Nichtbehindertensportlern wie bisher, aber ohne schlechtes Gewissen, verweigern zu können? Wer braucht hier eigentlich Entwicklungshilfe? Markus Rehm, mach uns einen Gefallen: Unterstütze den DLV in seiner inklusiven Entwicklung. Einfach mal die Tasse Kaffee wütend durch den Raum werfen – mindestens 8,24 Meter weit, bitteschön.

(RP/mit Materialen von dpa)

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