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Dramatische Wende im Fall Pistorius: Jetzt wird es bizarr

Der Chefermittler wurde abberufen. Er steht selbst im Verdacht des siebenfachen versuchten Mordes und muss Ermittlungspannen einräumen.

Gibt eine dubiose Figur ab: Chefermittler Hilton Botha (Screenshot Reuters)

Gibt eine dubiose Figur ab: Chefermittler Hilton Botha (Screenshot Reuters)

Olympia-Held Oscar Pistorius (26) hat seine Freundin Reeva Steenkamp († 29) erschossen, wenigstens das ist eindeutig. Aber war es ein Versehen, wie Pistorius beteuert, oder geplanter Mord? Das ist die Frage in einem Rechtsverfahren, das bereits jetzt nicht nur wie erwartet spektakulär – sondern auch unerwartet bizarr ist.

Hilton Botha, der leitende Polizeiermittler im Mordfall des Paralympics-Stars Oscar Pistorius, steht selbst unter dem Verdacht des siebenfach versuchten Mordes. Im Mai muss er deshalb vor Gericht, wie heute morgen bekannt wurde. 2009 gehörte er zu einer Gruppe von Polizisten, die auf einen Kleinbus mit sieben Insassen schossen, um ihn am Weiterfahren zu hindern. Das Verfahren wegen dieses Vorfalls war eingestellt worden, aber vor kurzem und noch vor dem Pistorius-Drama wieder aufgenommen worden. Es gilt nun als wahrscheinlich, dass Botha abgelöst wird und nicht mehr als bislang wichtigster Mann der Staatsanwalt, die auf Mord plädiert, tragbar ist. Update 16 Uhr: Die Polizei hat Botha als Chefermittler im Fall Pistorius abberufen.

Zudem kommen offensichtlich erhebliche Ermittlungspannen, die Botha zu verantworten hat. Dieser spielte am Mittwoch, dem zweiten Tag der Gerichtsanhörung im Fall Pistorius, eine zentrale Rolle. Vor dem Magistratsgericht in der südafrikanischen Hauptstadt wandte er sich vehement gegen eine Freilassung von Pistorius auf Kaution. Er betonte, dass es bei dem Beschuldigten eine erhebliche Fluchtgefahr gebe. Schließlich drohe dem 26-Jährigen bei einer Verurteilung eine Haftstrafe zwischen 15 Jahren und lebenslänglich. Pistorius besitze ausländische Konten und eine Immobilie in Italien.

Hat die Polizei grobe Fehler gemacht?

In einem Kreuzverhör des Pistorius-Anwalts Barry Roux musste Botha zugeben, dass am Tatort keine Belege dafür gefunden worden seien, die den Darstellungen von Pistorius widersprächen, der beteuert, dass er an einen Einbrecher im Badezimmer geglaubt und seine Freundin versehentlich getötet habe. Zudem hatte Botha ausgesagt, Pistorius habe nach den Schüssen keinen Notarzt gerufen – was offenbar falsch war.

Eine Zeuge, führte Botha an, habe die ganze Nacht über Streitereien im Haus von Pistorius gehört, was die Mordtheorie belege. Auf die Frage des Anwalts, wie weit entfernt der Zeuge wohne, sagte Botha zunächst 600 Meter, um dann später auf 300 Meter zu revidieren. Roux kritisierte scharf angebliche Fehler und Versäumnisse der Polizei bei der Spurensicherung. So habe Botha bei der Erkundung des Tatorts keine Schuhüberzüge getragen. Botha musste zugeben, dass auch die Ermittlungsergebnisse der Rechtsmediziner und der Ballistiker noch nicht vorlägen.

An diesem Donnerstag wird die schon jetzt ungewöhnlich lange Anhörung (seit Montag) vor dem Gericht in Pretoria fortgesetzt. Polizei und Staatsanwalt lehnen eine Freilassung wegen Fluchtgefahr entschieden ab. Die Verteidigung glaubt, dass es schon alleine wegen mancher Ermittlungsmängel keine Belege für einen „vorsätzlichen Mord“ gebe.

Inzwischen ist der Sportler, dessem hochkarätigen Verteidigerteam ein Medienexperte angehört, medial in die Offensive gegangen: „Nach den jüngsten tragischen Ereignissen und dem enormen Interesse weltweit hat die Familie von Oscar Pistorius entschieden, die offizielle Website den neuesten Nachrichten über Entwicklungen sowie Botschaften der Unterstützung zu widmen“, heißt es jetzt auf seinem Internet-Auftritt www.oscarpistorius.com/. „Wir glauben, dass dies der angemessene Weg ist, mit den Botschaften der Unterstützung umzugehen und um die Medien über die entscheidenden Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten“, wird der Onkel des Sportstars, Arnold Pistorius, zitiert.


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