Ein Aufruf zur Toleranz: Deutsche Heimat mit 1000 Gesichtern

Ob Mann mit Down-Syndrom oder Sebastian Schweinsteiger – 1000 Menschen hat der Fotograf Carsten Sander porträtiert. Nun geht die monumentale Serie auf Reisen. Von Dorothea Hülsmeier

Aus eintausend Porträtfotos besteht die Ausstellung „HEIMAT. Deutschland – deine Gesichter“. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Aus eintausend Porträtfotos besteht die Ausstellung „HEIMAT. Deutschland – deine Gesichter“. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Was ist das Gesicht Deutschlands? Ist es freundlich und heißt Fremde willkommen, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier es sich wünscht? Oder hat es „ein paar schlechte Züge“ und ist „leider nicht ganz humorvoll“, wie Linken-Politiker Gregor Gysi meint? „Es gibt nicht ,das Gesicht‘“, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert. Deutschland bestehe schließlich aus Millionen Menschen, von denen Hunderttausende zugewandert seien.

Der Fotograf Carsten Sander hat sich auf die Suche nach Deutschlands Gesicht gemacht. In fünf Jahren hat er 1000 Menschen fotografiert – Kinder und Alte, Menschen mit Behinderung, Obdachlose und Ur-Bayern, Schauspieler wie Veronika Ferres oder Mario Adorf, Fußballstars wie Bastian Schweinsteiger, Politiker wie den kürzlich gestorbenen Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Gysi, Lammert und Steinmeier. Immer frontal im gleichen Ausschnitt, immer vor der gleichen grauen Leinwand, immer mit „neutralem“ Blick, das heißt: nicht lachend, keine Mimik.

Diesseits und Jenseits

Erstmals wird die monumentale Porträtserie „Heimat. Deutschland – Deine Gesichter“ nun in Gänze in Mönchengladbach gezeigt. Auf einer Wandfläche von über 100 Quadratmetern sind die 1000 Porträts in Reih’ und Glied gehängt – in 25 Reihen zu je 40 Fotos.

Die Gesichter und 2000 Augen blicken den Besucher an einem besonderen Ort an: In der riesigen und lichten Kirche St. Kamillus, erbaut von dem Kirchenbaumeister Dominikus Böhm in den 30er Jahren. Nach dem Verlassen des Ordens der Kamillianer wurde sie kürzlich zu einer modernen Grabeskirche umgebaut.

Der Fotograf Carsten Sander nennt seine Arbeit „Wahrheitsfotografierkunst“. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Der Fotograf Carsten Sander nennt seine Arbeit „Wahrheitsfotografierkunst“. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Gegenüber der Wand mit Sanders Porträts sowie auf der Galerie stehen moderne Urnen-Schränke mit quadratrischen Abteilen – in jedes passt eine Urne. Manche Abteile tragen bereits Namen der Verstorbenen und sind hell beleuchtet. Andere sind noch leer und dunkel. Auf der Galerie liegen welkende Blumen einer Beerdigungszeremonie. Formal scheinen die Urnen der Toten und die Porträts der Lebenden in ihrer streng geometrischen Anordnung aufeinander abgestimmt worden zu sein. Das Diesseits und Jenseits bilden hier eine ungewöhnliche Allianz.

Bilder fürs Bewusstsein

Eines von tausend Gesichtern: Michael (Foto: Carsten Sander)

Eines von tausend Gesichtern: Michael (Foto: Carsten Sander)

„Einen Ruck im Bewusstsein“ möchte der frühe Modefotograf Sander (50) erzeugen – auch vor dem aktuellen Hintergrund der Flüchtlingsdebatte. Menschen jeglicher Hautfarbe und Nation, Bekannte und Unbekannte hat er fotografiert. „90 unterschiedliche ethnische Gruppen sind hier vertreten. Bei keinem empfinden wir das als Problem.“ Durch die Flüchtlinge werde sich das Gesicht Deutschlands nicht verändern, sagt Sander. „Das Gesicht hat sich längst verändert.“

Die Hängung der Fotos hat Sander komplett den Handwerkern überlassen. Das Konterfei des Bloggers Sascha Lobo hängt nun neben dem Gesicht eines Mannes mit Down-Syndrom. Das Bild eines Obdachlosen mit einer Ratte im Arm findet sich neben dem Foto eines Ur-Bayern mit Gamsbart. Prominente wie Scorpions-Sänger Klaus Meine, Schauspielerin Hannelore Elsner oder Moderator Markus Lanz muss man lange auf der großen Wand zwischen vielen unbekannten Gesichtern suchen. Kanzlerin Angela Merkel hätte auch gut in die Serie gepasst. Aber sie wollte nicht.

Gleichgestellt, aber nicht gleichgemacht

Alle Porträtierten würden „gleichgestellt“, aber nicht „gleichgemacht“, sagt Sander. Anfangs kommen dem Betrachter die Menschen fast abwehrend vor, sie kontrollieren ihre Gesichtszüge, scheinen Angst zu haben, „erkannt“ zu werden. Sander möchte, dass die Menschen „ihre eigene Wahrhaftigkeit“ erkennen. Manchmal entdeckt man auch einen kleinen Kontrollverlust wie etwa bei Genscher, dessen Brille leicht schief auf der Nase sitzt.

An Dutzenden Orten hat Sander fotografiert, er war in Altersheimen, in Behindertenwerkstätten, in einer Bierschänke am Tegernsee und im Auswärtigen Amt. Manche Porträtierte sind inzwischen gestorben – wie Genscher, Egon Bahr oder auch drei Freunde Sanders. „Es ist so, als würde sich die Wand auflösen“, sagt der Fotograf. „Wir vergessen schon mal, dass wir alle sterblich sind.“

Internet: www.deutschlanddeinegesichter.de

Die Ausstellung „Heimat. Deutschland – Deine Gesichter“ ist bis 26. Juni in St. Kamillus, Kamillianerstraße 40, 41069 Mönchengladbach, zu sehen und ab 3. Juli im Dominikanerkloster in Münster. Anschließend soll sie nach Mexico-Stadt wandern.

(dpa)

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