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Ein Auge, das sich selbstständig machte

ROLLINGPLANET-Nutzerin Maria Hengelman-Schlag schildert Anekdoten aus dem Alltag einer blinden Frau.

Perlenschmuck in Form eines Auges

Achtung: Dies ist kein echtes Glasauge, sondern Perlenschmuck, den wir hier zu illustrativen Zwecken verwenden (Foto: beadclub.de)

Im Oktober 2010 hatte ich in unserem Urlaub ein kleines Erlebnis. Mein Mann und ich waren Nachmittags mit einem befreundeten Ehepaar schwimmen. Ich stieß mich am Beckenrand ab, um in Schwung zu kommen. Da spürte ich, wie sich mein rechtes Glasauge selbstständig machte, aus seiner Höhle rutschte und im Wasser unterging. Zunächst gerieten wir alle in Panik. Nur mein (ebenfalls sehbehinderter) Mann behielt die Ruhe und tauchte unter, um die Prothese zu holen, die der Mann des befreundeten Ehepaares geortet hatte – er hatte sie plötzlich unter einem seiner Füße gespürt. Zum Glück war das Auge nicht beschädigt, wir lachten später nur noch darüber.

Blind zu sein ist nicht einfach

Einmal wollte mein Mann eine Freundin von der Bahn abholen. Er stand am Gleis und wartete auf sie. Da fuhr ein Zug ein, sofort kamen zwei Personen angelaufen. Sie packten ihn links und rechts an den Armen, und ehe er was sagen konnte, hievten sie ihn in den Zug. Er bedankte sich freundlich und stieg wieder aus.

Verträumter Busfahrer

Zweimal ist es mir schon passiert, dass ich aus dem Bus aussteigen wollte, und der Fahrer mir vor der Nase die Tür zumachte. Gott sei Dank machten ihn einige Passagiere darauf aufmerksam und ich konnte aussteigen.

Wenn ein Taxifahrer und eine Führhündin pennen

Früher war ich öfter mit dem Taxi unterwegs. Zum Glück hatte ich immer Dani, meine Führhündin, dabei. Ich wollte nach Hause und sagte dem Fahrer meine Adresse. Doch was tat dieser? Er setzte mich einfach zwei Straßen weiter ab. Schon beim Aussteigen merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte. Ich gab Dani das Kommando: “Such nach Hause!” Aber sie dachte wohl, ich wollte mit ihr einen Spaziergang machen und ignorierte meinen Auftrag. Sie marschierte mit mir einfach drauf los. Aber da ich nach einem langen Arbeitstag keine Lust hatte, herumzuirren, suchte ich schließlich mit ihr die nächste Haustür auf und klingelte. Eine nette Dame öffnete, ich erzählte ihr, was geschehen war, und sie erklärte mir den Weg zu meinem Haus. Von da an befolgte Dani auch wieder meine Kommandos.

Ein Missverständnis

Anfang der neunziger Jahre im vorigen Jahrhundert beantragte ich hier in den Niederlanden eine Schreibmaschine für Blinde (Perkinsbrailler). Ein paar Wochen später bekam ich eine Absage, mit der Begründung, man würde keine Strickmaschine genehmigen. Als mein Mann und ich das hörten, lachten wir schallend und erklärten dem Beamten, dass ich keine Strickmaschine (im Niederländischen breimachine), sondern eine Blindenschreibmaschine (im Niederländischen braille-typmachine) beantragt habe.

Die 49-Jährige Maria Hengelman-Schlag lebt in Enschede (Niederlande). Mehr über sie erfahren Sie in unserem Bericht: Marias Weg


Zum Themenschwerpunkt Blinde und sehbehinderte Menschen


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