""

Ein blinder Mann gegen die Nazis: Weidts Liste (und Liebe)

Er rettete blinde und gehörlose Kameraden – und seine Freundin: Das ARD-Dokudrama „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ erinnert an einen großen Mann.

Edgar Selge als Otto Weidt und Henriette Confurius als Alice Licht in „Ein blinder Held - Die Liebe des Otto Weidt“ (Foto: DasErste)

Edgar Selge als Otto Weidt und Henriette Confurius als Alice Licht in „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ (Foto: DasErste)

Sein Name ist nur wenigen bekannt. Aus Anlass der antisemitischen Pogromnacht vor 75 Jahren haben wir bereits auf ihn aufmerksam gemacht: Auf den blinden Bürstenfabrikanten Otto Weidt (1883 – 1947), der während der NS-Zeit für blinde und gehörlose Juden kämpfte.

Wir waren ein wenig enttäuscht, dass sich – wie wir anhand der Klick-Statistiken für ROLLINGPLANET wissen – nur relativ wenige Menschen für Weidt interessierten. Das wird sich Anfang kommenden Jahres vermutlich und hoffentlich ändern.

Die ARD hat ein Dokudrama über Otto Weidt gedreht, der in der Nazi-Zeit Juden vor der Deportation in die KZs gerettet hatte. In „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ verkörpert Edgar Selge eindrucksvoll den Unternehmer. Die Sendung wird am Montag, 6. Januar, um 21.45 im „Ersten“ ausgestrahlt.

Ein Blinder gegen den Terror der Nazis

Weidt hatte während des Zweiten Weltkriegs versucht, in seiner Blindenwerkstatt in Berlin sehbehinderte jüdische Mitarbeiter vor dem Terror der Nazis zu bewahren. Als seine von ihm geliebte Sekretärin Alice Licht (Henriette Confurius) in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wird, macht sich der blinde Fabrikant persönlich auf, um sie zu befreien.

Otto Weidt (l.) in seinem Büro in der Blindenwerkstatt Berlin, mit Alice Licht und Gustav Kremmert, um 1941 (Foto: Museum Blindenwerkstatt)

Otto Weidt (l.) in seinem Büro in der Blindenwerkstatt Berlin, mit Alice Licht und Gustav Kremmert, um 1941 (Foto: Museum Blindenwerkstatt)

Zu jenen, denen Otto Weidt mit seinem Mut und seiner Courage helfen konnte, gehört die bekannte Autorin Inge Deutschkron. Die heute 91-Jährige tritt in den Dokumentarszenen des Films als Erzählerin auf. Dafür wurde sie von der populären Journalistin und Moderatorin Sandra Maischberger äußerst sensibel interviewt.

Kein Thema, das vergessen werden darf

Deutschkron („Ich trug den gelben Stern“) setzt sich seit Jahrzehnten für die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Terror des Faschismus ein. Sie versteht den Film, wie sie sagt, als Chance, Menschen „in ihrem Kampf gegen Gewalt und Terror Kraft zu geben“.

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa fügte sie hinzu: „Wir dürfen nicht aufhören, uns mit diesem furchtbaren Kapitel der Geschichte zu befassen. Wenn wir aufhören, wird die Gefahr groß, dass so etwas wieder passiert.“

Sandra Maischberger erinnert an die Vergangenheit

Sandra Maischberger hat sich mit ihrer Produktionsfirma Vincent TV für die Realisierung des Projektes stark gemacht. Dazu bewogen hat sie auch Persönliches, wie sie der dpa erzählte: „Mein Sohn ist jetzt sechs Jahre. Neulich haben er und seine Mitschüler Stolpersteine geputzt. So ein Film hilft dabei, Menschen wie meinem Sohn zu erklären, warum es diese Steine zur Erinnerung an die Ermordeten gibt, warum wir die Vergangenheit nicht ruhen lassen dürfen. Auch wenn das pathetisch klingt, es ist so.“

(RP/dpa)

Darum geht es in dem Film

Quelle: DasErste

Regie: Kai Christiansen. – Darsteller, u.a.: Edgar Selge (Otto Weidt), Henriette Confurius (Alice Licht), Julia Goldberg (Inge Deutschkron), Heike Hanold-Lynch (Else Weidt).

Mit List und Bestechung versucht der Berliner Bürstenfabrikant Otto Weidt in den 40er Jahren, seine Mitarbeiter, die fast alle Juden und fast alle blind sind, vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren. Als seine Sekretärin Alice Licht am Ende nach Auschwitz deportiert wird, macht sich Weidt, selbst nahezu blind, auf den Weg, um sie zu befreien. Es gelingt ihm, doch seine Liebe zu ihr bleibt unerfüllt.

Berlin 1941. Die Werkstatt des Bürstenherstellers Otto Weidt gilt bei Berliner Juden, die in „kriegswichtigen“ Betrieben Zwangsarbeit leisten, als gute Adresse. Weidts irritierend enge Kontakte zur Gestapo und regelmäßige Bestechungen bieten ihm den Spielraum, seine Angestellten zumindest in den Räumen der Werkstatt vor den alltäglichen Herabwürdigungen zu schützen.

„Papa Weidt“ wird er von allen genannt. Zu den wenigen Nicht-Blinden in der Werkstatt zählt Alice Licht, eine hübsche junge Frau aus gutbürgerlichem Haus. Mit Witz, Charme und Organisationstalent wird sie bald zu Ottos rechter Hand. Doch die beiden verbindet mehr als die Arbeitsbeziehung. Otto ist verheiratet, kein Jude, Ende 50 und fast blind; Alice, Jüdin, glatte 40 Jahre jünger und voller Pläne für ein eigenes Leben. Beide sind vom selben Schlag. Schnell begreift Alice Ottos kompliziertes System aus legalen Geschäften, Schiebereien und Gefälligkeiten und erweist sich als kaum wenigereinfallsreich als er selbst. Sie bewundert ihn. Für Otto ist Alice die Verheißung auf ein Leben, das er gern geführt hätte. Aber die Schlinge um den Werkstattbetrieb zieht sich zu.

Trotz regelmäßiger „Besuche“ der Gestapo scheint zunächst alles gut zu gehen. Doch dann werden fast sämtliche jüdischen Mitarbeiter auf einen Schlag abgeholt. Dieses eine Mal schafft es Otto Weidt noch, seine Blinden aus dem nahen Sammellager der Gestapo wieder herauszuholen. Während Alice und die anderen noch ganz darauf vertrauen, dass Papa Weidt sie auch weiter beschützen wird, ahnt dieser schon, dass die schlimmste Zeit noch bevorsteht. In aller Heimlichkeit beginnt er mit der Vorbereitung von Verstecken, bei Freunden und Bekannten, aber auch in den Räumen der Werkstatt. Als die massenhaften Deportationen beginnen, sind fast alle untergetaucht. Aber die Existenz im Versteck ist auf die Dauer kaum zu ertragen. In einem einzigen Moment der Vertrauensseligkeit werden alle Verstecke an einen „Greifer“ verraten.

Immerhin schafft es Weidt durch seine Gestapo-Kontakte, dass zumindest Alice und ihre Eltern nach Theresienstadt kommen, wo er sie wenigstens durch Lebensmittelsendungen unterstützen kann. Aber nach einigen Monaten trifft eine Postkarte von Alice ein, abgestempelt in einem Ort in Oberschlesien nicht weit von Auschwitz. Darin gibt sie verklausuliert über ihre Verlegung nach Birkenau Bescheid. Otto Weidt zögert nicht lange: Als Handelsvertreter seiner eigenen Bürsten und Besen macht er sich auf den Weg, um Alice zu retten.

In Auschwitz angekommen, bringt er in Erfahrung, dass Alice – ohne ihre Eltern – bereits weiter in ein Lager bei Christianstadt in der Niederlausitz gebracht worden ist, Teil einer riesigen Munitionsfabrik. Otto reist ihr nach, mietet ein Zimmer, versteckt dort Kleidung, Geld und eine Nachricht, die über einen Kontaktmann zu Alice gelangt. Erst im Januar 1945, im Laufe der chaotischen Auflösung des Lagers, gelingt Alice die Flucht. Über Christianstadt schafft sie den Weg zurück nach Berlin.

Während der letzten Wochen des verlorenen Krieges und in den ersten Monaten danach beherbergen Otto und seine Frau Else sie. Dann ist alles vorbei. Otto hofft immer noch auf eine gemeinsame Zukunft. Aber Alice kann und will nicht bleiben. Deutschland ist nach dem Verlust ihrer Eltern und den grauenvollen Erlebnissen nicht mehr ihre Heimat. Sie erhält schließlich die Einreisegenehmigung in die USA und verlässt Berlin. Otto bleibt zurück, allein. Zwei Jahre später stirbt er. An sein Wirken erinnert heute nur noch das „Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt“ in Berlin-Mitte und die israelische Ehrung als „Gerechter unter den Völkern“.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN