„Ein ganzes halbes Jahr“: Das Todes-Ultimatum eines Rollstuhlfahrers

Die Bestseller-Verfilmung mit Emilia Clarke, Schluchz-Potenzial und der Frage: Wie gehen Nahestehende mit dem Wunsch ihrer Lieben nach Sterbehilfe um? Von Anja Mia Neumann

Sie spielen die Hauptrollen in „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes: Sam Claflin als E-Rollstuhlfahrer Will Traynor und  Emilia Clarke als Louisa Clark. (Foto: Warner Bros.)

Sie spielen die Hauptrollen in „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes: Sam Claflin als E-Rollstuhlfahrer Will Traynor und Emilia Clarke als Louisa Clark. (Foto: Warner Bros.)

Mit der Fernsehserie „Game of Thrones“ feiert Emilia Clarke seit Jahren Erfolge. Die Britin spielt darin die knallharte Drachenmutter Daenerys Targaryen, die viel nackte Haut zeigt – auch Clarke wurde vor einigen Monaten zur „Sexiest Woman Alive“ gekürt. Nun aber verkörpert die 29-Jährige eine ganz andere Rolle: In der Bestseller-Verfilmung „Ein ganzes halbes Jahr“ (Kinostart: 23. Juni) hat sie einen eigenwilligen Modegeschmack mit einer Vorliebe für Blümchen, Muster-Mix und grelle Farben. Und vor allem schwarz-gelb gestreifte Strumpfhosen.

Clarke spielt ihre Namensvetterin Louisa Clark, eine unbedarfte, aber überschäumende und liebenswerte junge Frau vom Lande. Noch nicht angekommen im Leben trifft sie auf Will Traynor (Sam Claflin, „The Hunger Games“). Der war als karrierebewusster Banker in der Großstadt im Gegensatz zu ihr sehr angekommen in seinem Leben. Das ändert sich jäh als er einen Unfall hat: Will ist vom Hals abwärts gelähmt und zieht notgedrungen ins Anwesen seiner Eltern aufs Land, wo Louisa seine Pflegerin wird.

Jojo Moyes schrieb auch das Drehbuch

Mit „Ein ganzes halbes Jahr“ war der britischen Bestsellerautorin Jojo Moyes der internationale Durchbruch gelungen. Der Roman hat inzwischen eine weltweite Gesamtauflage von mehreren Millionen Exemplaren. Auch das Drehbuch zu ihrem Kinodrama steuerte Moyes selbst bei.

Die Romanverfilmung von Thea Sharrock lebt nun von langen und ruhigen Einstellungen, von den immer neuen farbenfroh-kuriosen Outfits von Louisa und von den ständigen Nahaufnahmen der Gesichter der beiden Protagonisten: das strahlende Lachen von Louisa, der anfangs verbitterte, verächtliche Blick von Will, der zusehends weicher wird.

Sie sorgt ganz klischeehaft dafür, dass er sich verändert und ein wenig Lebensfreude bekommt. „Du bist der Grund dafür, dass ich morgens aufstehe.“ Er hilft ihr ebenfalls und zeigt ihr mit seiner alten Energie, wie sie Mut für eigene Entscheidungen entwickelt. „Ich bin dank dir zu einem komplett neuen Menschen geworden.“ Schauspielerisch ist das vor allem für Sam Claflin eine große Leistung, der die Gefühle jenseits der Dialoge ausschließlich durch seine Mimik transportieren kann.

Zeit bleibt ihr nicht viel

Vordergründig ist die Bestseller-Verfilmung „Ein ganzes halbes Jahr“ eine Liebesgeschichte mit Schluchz-Potenzial. Hintergründig geht es um eine handfeste Debatte. (Foto: Warner Bros.)

Vordergründig ist die Bestseller-Verfilmung „Ein ganzes halbes Jahr“ eine Liebesgeschichte mit Schluchz-Potenzial. Hintergründig geht es um eine handfeste Debatte. (Foto: Warner Bros.)

Als Louisa erfährt, dass Will sich eine Frist gesetzt hat, beginnt die eigentliche Geschichte. Denn es ist ein Todes-Ultimatum: Binnen sechs Monaten will er seinem Leben ein Ende setzen, in der Schweiz, wo assistierter Suizid legal ist. Louisa fasst den Entschluss, Will von seinem Plan abzubringen. Wie besessen organisiert sie Ausflüge, einen Konzertbesuch, eine Traumreise. Zeit bleibt ihr nicht viel, nicht mal „ein ganzes halbes Jahr“.

Kleines Highlight im Film: Louisa begleitet Will zur Hochzeit seiner Ex-Freundin, jener mit der er bis zu seinem Unfall zusammen war. Die beiden tanzen – sie auf seinem Schoß, er im elektrischen Rollstuhl – und albern herum. Das ist deshalb so stark, weil es so alltäglich erscheint wie sonst kaum etwas in dem Drama.

Außerdem hebt der Film eine gesellschaftliche Debatte von der Leinwand ins Bewusstsein: Ist Sterbehilfe gerechtfertigt? Wer entscheidet, wann Leben lebenswert ist? Die Angehörigen oder die Betroffenen selbst? Auch wenn es nur eine Liebes-Schmonzette ist, so entwickelt „Ein ganzes halbes Jahr“ dadurch eine besonderes Kraft.

(dpa)

Anm.d.Red. für alle nichtbehinderten Leser: Ein E-Rollstuhl ist ein alberner Grund, um sich umbringen zu wollen. Man kann auch mit Behinderung ein wunderbares Leben führen.

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