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Ein Jahr Joachim Gauck: Ein Plädoyer für Politik in Gebärdensprache

Die hörende Heike Harrison zieht ein Fazit, nachdem sie vor einem Jahr eine Initiative für taube Menschen initiierte.

Vor einem Jahr wählte die Bundesversammlung Joachim Gauck zum Bundespräsidenten

Vor einem Jahr wählte die Bundesversammlung Joachim Gauck zum Bundespräsidenten

Es ist jetzt ein Jahr her… Am 18. März 2012 trat die Bundesversammlung zusammen und hat einen neuen Bundespräsidenten gewählt. Ein Jahr, ohne dass sich für eine bestimmte Menschengruppe in Deutschland, etwas geändert hat. Ein verlorenes Jahr… weil unsere Gesellschaft sich taub stellt. Aber alles der Reihe nach.

Es war der 14. März 2012, als ich bei Facebook eine Pressemitteilung von Martin Zierold las. In Deutschland ist er der erste gehörlose Parlamentarier (Berlin). In dieser Pressemitteilung ging es um den Kampf der gehörlosen Menschen mit den Fernsehsendern. Sie forderten, dass die Wahl des Bundespräsidenten im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Gebärdensprache übersetzt wird.

“Ziemlich naiv“

Ich fragte mich ernsthaft, warum man für so etwas kämpfen muss? Aber ich bin ein hörender Mensch und kenne mich in der Welt der „gehörlosen“ Menschen nicht aus. Für mich war es eigentlich selbstverständlich. Und ich gebe zu…na ja, ziemlich naiv.

Einige Stunden später… nachdem ich im Netz recherchiert und mir einige Gedanken dazu gemacht hatte, gründete ich auf Facebook eine Gruppe. Sie nennt sich “Bundesversammlung in Gebärdensprache dolmetschen”.

Hoffnung auf einen kleinen Shitstorm

Diese Gruppe hatte innerhalb von drei Tagen über 3000 Mitglieder. Wir wollten ein Zeichen setzen. Viele betroffene Menschen hatten hier die Möglichkeit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Der Sender Phönix versprach die Sendung im Internet und im Fernsehen dolmetschen zu lassen. Hoffnung kam auf… “ein kleiner Shitstorm?” ROLLINGPLANET berichtete.

Am Wahltag war es dann soweit. Die Bundesversammlung wurde gedolmetscht. Nicht unbedingt so, wie es sich einige gewünscht hatten… aber immerhin (da war noch Luft nach oben !).

Viel Potenzial verschenkt

Warum ich damals die Gruppe gegründet habe und sie nach wie vor bestehen lassen möchte, ist ja eigentlich logisch. Die Wahl des Bundespräsidenten geht in Deutschland alle etwas an. Auch alle anderen politischen Entscheidungen dürfen nicht nur für die hörenden Menschen dargestellt werden.

In unserer Gesellschaft verschenken wir wieder ein ungeheures Potenzial. Menschen, die gehörlos sind, haben dieses Potenzial. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche. Gehörlose Menschen können dazu beitragen, dass wir besser zusammen leben, sie verstehen lernen. Sie leben in Deutschland. Und sie sollten so wahrgenommen werden wie jeder andere Bürger dieses Landes.

Kein Recht, jemanden auszuschließen

Wenn diese Menschen eine „eigene Sprache“ sprechen, weil sie aufgrund ihrer „Einschränkungen“ dieses so gelernt haben und auch leben, müssen wir das akzeptieren. Aber unsere Gesellschaft hat kein Recht, diese Menschen auszuschließen. Und die Politik tut dieses. Denn sie setzten sich dafür nicht genügend ein, dass ihre Wort nicht nur „mündlich“ und „schriftlich“ an alle Bürger weitergeleitet werden… Es muss auch eine Verständigung in „Gebärdensprache“ geben.

In dieser Facebook-Gruppe sind inzwischen 7327 Mitglieder. Sie diskutieren munter auf und ab. Über Politik, über das Leben, über Diskriminierung in ihrem Alltag, über ihren Beruf… über Wünsche, Sorgen und Hoffnungen.

Ein Appell an die Politik

Ich danke allen Mitgliedern für diesen regen Austausch. Ihr lasst uns in Eure Welt reinschauen, auch wenn dieses oft von Traurig- und Bitterkeit erzählt, von Unverständnis und Arroganz, von Angst und Tränen. Aber ich hoffe, dass es vielen Menschen einfach hilft, Eure Welt zu verstehen und vielleicht die eine oder andere Reaktion ändert. Ich ziehe meinen Hut vor Euch, würde vieles gerne ändern und appelliere deshalb an die Politik:

Ändert Eure Einstellung! Informationen über Deutschland in Deutschland gehen alle Menschen etwas an. Kümmert Euch darum, dass die Politik in „Gebärdensprache“ übersetzt wird.

Quelle und mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht von der Webseite von Heike Harrison: Heike stellt fest, dass … Alles zu Kinderrechte, Mondscheinkinder und was mich sonst gerade beschäftigt.

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