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Ein Jahr nach den Bomben von Boston: Überlebende, aber keine Opfer

Für viele ist das bisherige Leben zerstört. Aufgeben wollen sie sich aber nicht. Von Chris Melzer

Hat ihr Lachen nicht verloren: Adrianne Haslet-Davis (l.) auf der Bühne  (Foto: IWN/AP)

Hat ihr Lachen nicht verloren: Adrianne Haslet-Davis (l.) auf der Bühne (Foto: IWN/AP)

Als Adrianne Haslet-Davis im Krankenhaus aufwachte, freute sie sich über Schmerzen im Fuß. „Gott sei Dank, er ist noch da“, dachte sie – aber es war nur ein Phantomschmerz. Die junge Frau hat beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon ihren linken Fuß verloren – und ihr bisheriges Leben als professionelle Tänzerin. Doch Aufgeben gab es für sie nicht, genau so wenig wie für andere Opfer.

Drei Menschen wurden am 15. April 2013 durch die Bomben von zwei Islamisten getötet, darunter Martin Richard. „Keinen Menschen mehr wehtun“ hatte er zuvor an die Wandzeitung seiner Schule geschrieben. Martin war acht.

„Ich wollte beweisen, dass das nicht stimmt“

Mehr als 264 Menschen wurden von den Bomben verletzt. Manchen wurde das Leben zwar nicht genommen, aber zerstört. So sah es auch für Haslet-Davis aus. Ihr Mann war gerade vom Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt, jetzt hielt er schreiend ihren abgetrennten Fuß in der Hand. Im Krankenhaus war es ihre Mutter, die ihr beibrachte, dass sie ihren linken Fuß für immer verloren habe – und nie wieder tanzen werde.

„Es war, als ob mir jemand einfach das Tanzen nehmen wollte“, sagte sie CNN. „Und ich wollte beweisen, dass das nicht stimmt.“ Bis zu 60 Stunden die Woche hatte sie zuvor getanzt, die Muskeln halfen ihr nach dem Anschlag. Und Hugh Herr, selbst ohne Beine und ein Experte für Prothesen. Er und sein Team entwarfen das erste künstliche Bein speziell zum Tanzen. Acht Monate dauerte es, dann tanzte Haslet-Davis wieder. Sie habe sich selbst nie aufgegeben, sagte sie CNN. „Deshalb nenne ich mich auch Überlebende des Anschlags. Nicht Opfer.“

„Es hat mich noch stärker gemacht“

Vor einem Jahr: Helfer fahren Jeff Bauman in einem Rollstuhl in Sicherheit (Foto: Facebook/Bauman)

Vor einem Jahr: Helfer fahren Jeff Bauman in einem Rollstuhl in Sicherheit (Foto: Facebook/Bauman)

„Es geht jeden Tag ein bisschen besser“, sagt auch Jeff Bauman. Der 28-Jährige verlor durch die Bomben beide Beine. Sein Bild ging um die Welt: Helfer, einer mit Cowboyhut, fahren den jungen Mann in einem Rollstuhl in Sicherheit, die Beine völlig zerfetzt. Auf einer Facebookseite veröffentlicht er jetzt Fotos mit seiner Freundin, voller Harmonie und Lebensfreude – wenn da nicht die Prothesen von seiner Hüfte abstehen würden.

„Es hat mich nur noch stärker gemacht“, schreibt Bauman. „Stronger“ heißt auch das Buch, das er über seine Erfahrung geschrieben hat. Er beschreibt, wie ihm die Füße weggerissen wurden. Als er in der Klinik aufwachte, konnte er nicht sprechen. „Habe den Typen gesehen. Sah aus wie ich“, kritzelte er auf ein Stück Papier. Die Beschreibung half, die Täter zu finden.

Jeff Bauman ist stärker denn je – Werbung für sein Buch (Foto: Facebook/Bauman)

Jeff Bauman ist stärker denn je – Werbung für sein Buch (Foto: Facebook/Bauman)

Das Leben ist ein anderes, aber es geht weiter

Amanda North half nach den Bomben einer schwer verletzten Frau. Als die Sanitäter kamen und auf sie zeigten, guckte sie an sich herunter. „Da klaffte ein Loch in meinem Oberschenkel“, sagte die Kalifornierin der Website fastcompany.com. Eigentlich hatte sie nur ihre Tochter beim Zieleinlauf sehen wollen, jetzt lag sie schwer verletzt und mit Verbrennungen dritten Grades auf einer Straße in Boston.

Die Wunden in der Seele blieben. North bekennt, dass sie sich in einer Sinnkrise fühlte und ihr Leben verändern wollte. Haslet-Davis hatte vor allem Angst: „Ich habe viel geweint und geschrien“, sagte sie CNN. „Und bei jedem Menschen dachte ich, er hat eine Bombe dabei.“

Einen neuen Anfang haben alle gefunden. Haslet-Davis tanzt wieder und hat ihren Traum von einem Leben als Tanzlehrerin nicht aufgegeben. North gründete eine kleine Firma, die Kunsthandwerker auf der ganzen Welt vermitteln will. Die wohl größte Freude empfinden Bauman und seine Freundin: Für den Sommer erwarten sie ihr erstes Kind.

(dpa)

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1 Kommentar

  • Rudi

    Ich war ja damals erschüttert über die zynischen Kommentare auf Twitter und Co. Der Tenor war, dass die Amis einen Denkzettel für ihr Verhalten in der Welt bekämen. Der übliche Mist der Antiamerikaner.

    15. April 2014 at 13:06

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