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Ein Jahr nach der Katrastrophe braucht Japan immer noch Hilfe

Der Tsunami vom März 2011 hat die japanische Kleinstadt Minami-Sanriku dem Erdbeben gleichgemacht. Er zerstörte dort auch das Behindertenzentrum Nozomi. Mit Hilfe von Spenden aus Deutschland konnte das Haus neu aufgebaut werden. Von Stefan Teplan (Caritas International)

Minami Sanriku: Überlebende werden per Boot gerettet

Minami Sanriku1

Kurz nach dem Tsunami: Allein in Minami Sanriku wurden 10.000 Menschen vermisst

Kiyoshi Takahasi hat das Downsyndrom und wird bald 39 Jahre alt – seinen nächsten Geburtstag wird er feiern, als wäre es sein erster. „Vor einem Jahr wurde ich neu geboren“, sagt er. Seit knapp einem Jahr jedenfalls ist nichts mehr in Kiyoshis Leben so, wie es war: Die Stadt, in der er lebte, existiert nicht mehr. Viele Menschen, die er kannte, leben nicht mehr. Das Behindertenzentrum Nozomi, das tagtäglich sein zweites Zuhause war, steht nicht mehr.

Nozomi ist das japanische Wort für „Hoffnung“ und ist auch ein beliebter Mädchenname.

Der Augenblick von Kiyohsis „Wiedergeburt“ lässt sich exakt nennen: 11. März 2011, 15.30 Uhr. Das war, als der schwerste Tsunami, der Japan je heimsuchte, Kiyoshis Heimatstadt Minami-Sanriku überflutete. Mehr als das: Er machte sie dem Erdboden gleich.

“Kein Stein mehr stand auf dem anderen“

„Eine Stunde später war Minami-Sanriku nur noch Wüste. Kein Stein mehr stand auf dem anderen.“, erzählt Sayako Nogiora von der japanischen Nichtregierungs-Organisation Association for Aid and Relief (AAR). Mit Unterstützung von Caritas international, dem Hilfswerk der deutschen Caritas, baute AAR ein neues Behindertenzentrum für Kiyoshi und 20 weitere Menschen mit Behinderung auf: Nozomi Nummer zwei. Es wird außerhalb der Stadt – man muss sagen: der ehemaligen Stadt – auf hügeligem Gelände errichtet.

Schon das ursprüngliche Gebäude für behinderte Menschen stand auf höherem Gelände und war daher auch als Evakuierungsort für den Fall eines Tsunami vorgesehen. Japan – und so auch der Ort Minami-Sanriku – glaubten sich gegen einen solchen Tsunami bestens gerüstet: An den meisten Küstenorten den Küste standen Schutzwälle, die Flutwellen bis zu 6,5 Metern abhalten konnten.

Die Wellen des Tsunami von 2011 aber erreichten eine Höhe von 15 bis stellenweise sogar 30 Meter. In Minami-Sanriku waren es, wie man später nachwies, 16,5 Meter. Jeder, der laufen konnte, floh nach einer Vorwarnzeit von 45 Minuten auf die nahe gelegenen Hügel in Richtung des Nozomi-Zentrums. 1770 von knapp 18.000 Einwohnern des Küstenstädtchens schafften es nicht mehr und fanden den Tod in den Fluten.

Doch auch der für sicher gehaltene Hügel, auf dem das Behindertenzentrum Nozomi stand, war für einen solch gewaltigen Tsunami nicht hoch genug: Bis in 2,10 Meter Höhe drang das Wasser noch in das Gebäude ein. Für zwei der 17 Menschen mit Behinderung, die sich damals im dort aufhielten, kam jede Hilfe zu spät. Die anderen konnten sich rechtzeitig auf das Flachdach retten. Oder wurden gerettet – vom Einrichtungsleiter Hatakeyama Mitsuhiro. Ohne ihn wäre wohl auch Kiyoshi jetzt tot.

Als Herr Mitsuhiro zum Lebensretter wurde

„Herr Mitsuhiro“, erinnert sich Kiyoshi, „sah mich hilflos da stehen, als das Wasser in unser Zentrum schoss. Alleine hätte ich mir in dieser Situation nicht mehr helfen können. Mistuhiro nahm mich kurz entschlossen Huckepack und kämpfte sich mit mir durch das Wasser die Treppe hoch auf das Dach. Er ist mein Lebensretter.“

Einer der Dankesbriefe an die deutschen Spender

Fünf Autominuten entfernt vom zerstörten Nozomi-Zentrum, einige Kilometer weg von der Küste auf einem Hügel, steht das neue Nozomi-Zentrum. Als Dr. Oliver Müller, der Leiter des Hilfswerks der Deutschen Caritas, es im Januar 2012 besuchte, bereiteten ihm die Menschen mit Behinderung einen herzlichen Empfang. Sie überreichten ihm zur Begrüßung einen ganzen Sack voller Dankesschreiben und selbst angefertigter Zeichnungen, mit denen sie sich für das von Caritas international finanzierte Zentrum erkenntlich zeigen.

„Hallo, ihr alle in Deutschland”, steht auf einem der Briefe, “wir danken euch sehr, dass ihr uns einen so schönen neuen Platz geschenkt habt. Bitte kommt auch mal hierher und seht es euch an!“

Das Land ist nach wie vor von der 3fach-Katastrophe gezeichnet

Ein Jahr nach der verheerenden 3fach-Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall ist Hilfe für die Katastrophenopfer in Japan weiter erforderlich. So müssen nach Caritas-Schätzungen allein 100.000 Menschen noch mindestens ein Jahr in den Notunterkünften ausharren. Auf Hilfe angewiesen sind aber nach wie vor auch Menschen an den sozialen Rändern.

„Ziel unserer Caritas-Hilfe war es, die Schwächsten der Gesellschaft zu stärken. Dazu gehören zum Beispiel alte und behinderte Menschen, die mit ihren spezifischen Bedürfnissen vom Staat nicht erreicht wurden“, so Oliver Müller, „In diesem Bereich erfüllen die japanischen und internationalen Hilfsorganisationen eine wichtige Aufgabe.“

Ob vom Tsunami zerstörte Dörfer und radioaktiv verstrahlte Gebiete jemals wieder bewohnbar sein werden, ist an vielen Stellen des Katastrophengebietes auch nach einem Jahr noch immer ungeklärt: „Die offene Frage, ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen werden, verunsichert die Menschen zutiefst. Das Leben vieler Japaner ist aus den Fugen geraten“, berichtet Müller.

Deutliche Kritik üben japanische Caritas-Partner an der Reaktion des Staates. „Das staatliche Katastrophenmanagement war in den ersten Monaten zu langsam und zu dirigistisch. Es fehlte den Behörden an Verständnis für die Arbeit von Hilfsorganisationen“, sagt Müller. Allmählich wachse jedoch das Bewusstsein dafür, dass zivilgesellschaftliche Organisationen nach Katastrophen eine wichtigere Rolle spielen müssen.

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