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Ein Koch, der auf Hühnerbein steht, und leider stets einen Kellner braucht

So sind die Christen: Statt den Flughafen zu verwüsten, finden sie sensible Worte. Deutschlands bekanntester Rollstuhlfahrer, Samuel Koch, wurde neulich am Flughafen vergessen, hat Anlaufschwierigkeiten bei der Rückkehr ins Studium und fordert mehr Unterstützung für Behinderte.

Mannomann. Der Kerl wird immer schicker: Der Autor und ehemalige Kunstturner Samuel Koch heute im Reichstagsgebäude in Berlin (Foto: Paul Zinken/dapd)

Die Aufmerksamkeit ist Samuel Koch sichtlich unangenehm. Der 24-Jährige sitzt am Dienstag im Café des Bundestags und spricht über seine Aufgabe als Jugendbotschafter des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD). „Ich fühle mich fast ein bisschen überfordert“, sagt er mit leiser Stimme. Eine klare Botschaft hat er dennoch. Der 24-Jährige, der seit seinem Unfall als Kandidat in der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ im Dezember 2010 vom Hals abwärts gelähmt ist, fordert mehr Unterstützung für Behinderte.

Er begegne im Alltag immer wieder Hindernissen, die er vor seinem Unfall nicht für möglich gehalten hätte. So sei er als Rollstuhlfahrer schon im Kino, im Supermarkt oder am Flughafen an seine Grenzen gestoßen. „Man kann noch einiges tun“, sagt Koch. Schon wenige Stufen könnten für Rollstuhlfahrer unüberwindliche Hürden darstellen.

Einen handfesten Skandal lächelt er weg. Kürzlich habe er seinen Flieger verpasst, weil die eigens für Menschen mit Behinderung zuständigen Helfer nicht rechtzeitig erschienen seien. „Wir sind dann auf eigene Faust los“, erzählt Koch. Das Flugzeug hätten sie aber nicht mehr erreicht. Während unsereins nun wahrscheinlich nicht auf eigene Faust losgerollt wäre, sondern mit geballter Faust in die Mikrofone sprechen würde, wählt Koch wieder die So-ironisch-kann-es-nur-die-Samuel-Koch-Methode: „Das war schon etwas unsensibel.“ Auch mit den Drehkreuzen am Eingang von Supermärkten habe er kämpfen müssen: „Ich musste mich hinlegen und sozusagen als Einkaufswagen reduzieren, um durch die Schleuse zu fahren.“

Eine Freundin von Samuel Koch berichtet auf seiner Facebookseite:

„Neulich habe ich (Karo) Samuel in Hannover besucht, und wir wollten abends noch auf das vollendete Buch anstoßen. Bis wir dann aber tatsächlich unsere Caipirinhas vor uns stehen hatten, hat es eine gute Stunde gedauert. Denn erstens muss man manchmal einen Umweg von 200 Metern machen, bis man eine abgesenkte Bordsteinkante gefunden hat, um die Straße zu überqueren, was Luftlinie nur 15 Meter gewesen wären. Und zweitens haben sehr viele Kneipen am Eingang mindestens eine Stufe – ein unüberwindliches Hindernis für Rollstuhlfahrer, zumindest wenn sie wie Sammy in einem 200-kg-Elektrorollstuhl sitzen, den man nicht mal eben anheben kann.

Nach einer ganzen Weile haben wir eine Kneipe gefunden, deren Betreiber willens waren, uns trotz Stufe den Zutritt zu ermöglichen. Aber auch das war mit einigem Aufwand und nicht unbedingt erwünschter Aufmerksamkeit verbunden: Ich musste reingehen und jemanden um Hilfe bitten, drei Leute haben gemeinsam überlegt, was man tun könnte, während Sammy draußen im Nieselregen wartete, dann haben diese netten Menschen unter den neugierigen Blicken sämtlicher Gäste zwei Bierbänke irgendwo aus dem Keller geholt und eine provisorische Rampe gebaut – nicht ganz ungefährlich, da wackelig und glitschig. Irgendwie nicht der wünschenswert-unauffällig-normale Weg, eine Kneipe zu entern…“

„Nicht alle erfahren so viel Unterstützung“

Er selbst, so Samuel Koch heute auf der Pressekonferenz, werde von seiner Familie und seinen Freunden unterstützt und könne nun sein Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover fortsetzen. „Aber nicht alle erfahren so viel Unterstützung“, sagt Koch. Er sei sehr dankbar, dass er trotz seiner Behinderung wieder studieren könne. Bei seiner Rückkehr nach Hannover habe er aber auch einige Probleme bewältigen müssen. „Es gab durchaus Anlaufschwierigkeiten, und es gibt sie noch“, sagt Koch.

Die Wohnungssuche in Hannover habe sich „äußerst komplex und langwierig“ gestaltet. Auch die Suche nach geeigneten Therapeuten sei schwierig. Die Rückkehr an alte Schauplätze wie das Leistungszentrum in Hannover, in dem er sich vor seinem Unfall fit gehalten hatte, sei für ihn auch eine Art „Selbstgeißelung“ gewesen. Gleichzeitig genieße er den Kontakt zu seinen Freunden und Kommilitonen.

Koch war als Jugendbotschafter des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands zu Gast im Bundestag. „Sie sind das Sinnbild eines guten Ermutigers“, sagt der Vorstandssprecher des CJD, Hartmut Hühnerbein. Koch könne vielen Betroffenen ein Vorbild sein.

„Ich bin alles anders als ein Vorbild“

Der Student selbst kann mit solchen Zuschreibungen wenig anfangen: „Ich bin alles andere als ein Vorbild“, betont Koch. Er sei gegen ein Auto gelaufen und habe dabei nahezu alle Körperfunktionen verloren. Durch die unfreiwillige Öffentlichkeit habe er aber eine gewisse Verantwortung. Er nehme zwar nur so viele Termine wie unbedingt nötig wahr. Wenn es um eine gute Sache geht, springe er aber über seinen Schatten.

Neulich hat Samuel Koch, wie ROLLINGPLANET erfuhr, von einem promigeilen Behindertenmagazin im Internet eine Anfrage erhalten, ob er Schirmherr eines Projektes dieses Magazins werden könne, um es mit seiner Popularität zu unterstützen. Als nach wenigen Stunden noch keine Antwort da war, fragten die Initiatoren ungeduldig nach: „Er braucht ja nur zu nicken. Das schafft doch auch ein Tetra.“ Laut der ROLLINGPLANET vorliegenden Korrespondenz ist Samuel Koch dann nicht nur über seinen Schatten gesprungen, sondern hat sogar genickt.

Das CJD, das an bundesweit 150 Standorten Programme für Behinderte, Schulverweigerer, Hochbegabte, jugendliche Straftäter oder ehemalige Drogenabhängige anbietet, feiert in diesem Jahr sein 65-jähriges Bestehen. An Ruhestand sei aber noch lange nicht zu denken, heißt es im Vorwort zum Jahresbericht des CJD. „Da musste ich schmunzeln, weil ich auch noch nicht in Rente gehen will“, bekräftigt Koch.

(dapd/RP)


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