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Das ist nicht super, sondern tetra: Ein Kulturwochenende in Paris mit Rollstuhlfahrern

Gruppenbild mit Rollstuhlfahrern

Der Satz: „Paris sehen und sterben“ wird mir bei jedem neuen Besuch verständlicher. Um diese Stadt vollends zu entdecken, ist mindestens ein Leben notwendig. Was sind da zwei Tage? Bei guter Planung eine ganze Menge, wenn ein bestimmtes Ziel vorgegeben wurde. In unserem Fall Kunst und Kultur, und das wird in dieser Metropole durch zwei wichtige Institutionen vermittelt: Louvre und Centre Pompidou. Ein Bericht von Marc Böthern, der als zweiter Fahrer und Fußgänger dabei war.

Wir starten am Freitag mit zwei Kleinbussen in Weinheim an der Bergstrasse. Fünf Rolli-Fahrer, eine Ehefrau und zwei Fahrer. Ein verwaister E-Rolli reiste mit und sollte im Hotel in Paris verstaut werden. Michaela und Roger sowie zwei Pflegerinnen bahnten sich in die französische Hauptstadt.

Sightseeing in den Fliesen-Räumen

Bei strahlendem Sonnenschein über die A4 mit vielen „Péage“ (Haltestellen, an denen man die Autobahn-Maut bezahlt) erreichten wir nach zirka 350 km die erste französische Raststätte mit den notwendigen sanitären Anlagen. Genau richtig für ein wenig Sightseeing in den Fliesen-Räumen mit dem Extra-Schlüssel. Bedauerlicherweise gab es nur je einen Raum für Weiblein und Männlein. Bei diesem ersten Stopp wurde bereits klar, wie hinfällig Kalkulationen werden können, die acht Wochen vorher mit den Höchstpreisen für Benzin in Deutschland aufgestellt wurden. Also – schnell weiter… ob es besser wird?!

Wie erwartet, rollten die Busse ab den Vororten von Paris durch regen Feierabendverkehr. Kein Stau oder Stop and Go. Glück gehabt!

In der Nähe des Pariser Bahnhofs (Nord)

Die Feuerwehr von Paris möge uns verzeihen! Genau auf der „Feuerwehrautostrasse“ vor dem Hotel konnten wir in aller Ruhe die Rollis ausladen, besetzen und an die Rezeption fahren lassen.

Wie? Keine Zimmer frei? Wir hatten reserviert! Margareta stand vor dem Chef d’Hotel und sprudelte auf französisch. Wildes Gewühle in Papieren, Mäuse flitzten über die Pads. Nicken, Kopfschütteln, erneutes Nicken, heftig und aufatmend. Strahlender Chef – strahlende Angestellte, und ein Rolli nach dem anderen verschwand im Fahrstuhl. Danke, Margareta!

Zwei leere Kleinbusse – zu hoch – konnten nicht in die Hotel-Tiefgarage! Margareta und ich suchten Parkplätze. Hähä – Freitagabend in Paris 🙁 Fast aussichtslos – wir schafften es – haaah!

Der Geist von Paris

Zurück ins Hotel und weiter auf den „Place de la Bastille“. Margareta hatte Tische in einem Bistro bestellt, natürlich ohne Stühle, die hatten wir ja selber. Etwas essen, etwas trinken, etwas mehr hören, schauen und noch etwas mehr wohlfühlen in lauer Frühlingsluft – es waren um 22:00 Uhr noch 16° Celsius – einfach nur wohlfühlen.

Der Geist von Paris sprang auf uns über, schwängerte uns und es war … wow! 🙂 … fallenlassen und danach tief schlafen. Obwohl, Hartmut sagte mir am nächsten Morgen, mein Schnarchen wäre sehr, aber so was von sehr störend gewesen … naja, also lernte ich einen Rolli schieben … ja, ja … Hartmut war ganz schön schlau – ich habe noch nie geschnarcht!

Frühstück. Alles, was der Morgenmuffelige und Morgenfröhliche begehrt – allerdings kommt es ein wenig auf die Tischnachbarn an! Hubert, ich danke dir! Bei der heißen Schlacht am kalten Büffet findet ein Tetra sehr schnell wildfremde Personen, die ihm helfen. Ich gebe zu, ich habe es schamlos beim zweiten Kaffee und dem nächsten Joghurt ausgenutzt. Aber Hubert ist unschlagbar! Hubert ist Tetra! Und genau das werden wir in Zukunft sagen, wenn etwas super läuft. Nicht mehr „das ist super“, sondern „DAS IST TETRA! Schaut seine Bilder an. Ich als Fotograf kann es nicht besser machen. Er und es ist TETRA!

An der Seine

An und für sich war die Fahrt in den Louvre mit den Sightseeing-Bussen geplant, weil dort Plätze für die „Handicaps“ annonciert waren. Bloß, wie reinkommen? Dumm gelaufen, weil unmöglich! Keinen schlechte Planung, sondern falsche Information von der Pariser Zentrale!

Margareta wies dann mit ihrer Hand auf die normale Bushaltestelle 13,5 Meter weiter rechts, und wir fuhren mit den Öffentlichen. Die dürfen wegen der „Sicherheitsbestimmungen“ nur einen Rolli pro Bus mitnehmen. Freundliches Nachfragen half weiter! Die ersten zwei Busfahrer waren mit je drei Rollis einverstanden. Beim dritten Bus allerdings erst nach Rücksprache mit der Zentrale und auf Druck der übrigen Fahrgäste des Busses, da der Fahrer zuerst nur einen mitnehmen wollte.

Louvre, wir sind da!

Endlich, nach einmaligem Umsteigen und erneutem Splitten der Gruppe, vollständig angekommen am LOUVRE.

Yep, da sind wir! Keine Komplikationen mit dem Eintritt und alle Handicaps mussten noch nicht einmal während des Wechsels in andere Abteilungen ihr Genehmigungsschreiben vorzeigen, welches zum Eintritt für gesamte Gruppe berechtigte.

Was sagte „Marianne“ so treffend? „Ich habe noch nie so etwas Grosses gesehen. Ich war in der Buchhandlung dort unten … das ist … die haben Bücher … sogar auf deutsch … aber … wenn wir in Heidelberg … nein … kann ich mir nicht vorstellen …“. Marianne, ich glaube dir!

Ergriffenheit kann müde machen. Hartmut wurde es mindestens einmal im Cafe im Louvre, dann auf dem Beckenrand des Bassins, bei der Glas-Pyramide. Langgestreckt auf kaltem Marmor genoss er die wärmende Sonne. Margareta nahm das schlafende Beispiel dankbar auf. Ahnten die zwei bereits, was auf die Gruppe zukam?

Dann Gruppenbild. Weiter! Wie kommen wir einigermaßen gut zurück zum Hotel und können noch ein paar Eindrücke dieser fantastischen Stadt in uns aufsaugen? Taxi-Boot? Wo ein-, wo aussteigen? Also – ab an die Seine, an die Quais.

Margareta hatte telefoniert und nachgefragt, wo Rolli-Fahrer am besten einschiffen könnten. Als wir dort ankamen, lange Gesichter! Baustelle! Barriere par exellence auf gut Französisch! Der nächste Anlieger wäre etwas weiter weg, bei der Pont Neuf, erfuhren wir. Genau dort kamen wir gerade her. Keiner von uns ahnte das Kopfsteinpflaster auf dem Quai und die beschwerliche Holper-Rampe nach unten. Doch das konnte uns nicht aufhalten!

Mit vereinten Kräften durch die Straßen von Paris

Mit vereinten Kräften, jeder für sich, soweit er konnte, dann mit Helfer. Den einen vorfahren, leicht angekippt, bis die Kopfsteine besser im Boden eingearbeitet waren. Dort Rolli-Fahrer alleine weiter und der Helfer zurück, den Nächsten vorfahren. Geschafft – die Holper-Piste, aber auch wir, besonders auf den letzten Metern. Genau das zeichnete diese Fahrt der KSG Rhein Neckar e.V. (Veranstalter, Anm.d.Red.) und deren Teilnehmer aus: Gemeinsam kommen wir weiter! Wir geben nicht auf! Puste, Schweiß, Keuchen, Krämpfe. Wir haben uns den Weg auf dem Quai erobert, Rolli-Fahrer genauso wie die, die ihnen geholfen haben (sogar vollkommen fremde Fußgänger packten kurz mit an, ohne lange zu fragen)! Der Preis dafür war eine traumhafte Bootsfahrt über die Seine in der herrlichen Abendsonne.

Die Seine duldet alles…

Das vollbesetzte Boot glitt ruhig durch die kleinen silbrig glänzenden Wellen, ließ bei jedem Anlieger Leute an Land und nahm neue auf. Von den Ufern flatterten Rufe und Gelächter, klangen Lieder von Musikgruppen oder strömte einfach nur Stille zu uns herüber. Louvre, Palais Royale, Place de la Concorde, Hotel de Ville, Ile de la Cité, Notre Dame, Tour Eiffel und zwischendurch immer wieder geschäftiges Treiben auf Schleppkähnen, Hausbooten und Vergnügungsdampfern. Pulsierende Ader der Metropole, die alles gelassen auf sich duldete – die Seine.

Beim Tour Eiffel verließen wir das Boot. Genau dieser Anlieger wird für künftige Fahrten der KSG auf der Seine Start- und Zielpunkt sein. Die Zufahrt einschließlich der Rampe ist barrierefrei.

Am Fuß des Eiffelturms

„Paris, c’est la tour Eiffel!“ Sollten wir dort wirklich heute noch hinauf? Wir standen unter der 300 Meter hohen Stahlkonstruktion von anno 1889 und waren uns einig: Für heute genügten einige Fotos – mehr nicht!

Margareta versuchte bei den wartenden Taxis am Stand diejenigen zu finden, die bereit waren, Rollifahrer zu transportieren. Nach vielen „Non“ drei vereinzelte „Oui“. Ohne Zwischenfälle erreichten wir unser Hotel. Für unser Abendessen wählten wir den Italiener genau gegenüber an der Ecke.

Dass wir an diesem Abend besonders schnell einschlafen konnten, lag bestimmt nicht an dem „Rouge“ zum Essen.

Auf zum Centre Pompidou

Sonntag. Ein neuer Tag, ein Frühstück und ein neues Ziel: Centre Pompidou. Bevor wir starteten, räumten wir unsere Zimmer und verstauten unser Gepäck in den Schließfächern beim Empfang.

Bei strahlendem Wetter bahnten wir uns den Weg auf den ersten 300 Metern durch das Gedrängel auf einem typischen Wochenmarkt in Paris. Der breite Mittelstreifen der Hauptstrasse zum Place de la Bastille stand voll mit Marktständen aus aller Herren Länder mit allem, was für Leib und Seele gut sein könnte. Von der Auster bis zur Fleischkonserve, vom T-Shirt bis zum Burnus, Verkäufer und Käufer jeder Couleur. Je näher wir dem Place de la Bastille kamen, desto klarer drang der Swing einer Blaskapelle an unsere Ohren. Wir verweilten ein paar Lieder und wippten im Takt, bevor wir „beswingt“ weiterzogen.

Der Weg zu unserem Ziel hatte überall an den Straßenmündungen abgesenkte Bordsteine. Nur einmal versperrte ein „netter“ Autofahrer mit seinem geparkten Auto die Auffahrt.

Nach der Hälfte des Weges suchten wir uns ein Straßen-Café. Wieder wurden problemlos Tische entstuhlt, flink bedient und ebenso flink bei der Abrechnung durch den „Garçon“ der imaginäre „Touristen-Aufschlag“ von 1 bis 2 Euro hinzugerechnet. Es lohnt sich wirklich für jeden, der mehr als zwei Bons auf dem Tisch liegen hat, vorher selber zusammenzuzählen!

Beim Hotel de Ville rechts ab und dann noch 50 Meter. Da war sie, die neue Burg aus Stahl, Beton und viel Glas. Wie bei jeder Burg dürfen die Gaukler, Kleinkünstler und Wirtschaften ringsum nicht fehlen. Der große Platz vor dem Centre, Place George-Pompidou, fällt zum Erdgeschoss hin leicht ab. Dort unten ist genau der richtige Platz für einen Künstler, gewährt die Schräge dem Publikum doch einen ungehinderten Blick ohne störenden Vordermann auf die Darbietung. Jongleure und Balancekünstler fesselten heute mehrere hundert Zuschauer.

Wer’s ruhiger mag und etwas bunter, setzt sich an das Bassin mit den farbenprächtigen drehenden Wasserspielen, den Igor-Stravinsky-Brunnen. Meerjungfrau, ein roter Mund, Riesenschlange und Atztekenskulptur lassen es plätschern. Kontrast dazu bilden die etwas kleineren Metallkonstruktionen, wie zum Beispiel ein riesiger Noten-Schlüssel.

Vier Stunden lang zeitgenössische Kunst genießen

So vorbereitet waren wir bereit für die Kunst, die Eintritt kostet.

Nach kurzer Prüfung unseres Eintritt-Schreibens bekamen wir jeder einen Punkt aufgeklebt und durften die zeitgenössische Kunst genießen. Zwei Ausstellungen im sechsten Stock. Unsere Gruppe teilte sich, je nach Interesse. Nach dem institutionellen Kunstgenuss wollten wir uns vier Stunden später am Eingang des Centre wiedertreffen.

Viele von uns nutzten die Zeit nach ihrem „Rundgang“ im Centre um über den Platz davor zu bummeln, vorbei an Portraitisten, Clowns, die lustige Tierfiguren aus Luftballons formten, Straßenmalern, sowie Geschenk- und Andenkenlädchen. Jetzt wurden den Lieben zuhause die vielen Grüsse geschrieben, die kaum auf eine Ansichtskarte passten und genussvoll ein Cafe Creme geschlürft.

Der Rückweg führte quer durch das malerische Marais mit all seinen Stadthäusern der Adligen aus den vergangenen Jahrhunderten. Unmengen von Passanten erschwerten den Rollifahrern vernünftig auf den Bürgersteigen zu fahren. Na und? Wir waren in Paris! Also auf den engen Strassen weitergerollt. Nirgendwo ein freies Plätzchen für eine kurze Rast mit der Gruppe. Noch nicht einmal in dem kleinen Park auf dem Place de Vosges. Es half alles nichts. Wir mussten durch bis zum Place de la Bastille. Dort würden bestimmt ein paar freie Tische auf die Rollifahrer der KSG warten. So war es auch!

Paris besuchen und wiederkommen!

Ein freudiges Auge auf der Getränkekarte des „Indiana“, das andere Auge bangte zum Himmel. Dunkle Wolken zogen auf. Es wird doch wohl nicht … nein, bisher ist doch alles so gut gelaufen. Unsere Bestellung kam noch trocken auf den Block der Bedienung und dann… Platzregen! Gewitter !

Irgendwie brachte Margareta den Chef de Restaurant dazu, uns schnellstens ein trockenes Plätzchen im Lokal zu geben.

Den Regen abstellen konnten wir ebenso wenig wie die Uhr anhalten. Wir mussten losfahren, so nass es auch werden würde. Kaum einer von uns hatte morgens bei dem herrlichen Wetter an Regenkleidung gedacht. Als der Regen etwas nachließ, hasteten wir los und erreichten etwas angeweicht das Hotel.

Margareta und ich holten die Fahrzeuge, und irgendwie schafften wir es, alle halbwegs trocken in die Sitze zu bekommen. Aus Paris kamen wir zügig heraus, und dann waren wir auf einer freien Autobahn. Zwei kurze Tankstopps hielten nicht wirklich auf und der notwendige Sanitäts-Stopp erfolgte auf der ersten Raststätte in Deutschland, kurz hinter Saarbrücken.

Paris sehen und sterben? Nein! Paris besuchen und wiederkommen! Es war die erste Fahrt unseres Vereins in die Seine-Stadt und ganz bestimmt nicht die letzte!

Wir kommen wieder!

Die Reise fand vom 21. bis 23.April 2006 statt. Wir veröffentlichen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der KSG Rhein-Neckar e.V.

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