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Ein langer Weg zur Inklusion: Sieg und Niederlage für gehörlosen Jungen

Der elfjährige Schüler wollte vor Gericht, dass der Landkreis die Kosten für seinen Schulweg zahlt. Die Richter lehnten das ab. Julian kann sich dennoch freuen.

Lehrinstitut Derksen in München

Lehrinstitut Derksen in München

Julians Schulweg ist teuer und kompliziert: Für Taxi, Bahn und Bus fallen in acht Schuljahren rund 25.000 Euro an. Das Verwaltungsgericht München wies heute die Klage des elfjährigen gehörlosen Schülers aus dem Raum Landsberg (etwa 60 Kilometer von der bayerischen Landeshauptstadt entfernt) ab, der die hohen Fahrtkosten zu einer inklusiven Schule vom Landkreis erstattet bekommen haben wollte.

In Landsberg und Umgebung gibt es zwar Gymnasien, aber keine speziellen Fördereinrichtungen. Die Eltern des behinderten Jungen, eine Ärztin und ein Jurist, hatten das staatlich anerkannte private Lehrinstitut Derksen in München ausgesucht, weil es sogenannte Inklusionsklassen für behinderte und nicht behinderte Kinder bietet. Diese gemischten Klassen sind im Gegensatz zum Gymnasium noch nicht förmlich anerkannt.

Nach dem Übertritt auf das Gymnasium im Schuljahr 2011/12 bezahlte zwar zunächst der Landkreis Landsberg am Lech die Fahrten nach München, lehnte aber den Antrag auf Übernahme der Kosten ab, weil es näher gelegene Schulen gebe, und nahm den Verwaltungsrechtsstreit in Kauf. „Für uns geht es um die Klärung der Rechtslage“, sagte ein Vertreter des Kreises in der mündlichen Sitzung. Darauf legte auch eine Sprecherin des Bezirks Wert.

Landkreis nicht zuständig

Mit seiner Entscheidung hat das Verwaltungsgericht nun Klarheit geschaffen: Der Landkreis ist für die Kosten nicht zuständig, weil er sie nur für die Fahrt zur nächstgelegenen Schule der gewählten Schulart tragen muss. Dennoch hat Julian gesiegt: Die Schulwegkosten sind im Falle des behinderten Gymnasiasten Teil der Eingliederungshilfe, die nun der Bezirk leistet.

„Das Wohl des Kindes steht ganz oben“, betonte der Landkreis-Vertreter. „Wir fordern die Zahlungen für das eine Jahr nicht zurück, wenn sie nahtlos auf den Bezirk übergehen.“

Einen ähnlichen Rechtsstreit zwischen Landkreis und Bezirk hatte es in Bayern vergangenes Jahr gegeben, auch hier stand ein junger gehörloser Mensch im Mittelpunkt: Erst per Gerichtsbeschluss konnte ein Bezirk dazu gezwungen werden, die Inklusionskosten (Gebärdensprachdolmetscher an einer normalen Schule) für die seinerzeit siebenjährige Melissa zu übernehmen (ROLLINGPLANET berichtete: Teilerfolg für Melissa: Bezirk hat begriffen, dass er zahlen muss!).

(RP/dpa/lby)

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