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Ein Rollstuhlfahrer vergisst nichts: Johannes Mallow ist Gedächtnisweltmeister

Warum seine Behinderung ihm dabei geholfen hat, in seiner Sportart der Beste zu sein. Von Madlen Schäfer

Johannes Mallow am 26. Juli 2013 im Kurhaus in Isny (Baden-Württemberg) bei der Deutschen Gedächtnismeisterschaft (Foto: Felix Kästle/dpa)

Johannes Mallow am 26. Juli 2013 im Kurhaus in Isny (Baden-Württemberg) bei der Deutschen Gedächtnismeisterschaft (Foto: Felix Kästle/dpa)

Johannes Mallow schaut sich 52 Karten eines Pokerblattes an. Nach 40 Sekunden legt der Magdeburger die Karten zur Seite. Doch Mallow will jetzt nicht Poker spielen. Der 32-jährige sortiert einen anderen Kartenstapel exakt in die richtige Reihenfolge des vorherigen Stapels. Für den Betrachter scheint es unmöglich, für den im Rollstuhl sitzenden Gedächtnisweltmeister ist es ein ganz normales Training.

Angefangen hat alles mit einer Fernsehsendung vor zehn Jahren. In einer Show sah Johannes Mallow, wie sich Verona Pooth eine 20-stellige Zahl merken konnte. Getreu dem Motto „Wenn die das kann, dann schaffe ich das auch“ beschäftigte sich Mallow mit dem Thema und besuchte die Internetseite des Vereins Memory XL, auf der er Gedächtnistechniken und einen Online-Trainer fand.

„Es war absurd“

Wenn sich Johannes Mallow die Zahlen 999, 185 und 419 merken muss, lässt er den Papst mit dem Teufel Radio hören. Mit Hilfe solcher bildhafter Eselsbrücken kann sich der Weltmeister im Merken historischer Daten lange Zahlenkolonnen einprägen. Für 1100 Zahlen hat Mallow mittlerweile Bilder im Kopf. (Foto: Peter Förster dpa/lah/lno)

Wenn sich Johannes Mallow die Zahlen 999, 185 und 419 merken muss, lässt er den Papst mit dem Teufel Radio hören. Mit Hilfe solcher bildhafter Eselsbrücken kann sich der Weltmeister im Merken historischer Daten lange Zahlenkolonnen einprägen. Für 1100 Zahlen hat Mallow mittlerweile Bilder im Kopf. (Foto: Peter Förster dpa/lah/lno)

So fing er an zu üben. Das Ergebnis überraschte den damaligen Studenten. „Irgendwann konnte ich mir ein Pokerblatt mit 52 Karten innerhalb von 13 Minuten merken. Es war absurd“, sagt Mallow.

Inzwischen ist er amtierender Gedächtnisweltmeister und hält den Weltrekord in drei Disziplinen. Er kann sich unter anderem 132 historische Daten in fünf Minuten merken. Auf seinem Schrank im Schlafzimmer stehen mehr als 20 Pokale. Täglich trainiert er dafür 30 Minuten. „Eine wesentliche Voraussetzung für seinen Erfolg ist seine außergewöhnliche Disziplin und Ausdauer“, sagt Johannes Bernarding vom Institut für Biometrie und medizinische Informatik.

Doch wie kann sich Mallow in kürzester Zeit so viel merken? „Ich erfinde Geschichten, um mir alles zu merken. Die Geschichte muss merkwürdig sein, also würdig, sie sich zu merken“, erklärt Mallow.

Gedächtnissportler nutzen die Routenmethode

Mit Hilfe der Routenmethode kann man sich Nummern, Gesichter, Namen, Daten oder abstrakte Bilder merken. Dabei geht man im Kopf einen bekannten Weg – etwa die eigene Wohnung – ab und verknüpft Punkte auf diesem Weg mit Dingen, die man sich merken möchte. Mallow hat 30 solcher Routen und mehrere Tausend Punkte im Kopf.

„Gedächtnissportler nutzen einen strategischen Trick, bei dem Objekte Zahlen repräsentieren. Ich gehe davon aus, dass es jeder lernen kann, da es die Nutzung vorhandener Fähigkeiten des Gehirns ist“, erklärt André Brechmann, Neurowissenschaftler am Leibniz Institut.

In einer Studie fand Brechmann zudem heraus, dass die Unterschiede beim Merken von Zahlen im Vergleich zu Nicht-Gedächtnissportlern in der Gehirnaktivität gering sind. „Es gab aber bei den Gedächtnissportlern neben dem visuellen Bereich eine höhere Aktivität im Hirnsystem, das auch für die Navigation gebraucht wird, aufgrund der Routentechnik“, erklärt Brechmann.

Muskel schwinden – das Gehirn nicht

Mallow sitzt in seinem Rollstuhl vor einer Gedächtnisaufgabe. (Foto: Felix Kästle/dpa)

Mallow sitzt in seinem Rollstuhl vor einer Gedächtnisaufgabe. (Foto: Felix Kästle/dpa)

Im März 2011 konnte  Mallow - hier bei einem Vortrag in der Kinderhochschule in der Hochschule Harz – noch stehen. Seit zwei Jahren ist er wegen Muskelschwäche auf einen Rollstuhl angewiesen. (Foto: Matthias Bein/dpa)

Im März 2011 konnte Mallow – hier bei einem Vortrag in der Kinderhochschule in der Hochschule Harz – noch stehen. Seit zwei Jahren ist er wegen Muskelschwäche auf einen Rollstuhl angewiesen. (Foto: Matthias Bein/dpa)

Hinter dem Interesse am Gedächtnissport steckt bei Mallow noch etwas anderes. „Ich brauche meinen Körper dafür nicht, sondern nur meinen Kopf.“ Seit seinem 14. Lebensjahr lebt Johannes Mallow mit einer Muskelschwundkrankheit. Seit 2011 sitzt er im Rollstuhl. Als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, begann er mit dem Gedächtnistraining. Während sein Körper ihn immer öfter im Stich ließ, zeigte ihm sein Gehirn, zu welchen Leistungen er fähig ist.

Im vergangenen Jahr wurde Johannes Mallow Gedächtnisweltmeister. Sein persönliches Erfolgsgeheimnis: „Ich gehe immer stark über mein Limit, mache viele Fehler und dann kämpfe ich mich ran. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Ohne meine Krankheit wäre ich wohl nicht so weit im Gedächtnissport gekommen.“

„Meine Grenze noch nicht gefunden“

Auch beruflich beschäftigt sich Mallow mit dem Gehirn. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der medizinischen Fakultät und schreibt gerade seine Doktorarbeit über die Optimierung von Aufnahmen der Kernspintomographie.

Ans Aufhören denkt der 32-Jährige noch lange nicht. „Ich will mich weiter an der Weltspitze etablieren und herausfinden, was noch möglich ist. Bisher habe ich meine Grenze noch nicht gefunden.“

(dpa)

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