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Ein Tor zur Welt: Projekte gegen Einsamkeit im Alter

Senioren alleine daheim, kaum mobil und einsam? Das muss nicht sein. Bundesweit haben Ältere
verschiedene Möglichkeiten, Neues zu lernen, in Erinnerungen zu schwelgen oder Ablenkung zu finden. Von Susanne Rytina

Kultur im Koffer: Die Ehrenamtlichen der Stadt Wiehl besuchen Senioren (Foto: Stadt Wiehl)

Kultur im Koffer: Die Ehrenamtlichen der Stadt Wiehl besuchen Senioren (Foto: Stadt Wiehl)

Als Eckhard Volquartz vor zehn Jahren den Verein „Maus Mobil“ in Koblenz gründete, hätte er nicht gedacht, dass die Idee, Senioren schulen Senioren am PC, so einschlagen würde.

Heute bringen über 20 Trainer rund 130 Älteren unter anderem bei, wie sie mit dem Internet via Skype mit ihren oft mehreren hundert Kilometer entfernten Verwandten kommunizieren können, wie sie E-Mails schreiben oder sich in Chatrooms im Internet zurecht finden.

Zu den Senioren, die nicht mehr so mobil sind, kommen die Trainer auch ins Haus. Aufgrund der großen Nachfrage gebe es inzwischen lange Wartezeiten, sagt Volquartz. „Für Senioren kann unsere Arbeit ein Tor zur Welt sein.“

Kultur im Koffer

140 Kilometer entfernt in Mühlheim an der Ruhr gibt es ein anderes außergewöhnliches Seniorenprojekt, das gegen die Einsamkeit hilft: Es nennt sich „Kultur im Koffer“. Gedacht ist es für ältere Menschen, die ohne Hilfe ihre Wohnung nicht mehr verlassen können.

Damit sie nicht auf Kulturangebote verzichten müssen, kommen Schüler und Bürger zu ihnen mit einem Koffer, der allerhand Überraschungen enthält und Gesprächsstoff liefert: Fotos von fremden Ländern, Muscheln, getrockneter Lavendel, aber auch Gegenstände aus Gegenwart und Vergangenheit. Ein Koffer zeigt zum Beispiel, wie man früher ohne Waschmaschinen gewaschen hat, so wie es viele Senioren noch aus ihrer Jugend kennen.

Entwickelt wurde das Projekt vom Evangelischen Zentrum für Quartiersentwicklung in Kooperation mit der Diakonie Rheinland-Westfalen Lippe, berichtet Diakonie-Mitarbeiter Christian Carls. Inzwischen sind die Kulturkoffer auch in andern Bundesländern unterwegs.

Ehrenamtliche Projekte gegen Verlust traditioneller Kontakte

Senioren allein daheim, eingeschränkt mobil und doch nicht einsam – viele solcher ehrenamtlichen Projekte machen es möglich. „Durch Besuchsdienste und übers Internet können sich auch im hohen Alter neue soziale Kontakte bilden“ betont der Gerontologe und Psychologie-Prof. Andreas Kruse.

Er ist Direktor am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg. Außerdem werden solche Initiativen in Zukunft immer wichtiger. Der Grund: Traditionelle familiäre Kontakte werden in einer mobilen Gesellschaft brüchiger – viele Kinder oder Enkelkinder leben nicht mehr in der Nähe. „Der Familienbegriff wird daher erweitert werden und umfasst auch Freunde und Bekannte.“

17 Stunden am Tag alleine

Zu den Bekannten gehören auch die ehrenamtlichen Helfer in Projekten, die regelmäßig Kontakt halten. Laut einer Studie aus dem Jahr 2000 waren über 70-Jährige im Schnitt 17 Stunden am Tag allein, sagt Kruse. „Nicht jeder Senior, der alleine lebt, fühlt sich jedoch einsam“, schränkt er ein. Oft seien es nur Phasen der Einsamkeit, die vorübergehen können.

Ursua Lenz, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), ist überrascht, wie viele Initiativen es auch in den kleineren Kommunen gebe. Das sieht sie an den Flyern, die auf ihren Tisch flattern.

Vor allem Besuchsdienste mit einem speziellen Thema, wie „Kultur im Koffer“ eröffneten die Chance, mit älteren Menschen ins Gespräch zu komme. „Sie vergessen so für ein paar Stunden ihre Krankheiten und Kümmernisse. Ausweinen und jammern muss sein, aber es tut auch mal gut, abgelenkt zu werden“, sagt Lenz.

Wohlfühlanrufe in Bremen

Das Telefon bleibt stumm: Dagegen wollen verschiedene Projekte angehen. Ältere können zum Beispiel ein Abo abschließen und werden dann regelmäßig von Ehrenamtlichen angerufen (Foto: dpa)

Das Telefon bleibt stumm: Dagegen wollen verschiedene Projekte angehen. Ältere können zum Beispiel ein Abo abschließen und werden dann regelmäßig von Ehrenamtlichen angerufen (Foto: dpa)

Einen Draht nach außen bieten zum Beispiel sogenannte Wohlfühlanrufe für Senioren, etwa in Bremen. Beim Verein Ambulante Versorgungsbrücken gibt es diese im Abo für 35 Euro, dafür bekommen Ältere regelmäßig Anrufe.

„Die Arbeit der Ehrenamtlichen ist kein Krisendienst, sondern eine Art Hausbesuch per Telefon“, erklärt die Vereinsvorsitzende Elsbeth Rütten. Ähnliche Angebote gebe es zum Teil als private Selbsthilfe, weiß Bagso-Sprecherin Lenz.

Zum Beispiel Telefonketten, die aus dem Kontaktnetz von älteren Männern und Frauen entstehen. Auch kirchliche Träger organisierten solche Anrufe.

Netzwerke im Internet

Inzwischen bilden ältere Menschen auch neue Netzwerke im Internet, weil sie gemeinsam mit anderen etwas lernen wollen, obwohl sie durch Krankheit oder Pflege von Angehörigen ans Haus gebunden sind.

Ein Beispiel ist das Vile-Netzwerk, gegründet vom Verein Virtuelles und reales Lern- und Kompetenz-Netzwerk älterer Erwachsener. Die Mitglieder tauschen sich bundesweit über Geschichte, Literatur, Musik, Reisen und vieles mehr aus. In regionalen Gruppen oder auf europäischen Tagungen trifft man sich vor Ort.

Das älteste Mitglied sei eine über 90-jährige Dame, die sich im Lerncafé engagiere, berichtet die Vile-Vorsitzende Carmen Stadelhofer. In dem Netzwerk begegneten sich auch Jüngere und Ältere im Netz und diskutierten in Foren beispielsweise über Literatur.

Jüngere und Ältere: Win-win

„Wenn Jüngere und Ältere sich gegenseitig befruchten, dann ist das von unschätzbarem Wert“, meint Kruse. Jede Form, bei der mehrere Generationen zusammentreffen, sei ein Gewinn.

„Mich fasziniert, wie viel Lebendigkeit und Lebensqualität ältere Menschen durch solche Initiativen gewinnen. So wird Teilhabe an der Gesellschaft möglich“, ergänzt Ursula Lenz.

Sie rät Senioren, sich in ihren Kommunen über solche Projekte zu erkundigen. Das Alter sei ein eigener Lebensabschnitt, der oft 20 Jahre und länger dauere. „Durch solche Projekte ergeben sich auch neue Perspektiven und Alternativen zum Leben allein vor dem Fernseher.“

(dpa/tmn)

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