""

Eine Blitzschachpartie wird das nicht mehr

Der Deutsche Schachbund e.V. kündigt an, sich von den diskriminierenden Äußerungen seiner Fernschachlegende Dr. Fritz Baumbach zu distanzieren. Dieser hatte gehörlosen Menschen unterstellt, sie seien in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt.

Schach

Von links nach rechts: Dr. Fritz Baumbach, Julia Probst, Andreas Statzkowski, Frank Karau, Horst Metzing, Josef Hanio (Foto: Heinz Hasselberg/pixelio.de)

Vor einer Woche erhielt der 76-Jährige Dr. Fritz Baumbach – ehemaliger Einzelweltmeister, Vizeweltmeister und mehrfacher Olympiasieger mit der Mannschaft im Fernschach sowie viele Jahre Trainer der DDR-Nationalmannschaft der Gehörlosen – das Bundesverdienstkreuz. In seiner Dankesrede sagte Baumbach laut Abschrift des Berliner Schachbundes: „Die Hörgeschädigten gehören zum Behindertensport, nicht weil sie sich nicht so gut verständigen können, sondern weil sie in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt sind. Hören und vor allem Sprechen sind die wichtigsten Elemente der geistigen Entwicklung des Menschen, ohne Gehör und die sprachliche Verständigung bleiben sie in der geistigen Entwicklung zurück.“ (ROLLINGPLANET berichtete: Gut, dass wir das wissen: Hörgeschädigte sind in ihrer geistigen Entwicklung zurück geblieben.)

Die Worte haben – nicht zuletzt aufgrund des ROLLINGPLANET-Berichts – hitzige Diskussionen ausgelöst. So griff die gehörlose Julia Probst, Bloggerin des Jahres 2011, den Fall auf und forderte von Baumbach: „Geben Sie sofort das Bundesverdienstkreuz zurück“. In ihrem Blog Augenschmaus beschäftigt sie sich ausführlich mit den Einzelheiten.

So einfach ist das nicht mit Schwarz und Weiß

Gehörlose zeigen bei Augenschmaus überraschenderweise jedoch auch Zustimmung für Baumbach: „Liebe Julia, der Mann hat recht mit seiner Aussage. ‚In ihrer geistigen Entwicklung gehemmt‘ heißt nicht ‚geistig behindert‘ und erst recht nicht dumm – wie all die Beispiele, du selber nennst, zeigen. Wer nichts hört, lernt schwerer sprechen, lernt schwerer lesen und schreiben, hat es schwerer, sich Bildung anzueignen. Diese Kette sollte dir vertraut sein. Ich habe mich selbst in meiner geistigen Entwicklung gehemmt gefühlt, als ich nicht mehr alles akustisch verstanden habe. Um diese Hemmung abzubauen, braucht es besondere Förderung, ein Umfeld mit DGS und dazu noch CI/Hörgeräte sofern sie helfen um Teilhabe und Chancengleichheit bei der geistigen Entwicklung herzustellen. Ich habe keine Ahnung, wie es um Gehörlose in der DDR bestellt war. Aber das, was du dem Mann unterstellen willst, meint er so nicht und hat er so nichtmal gesagt. Und ich unterstelle, dass Dr. Baumbach geholfen hat, die o.g. Kette zu durchbrechen“, schreibt Nutzer Enno.

Auf ROLLINGPLANET kommentierte Nutzer Florian: „Ich muss Herr Dr. Baumbach leider recht geben. Er diskriminiert Gehörlosen nicht, er hat gutes für gehörlosen Schachspieler aus DDR getrainiert und versucht das Beste daraus zu machen. Was er als erfahrener Schachspieler sieht und festgestellt hat, ist es leider wahr. Ich bin selbst gehörlos.“

In einem offenen Brief wendet sich Josef Hanio, gehörloser Schachspieler und ebenfalls Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, direkt an Baumbach: „Ich bitte Sie um Verständnis, dass wir – als Gehörlose – an einer schnellen Richtigstellung Ihrerseits interessiert sind. Ich erwarte daher eine kurzfristige öffentliche Erklärung / Richtigstellung Ihrerseits spätestens im Monat März 2012.“

Eine erste Reaktion

Heute um 13.03 Uhr hat der Deutsche Schachbund angekündigt, sich von den Äußerungen des frisch gebackenen Bundesverdienstkreuzträgers und ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fernschachbundes e.V. (BdF) distanzieren zu wollen.

Frank Karau, Betreiber von behindertensport-news.de, war dieser Skandal als erstem aufgefallen. Wie er soeben auf seiner Webseite berichtet, teilte ihm Sportdirektor Horst Metzing vom Deutschen Schachbund e.V. mit: „Vielen Dank für den Hinweis auf das Zitat von Dr. Fritz Baumbach bezüglich der hörgeschädigten Schachspieler. Es handelt sich um eine Aussage, die nicht die Auffassung des Deutschen Schachbundes darstellt. Wir werden daher den Hinweis auf die Veröffentlichung auf der Website des Berliner Schachverbandes löschen. Wir bitten die dadurch entstandene Betroffenheit zu entschuldigen.“

Bislang steht die Rede allerdings – eine Woche nach dem Vorfall – immer noch auf der Webseite der Berliner. Auch sonst dürfte die Angelegenheit keine Blitzschachpartie mehr werden: Weder Baumbach noch Staatssekretär Andreas Statzkowski, der den Orden verliehen hatte und der anschließenden Dankesrede offensichtlich ohne Protest beiwohnte, wollten sich bislang nicht zu ROLLINGPLANET-Anfragen äußern. Dabei wäre das Schachmatt einfach abzuwenden – mit einer, wie Josef Hanio verlangt, kurzfristigen öffentlichen Erklärung.

Zum Themenschwerpunkt Gehörlose Menschen

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Florian

    Ich verstehe nicht, warum der Schachbund sich distanziert. Herr Baumbach hat doch einfach recht.
    Man stelle sich vor, ich wäre der Trainer für geistig Behinderte Schachspieler und würde ungefähr so sagen. „Er spielt trotz seiner geistig gehemmte Fähigkeit ordentlich Schach.“ Es ist nur gut gemeint, wenn man beim Schachspielen sieht, was man weiß und kennt.

    9. März 2012 at 10:47
  • Thomas

    Ich kann die Schachfunktionäre gut verstehen, schließlich hat die Deutsche Schach-Nationalmannschaft bei der letzten Schacholympiade gegen die Mannschaft des Weltverbandes der Gehörlosen (ICSC – International Committee of Silent Chess) mit 3 – 1 verloren. Am Ende stand die ICSC-Mannschaft u.a. vor Deutschland und Norwegen. Für Norwegen spielte der derzeit stärkste Schachspieler der Welt Magnus Carlsen. Schach ist doch gerade ein gutes Bsp. dafür, dass Gehörlose gegenüber den „Normalos“ voll wettbewerbsfähig sind. Es gibt gehörlose Schachspieler, die sind internationale Meister und Großmeister im Schach. Der von Geburt an gehörlose Großmeister Yehuda Gruenfeld hat viele Jahre für Israel am Spitzenbrett gespielt, zusammen mit seinen nichtbehinderten Mannschaftskollegen. Das war einfach normal, so sollte Integration auch sein.

    12. März 2012 at 15:02

KOMMENTAR SCHREIBEN