""

Eine Welt aus sechs Punkten im digitalen Zeitalter

Am 4. Januar ist Welt-Braille-Tag – warum die vor fast 200 Jahren erfundene Punktschrift für viele blinde Menschen bis heute trotz Computer unverzichtbar ist. Von Sebastian Kunigkeit

Ein Mitarbeiter der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig, liest einen Roman in Brailleschrift Korrektur. (Archivfoto: Hendrik Schmidt/dpa)

Ein Mitarbeiter der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig, liest einen Roman in Brailleschrift Korrektur. (Archivfoto: Hendrik Schmidt/dpa)

In Fahrstühlen sind die kleinen Symbole aus hervorstehenden Punkten inzwischen häufig zu sehen, auch auf Medikamentenverpackungen. Für viele blinde Menschen sind sie ein Schlüssel zum Wissen der Welt: In Zeichen aus bis zu sechs Punkten, angeordnet wie die Sechs auf einem Würfel, macht die Braille-Schrift das Alphabet fühlbar. Die Punktschrift wurde vor fast 200 Jahren erfunden und ist auch im digitalen Zeitalter noch unverzichtbar. Der Welt-Braille-Tag an diesem Mittwoch (4. Januar) erinnert an den Geburtstag ihres Erfinders Louis Braille.

Die Weltblindenunion warnt zu diesem Anlass davor, die Braille-Schrift mit Blick auf neue Errungenschaften zu vernachlässigen. In einer Mitteilung äußert der Verband die Sorge, dass es weniger Unterstützung für Unterricht und Nutzung der Punktschrift geben könnte „aufgrund des Glaubens, dass Technologien wie E-Books, Hörbücher und Screen-Reader Braille ersetzen könnten“.

Lesen mit den Fingern

Der Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig, Thomas Kahlisch, zeigt zum Vergleich die 15-teilige Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ in Blindenschrift und in Schwarzschrift (rotes Buch vorn). Seit 1894 werden in Leipzig Bücher für blinde und sehbehinderte Menschen in Punktschrift hergestellt. (Archivfoto aus dem Jahr 2009: Hendrik Schmidt/dpa/lsn)

Der Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig, Thomas Kahlisch, zeigt zum Vergleich die 15-teilige Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ in Blindenschrift und in Schwarzschrift (rotes Buch vorn). Seit 1894 werden in Leipzig Bücher für blinde und sehbehinderte Menschen in Punktschrift hergestellt. (Archivfoto aus dem Jahr 2009: Hendrik Schmidt/dpa/lsn)

Tatsächlich bietet die heutige Medienwelt auch für Blinde viele neue Möglichkeiten. Hörbücher sind viel breiter verfügbar als früher, Computer und Smartphones können Texte vorlesen. Doch das kann die Braille-Schrift aus Sicht von Professor Thomas Kahlisch nicht ersetzen: „Die ist eigentlich alternativlos“, sagt der Leiter der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, der auch im Präsidium des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands sitzt. „Das ist die einzige Form, mir als blinder Mensch Schrift anzueignen.“

Natürlich sei es für Blinde sehr praktisch, etwa Diktierfunktionen am Smartphone nutzen zu können. Doch diese Technik habe auch Grenzen. „Da rollen sich einem die Fußnägel hoch, was die Leute so wegschicken“, sagt er mit Blick auf Missverständnisse und Rechtschreibfehler. „Das funktioniert im Berufsleben nicht.“ Lesekompetenz sei ein Eckpfeiler der Bildung – und für Blinde damit ebenso wichtig wie für Sehende, heißt es bei der Weltblindenunion.

Wie sich Louis Braille behauptete

Die Geschichte der Punktschrift begann mit einem Schicksalsschlag. Louis Braille kam 1809 als Sohn eines Sattlers im Dorf Coupvray östlich von Paris zur Welt – in der Nähe liegt heute der Freizeitpark Disneyland. Im Alter von drei Jahren verletzte der Junge sich mit einem spitzen Werkzeug seines Vaters am rechten Auge. Eine folgende Infektion ging auch auf das linke Auge über, Louis erblindete.

Die Eltern wollten trotzdem eine möglichst gute Schulbildung für das aufgeweckte Kind. Sie schickten ihn ganz normal zur Dorfschule, wo Louis sich als wissbegierig und begabt erwies. Schließlich konnte er eines der ersten Blindeninstitute der Welt in Paris besuchen.

Louis Braille (4.1.1809 – 6.1.1852) in einer zeitgenössischen Darstellung. (Foto: Röhnert/dpa)

Louis Braille (4.1.1809 – 6.1.1852) in einer zeitgenössischen Darstellung. (Foto: Röhnert/dpa)

Dort arbeiteten Blinde damals noch mit einer Reliefschrift: Ins Papier gedrückte Buchstaben, sehr schwierig und langsam zu lesen. Auf die Idee einer Punktschrift kam Louis durch einen Artilleriehauptmann – der hatte eine „Nachtschrift“ erfunden, mit der sich Soldaten im Dunkeln verständigen sollten. Das System war mit zwölf Punkten aber sehr kompliziert. Braille vereinfachte es und stellte 1825 im Alter von nur 16 Jahren sein Verfahren mit sechs Punkten vor.

Mehr Blindenschrift im Alltag erwünscht

Wie viele Menschen Braille lesen können, dazu gibt es keine verlässlichen Angaben – schon zur Zahl der Blinden und Sehbehinderten in Deutschland liegen nur Schätzungen vor. Gerade junge Menschen könnten in recht kurzer Zeit Braille lernen, sagt Kahlisch. Menschen, die erst im Alter ihre Sehkraft verlieren, tun sich dagegen oft schwerer. Wer das System beherrscht, kann damit heute mithilfe einer sogenannten Braillezeile auch am Computer arbeiten oder das Smartphone nutzen. Wer als Blinder Braille beherrscht, hat damit deutlich bessere Chancen auf einen Job.

„Es gibt viele Potenziale“, sagt Kahlisch mit Blick auf die Verbindung von Braille und moderner Technik. So könne man sich vom Handy navigieren lassen, mit einer Supermarkt-App einkaufen oder mit einer Bank-App ein Konto führen. „Aber das geht auch mit einer gewissen Abhängigkeit von den Geräten einher.“ Zudem gibt es neue Schwierigkeiten – etwa, wenn Software-Entwickler nicht wissen, wie sie eine App gestalten müssen, damit sie auch von Blinden genutzt werden kann. „Die ganzen Vorzüge der digitalen Welt sind nur dann nutzbar, wenn sie barrierefrei sind.“ Kahlisch wünscht sich noch mehr Braille im Alltag, etwa auf Pizzaverpackungen. „Da müssen wir viel tun, auch Überzeugungsarbeit leisten.“

Louis Braille selbst erlebte den internationalen Siegeszug seiner Schrift übrigens nicht mehr, er starb 1852 im Alter von 43 Jahren an Tuberkulose. Erst Jahrzehnte später wurde das 6-Punkte-Alphabet 1878 bei einem internationalen Kongress als bestes System anerkannt (siehe auch ROLLINGPLANET-Porträt Louis Braille: Der viel zu frühe Tod eines lächelnden Träumers– 10 Fakten). 100 Jahre nach seinem Tod ehrte sein Heimatland das Lebenswerk von Louis Braille und ließ dessen Gebeine ins Pariser Pantheon umbetten – die Ruhestätte von Frankreichs Nationalhelden.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Mario Botezat

    Mal angenommen man Erblindet im hohen alter kann man die Blindenschrift schnell erlernen weil ich normalerweise Brillenträger bin. Auf dem rechten Auge kann ich kaum noch sehen daher die frage.

    3. Januar 2017 at 14:48
    • Karina Henseleit

      Hallo, auch im hohen Alter ist das erlernen der Blindenschrift noch möglich. Und es geht auch ziemlich schnell wenn man gut übt und daran Freude hat. Ich wünsche ein frohes und gesundes neues Jahr es grüßt herzlich Karina

      4. Januar 2017 at 23:31

KOMMENTAR SCHREIBEN