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Einer wie Bruno: Die Macher erzählen über den Film

Seit Donnerstag läuft in den Kinos die Tragikomödie über ein etwas anderes Vater-Tochter-Verhältnis. Radost lebt allein mit ihrem Vater Bruno, der geistig auf dem Stand eines Zehnjährigen ist. Das Zusammenleben funktioniert bestens. Bis Radost in die Pubertät kommt – und Brunos Welt aus den Fugen gerät.

Verkehrte Vater-Tochter-Welt

Anja Jacobs („Zores“) erzählt in ihrem Spielfilm eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Lieben und vom Loslassen. Das Drehbuch stammt von Marc O. Seng. Darum geht es:

Die 13-jährige Radost (in ihrer ersten Kinorolle: Lola Dockhorn, „Räuber Kneißl“) lebt allein mit ihrem Vater Bruno (Christian Ulmen) zusammen. Bruno ist jedoch kein Vater wie jeder andere, sondern hat eine angeborene Intelligenzschwäche und ist auf dem geistigen Niveau eines Zehnjährigen.

Im Alltag ist er für Radost mehr Spielkamerad als Erziehungsberechtigter und kommen gut miteinander aus. Mit voranschreitendem Alter wird die geistige Überlegenheit Radosts immer deutlicher. Die traditionellen Rollen von Vater und Tochter sind mittlerweile vertauscht und Radost ist nun diejenige, die sich um das Leben ihres Vaters kümmern muss, was zu einer großen Belastung für beide führt.

Je älter und reifer das Mädchen wird, umso mehr wird Radosts geistige Überlegenheit Bruno gegenüber bemerkbar. Und wie alle Erwachsenen findet auch Bruno in dieser Entwicklungsphase immer schwerer Zugang zu der Welt seiner Tochter. Was früher spielend gelang, endet jetzt in lautstarken Auseinandersetzungen. Bruno, der seine Tochter bedingungslos liebt, verzweifelt immer mehr. Auf der anderen Seite sehnt sich Radost danach, ein normales Teenagerleben zu führen und nicht ständig als Betreuungsperson für ihren Vater beschäftigt zu sein. Als sich Radost dann auch noch in den neuen Mitschüler Benny (Lucas Reiber) verliebt, scheint der leidvolle Bruch unausweichlich…

Interview mit Christian Ulmen

In der Titelrolle ist der Ex-Kultmoderator Christian Ulmen (36) zu sehen, der sich als Schauspieler in so unterschiedlichen Filmen wie „Herr Lehmann“, „Elementarteilchen“ und „Männerherzen“ einen Namen machte.

Wie war das, einen Menschen wie Bruno zu spielen?

Nur einen Menschen mit Behinderung zu spielen, wäre mir zu langweilig. Was ich an dem Buch mochte, war Brunos Bewusstsein darüber. Er würde die Verantwortung für seine Tochter gerne tragen, ahnt aber, dass er sie nicht tragen kann. Seine Tochter kommt jetzt in die Pubertät, das macht ihm zu schaffen, so wie es allen Eltern eines Kindes in diesem Alter geht. Nur kann Bruno noch weniger loslassen, weil er seine Tochter eben nicht nur als Tochter sondern auch als Mutter braucht.

Was war die größte Herausforderung für Sie beim Bruno-Werden bzw. -Sein?

Eine Figur zu spielen, der die Zuschauer glauben, dass sie behindert ist.

Was zeichnet Bruno aus?

Ich glaube, das ist sehr offensichtlich und bedarf keiner weiteren Erklärung. Bruno ist geistig auf dem Stand eines 12jährigen Jungen, wenn nicht gar jünger. Und er ist Vater einer 13jährigen Tochter. Um diesen Konflikt geht es.

Über welche Stationen führte Ihr Weg zu dem Projekt?

Die Regisseurin Anja Jacobs hatte mir das Buch in einer ganz frühen Fassung geschickt und mich gefragt, was ich davon halte. Ich war alsbald sehr angetan. Wir trafen uns ein paar Mal, um über Bruno zu reden, probten ein wenig und los ging‘s.

Nach welchen Kriterien wählen Sie eine Rolle aus?

Da habe ich keine Schablone, die ich anlege. Und auch kein Kriterienregister. Da bin ich wie jeder gewöhnliche Kunde im Buchladen: Entweder die Geschichte fesselt oder nicht.

Haben Sie für Ihre Rolle besonders recherchiert?

Ich habe ein paar Lebensberichte von Kindern geistig behinderter Eltern gelesen und unter anderem die Dokumentation zu dem Thema aus der ZDF-Reihe „37 Grad“ gesehen. Ich bin aber immer darauf aus mit meiner Fantasie und dem Buch auf Reisen zu gehen. Den Abgleich mit der Realität übernimmt dann die Regie.

Interview mit Anja Jacobs

Die Berliner Regisseurin Anja Jacobs (37) drehte 2007 die Fernsehserie „Verrückt nach Clara und 2008 den Fernsehfilm „Küss mich, wenn es Liebe ist (Fernsehfilm). „Bruno“ ist ihr erster Kinofilm.

Wie kam es zu dem Projekt? Bitte erzählen Sie ein wenig über die Planungsphase des Filmes.

Marc Seng, der Autor, schickte mir im August 2005 ein Exposé mit der Bemerkung: Lies doch mal, vielleicht kannst du ja etwas damit anfangen…und oh ja! …sehr viel sogar. Das war genau mein Thema, mein Stoff: über Kinder, die zuviel Verantwortung tragen und die Rolle der Eltern übernehmen müssen, wollte ich schon immer einen Film machen. Welch eine glückliche Fügung.

Wir haben also beschlossen, zusammen weiter an der Geschichte zu arbeiten und Alex Funk, den Produzenten, den wir aus gemeinsamer Akademiezeit in Ludwigsburg kannten, mit ins Boot zu holen. Das Kuratorium Junger Deutscher Film ermöglichte uns mit einer Förderung, das Drehbuch in aller Ruhe ohne äußeren Druck zu entwickeln. Später kam dann Produzent Uwe Schott, mit dem ich bereits 2007 einen Film gemacht hatte, dazu und half mit der Finanzierung des Projektes.

Was war Ihnen bei der Inszenierung besonders wichtig?

Dass der Zuschauer trotz des schweren Themas lachen und weinen kann. In einer meiner Lieblingsszenen, in der Frau Corazon, die Frau von der Lebenshilfe, Vater und Tochter betrunken antrifft, muss man immer wieder lachen, wenngleich es einem ob der extrem heiklen Situation im Halse stecken bleibt.

Die besondere Herausforderung der Inszenierung lag darin, einen Bruno zu erzählen, der liebevoll, komisch, aber auch unglaublich nervig und peinlich sein kann, ohne dass es albern wirkt. Christian Ulmen spielt Bruno faszinierend nahbar und authentisch, dem kann man sich einfach nicht entziehen.

Gleichzeitig sollte der Zuschauer aber auch Radosts schwierige Situation als Tochter eines geistig zurückgebliebenen Vaters, den sie sehr liebt, mitfühlen und ihre extremen Gefühlsschwankungen und Reaktionen verstehen. Diesen Spagat zu schaffen, war das Ziel. Dank der großartigen schauspielerischen Leistung von Lola Dockhorn und Ulmen ist das meiner Meinung nach auch hervorragend gelungen.

Haben Sie persönlich Kontakt zu geistig behinderten Menschen?

Während der Drehbucharbeit hat uns eine Frau von der Lebenshilfe, die Eltern mit geistiger Behinderung und gesunden Kindern betreut, beraten. Außerdem haben Freunde meiner Eltern einen geistig behinderten Sohn, der nun inzwischen auch körperlich erwachsen ist, aber geistig nur in kleinen Anteilen reifen kann. Ihn kenne ich seit der Kindheit.

Das schreiben die Kritiker

Kino-Zeit:

Das Thema, von dem Einer wie Bruno mit leichter Hand und manchmal etwas flapsig erzählt, hat einen ernsten Hintergrund. Lange Zeit galt es als unmöglich, dass Eltern mit einer geminderten Intelligenz Kinder großziehen dürfen bzw. dass den Kindern solche Eltern „zuzumuten“ seien – bis im Jahr 2002 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil fällte, das beispielhaft wurde. Nach jahrelanger Trennung erhielt ein deutsches Ehepaar mit Lernbehinderung seine beiden Töchter zurück. Doch es gibt auch filmische Vorläufer zu dem Thema – das Gerichtsurteil mündete in dem TV-Drama In Sachen Kaminski aus dem Jahre 2005. (…)

Dass Einer wie Bruno dennoch trotz einiger deutlicher Schwächen und der nicht immer gelungenen Balance zwischen Komik und Ernst über weite Strecken funktioniert, liegt vor allem an der jungen Lola Dockhorn, die man sofort ins Herz schließt. Sie trägt den Film als eigentliche Hauptfigur und gibt ihm den nötigen Ernst und die Tiefe, die man an einigen Stellen dann doch vermisst. Insgesamt aber gelingt es dem Film, sich dem Thema geistige Behinderung auf neue und erfrischende Weise anzunähern, der jede Rührseligkeit vermeidet und stattdessen auf die Kraft des Lachens setzt.

Stern:

Die Geschichte ist leider ebenso banal wie unglaubwürdig. Warum ein derart geistig behinderter Mensch alleine mit seiner Tochter lebt, wie es zu dem Tod der Mutter kam und was es überhaupt mit der Intelligenzschwäche des Mannes auf sich hat – Fragen, die Jacobs unbeantwortet lässt. Stattdessen verliert sie sich in überwiegend klischeehaften Darstellungen. Und dann ist da noch Ulmens Verkörperung des liebenswerten, aber eben auch nervtötenden Bruno. Mit übertriebenen Grimassen, wilden Gesten, Schielen und Stottern lässt er die Figur zu einer Parodie verkommen.

Welt:

Wenn nicht alles täuscht, hat der deutsche Film ein neues Thema gefunden: Menschen mit Behinderung. Was mit den Tourette-Werken „Vincent will Meer“ und „Ein Tick anders“ anfing, findet seine Fortsetzung mit „Einer wie Bruno“. Man kann gleichwohl nicht behaupten, dass es sich Regisseurin Anja Jacobs mit ihrem zweiten Langfilm leicht gemacht hätte. (…) Leider macht Ulmen aus Bruno eine reine Zirkusnummer. Er grimassiert, schielt und übt sich in albernen Tierimitationen. Als Höhepunkt der Schauspielkunst darf er vor Wut einen Spiegel zerschlagen, was wohl selbstreflexiv ausschauen soll, aber blöder wirkt, als ein echter Bruno jemals sein könnte. Ohnehin hätte ein älterer Darsteller wahrscheinlich überzeugender, väterlicher gewirkt. Einer wie Matthias Brandt zum Beispiel.

Trailer

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