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Einmal Robin Hood sein – Bogenschießen ist mehr als Sport

Wie Pfeil und Bogen zur Behandlung physischer und psychischer Beschwerden eingesetzt werden. Von Matthias Jung

Wenn der Bogen gespannt wird, der Pfeil die Sehne mit großer Wucht verlässt und sich einen Augenblick später in die Zielscheibe bohrt, dann empfinden viele Schützen eine Art Glücksgefühl. (Foto: Uli Deck/dpa)

Wenn der Bogen gespannt wird, der Pfeil die Sehne mit großer Wucht verlässt und sich einen Augenblick später in die Zielscheibe bohrt, dann empfinden viele Schützen eine Art Glücksgefühl. (Foto: Uli Deck/dpa)

Wenn Menschen über das Bogenschießen sprechen, dann fällt meistens der Name Robin Hood. Denn auch der englische Kämpfer für soziale Gerechtigkeit war mit Pfeil und Bogen im Wald von Nottingham unterwegs. Die Gerätschaften wurden früher vor allem als Waffe in der Jagd und bei kriegerischen Auseinandersetzungen verwendet.

Schießen gegen orthopädische und seelische Probleme

Heutzutage ist Bogenschießen ein olympischer Sport, eine beliebte Freizeitbeschäftigung und immer häufiger auch ein Mittel in der Gesundheitsförderung – gegen orthopädische Beschwerden, aber auch bei seelischen Problemen.

Genaue Zahlen, wie viele Menschen Bogenschießen betreiben, gibt es nicht. Klaus Lindau schätzt, dass es etwa 50.000 sind. Der Bogenreferent des Deutschen Schützenbunds (DSB) in Wiesbaden führt die gestiegene Beliebtheit nicht nur auf den Wunsch nach Natur und Abenteuer zurück.

Der Sport sei auch so attraktiv, weil er eine hohe Körperbeherrschung verlange. „Bogenschießen besteht aus einer Automatisierung der Bewegung und ist dabei sehr dynamisch“, sagt er. „Daher muss man sich sehr mit dem eigenen Körper beschäftigen.“

Für Rollstuhlfahrer ebenso wie für Diabetiker


London Olympics Archery Men
Der blinde Südkoreaner Dong-Hyun schoss bei den Paralympics 2012 einen Weltrekord (Foto: Jose Sanchez/AP/dapd)

Bogenschießen ist ein statischer Sport, der sich für viele Menschen mit Behinderung eignet – seien es Rollstuhlfahrer, Diabetiker oder Blinde. Letztere haben statt des Visiers eine spezielle Zieleinrichtung, die mittels optischer Signale den Weg in die Scheibe weist.
Nicht geeignet ist Bogenschießen für Menschen mit Problemen im Halswirbelbereich, mit der Schulter oder mit Sehnenerkrankungen wie Tennisarm.
Bogensport ist nicht sehr anstrengend – aber einseitig. Sportwissenschaftler empfehlen daher, Ausdauertraining wie Joggen oder Radfahren als Ausgleich zu betreiben und die anderen Muskelgruppen, also etwa Bauch und Beine, zusätzlich im Studio zu stählen.
„Das Bogenschießen hat mein Leben verändert“, erzählt Dieter Schnepel, der unter anderem Vizelandesmeister 2010 bei der Behindertenmeisterschaft in Nieder-Florstadt wurde. Der 55-jährige Unternehmensberater hat seit mehr als 30 Jahren Diabetes Typ 1. Er sei schlanker und muskulöser als früher. Sein ehemals stark erhöhter Blutdruck besserte sich deutlich. Und auch seine Blutzuckerwerte seien heute stabiler. Sogar im Job tut er sich leichter: „Ich kann mich heute viel besser und länger konzentieren als früher.“

Eigenverantwortung mit Glücksgefühl

Wenn der Bogen gespannt wird, der Pfeil die Sehne mit großer Wucht verlässt und sich einen Augenblick später in die Zielscheibe bohrt, dann empfinden viele Schützen eine Art Glücksgefühl. „Man ist selbst dafür verantwortlich, ob man trifft oder nicht. Dieses hohe Maß an Eigenverantwortung macht Spaß“, erklärt Lindau.

Weil beim Bogenschießen die Muskulatur gestärkt und der aufrechte Stand permanent eingeübt wird, profitieren Rücken und Wirbelsäule. Daher sei es auch ein anerkannter Rehasport, erläutert Lindau. „Zudem passiert dabei etwas, die Kräftigung hat also einen Sinn. Das ist interessanter, als im Fitnessstudio Eisen zu heben.“

Für manche Menschen ist es sogar der erste Schritt, sich überhaupt einmal sportlich zu betätigen, erzählt Martin Scholz. Der Coach und Heilpraktiker für Psychotherapie arbeitet in Dortmund unter anderem mit Kindern und Jugendlichen, die unter Adipositas, also Fettleibigkeit leiden. Sie wiegen so viel, dass Joggen zum Abnehmen wenig sinnvoll ist, Bogenschießen können sie jedoch.

Besseres Selbstwertgefühl: „Du kannst etwas!“

„Das ist für sie der erste Kontakt mit Bewegung“, erklärt Scholz. „Sie haben relativ schnell Erfolg und merken: Du kannst etwas! Und irgendwann kommen sie an den Punkt, an dem sie eventuell auch laufen oder Rad fahren können.“ Die Erfahrung mit Pfeil und Bogen kann also dazu beitragen, das Selbstwertgefühl zu steigern.

Zudem verbessert Bogenschießen die Wahrnehmungsfähigkeit und Konzentration. Es fördert die Entspannung, schützt Menschen damit vor Stress, wie Studien gezeigt haben. Daher wird es oft auch in psychosomatischen Kliniken eingesetzt, zum Beispiel bei Burnout-Patienten oder Menschen mit Essstörungen.

Scholz hat auch gute Erfahrungen bei Heranwachsenden gemacht, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. „Kinder, die rumzappeln, verändern sich, wenn sie einen Bogen in die Hand nehmen“, sagt der 47-Jährige.

Nur eine ergänzende Therapieform

Allerdings betont er, dass Bogenschießen nur eine ergänzende Therapieform sein kann – etwa im Rahmen einer Gesprächstherapie oder einer psychosomatischen Behandlung. Auch sollte es bei bestimmten Krankheitsbildern außen vor bleiben. „Ich würde einem Patienten mit einem Borderline-Syndrom niemals einen Bogen in die Hand drücken“, macht Scholz klar.

Der Bogen findet seinen Einsatz auch bei Trainings in Unternehmen. Hier kann der Sport das Team-Building fördern, erzählt der Coach. Dabei spielten Fragen nach den Zielen des Teams und seiner Mitglieder eine Rolle: Wo stehe ich? Wo will ich hin? „Diese Zielorientierung kann man mit den Pfeilen gut üben“, sagt Scholz.

Bogenschießen ist schwieriger als viele denken

Manfred Baum ist es jedoch wichtig hervorzuheben, dass Bogenschießen ein durchaus anspruchsvoller Sport ist. Er muss es wissen: Baum ist Vorsitzender des schwäbischen Vereins Schützengilde Welzheim, der Außenstelle des Olympiastützpunkts Stuttgart ist und regelmäßig Athleten zu den Sommerspielen schickt. „Viele meinen, Bogenschießen sei ganz einfach. Aber für eine gute Ausführung ist sehr viel Übung erforderlich“, betont er.

Während die Spezialisten technisch ausgefeilte Bögen nutzen, wird im Freizeitbereich häufig mit einfachen Langbögen geschossen. Das gilt auch für das meditative Zen-Bogenschießen und eine Reihe weiterer Formen. Dazu gehört das der Jagd nachempfundene 3-D-Schießen im Grünen. Dabei zielen die Teilnehmer auf Schaumstofftiere.

„Bei solchen und ähnlichen Dingen stehen der Spaß und die Natur im Vordergrund“, sagt Baum. „Das ist sehr im Trend.“ Deshalb hat auch sein Verein oft Anfragen von Unternehmen und arbeitet mit einer Schule zusammen. Das Bogenschießen kenne man eben von klein auf, sagt er und nennt einen Namen: Robin Hood.

Robin Hood: Fraglich, ob es ihn je gab


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Robin-Hood-Denkmal vor dem Schloss in Nottingham

Robin Hood war im 13. Jahrhundert ein in England gebräuchlicher Spitz- oder Beiname, der synonym für „Gesetzesbrecher“ benutzt wurde. In den Jahren von 1261 bis 1296 taucht dieser Beiname im ganzen Land sieben Mal in verschiedenen Quellen auf. Darin sieht die heutige Forschung einen Beleg, dass Balladen über die Taten Robin Hoods bereits seit Mitte des 13. Jahrhunderts im Volk verbreitet waren.

Robin Hood ist der Held mehrerer spätmittelalterlicher bis frühneuzeitlicher englischer Balladenzyklen, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu der heutigen Sage formten. Die Handlungen der Balladen wurden fortwährend umgedichtet und weiterentwickelt, auch neue Balladen wurden hinzuerfunden.

So wird Robin Hood in den ältesten schriftlichen Quellen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts noch als gefährlicher Wegelagerer einfacher Herkunft geschildert, der vorzugsweise habgierige Geistliche und Adlige ausraubt. Im Zuge seiner Auseinandersetzungen mit Feinden kommt es auch zu mittelalterlich-grausamen Praktiken.

Später wird er immer positiver dargestellt. Die Dichtung macht ihn zum enteigneten angelsächsischen Adeligen und zum gegen die Normannen kämpfenden angelsächsischen Patrioten. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts wandelt sich die Figur auch zum Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit, der den Reichen nimmt und den Armen gibt. Die Existenz Robin Hoods als reale historische Figur ist nicht belegt. (Quelle: Wikipedia)

(RP/dpa/tmn, Foto Robin Hood: Wikipedia/Soerfm. GNU Free Documentation License, Version 1.2 or any later version )

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1 Kommentar

  • Andrea

    Bogenschießen durfte ich in der Klinik vor einigen Jahren auch einige Male in der Bewegungstherapie und es . Das war weitaus besser als Tischtennis, Sitzfußball oder die anderen Spielchen, mit denen der Sporttherapeut uns quälte. Ich fand es interessant und machte es gerne.

    4. Oktober 2013 at 00:25

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