Entgegen aller Vorurteile: Schizophrene Menschen sind nicht gefährlicher als der Rest der Menschheit

Die Krankheit ist komplex, rätselhaft – und hat viele Facetten. Komplett heilbar ist sie nicht, aber in aller Regel lassen sich die Symptome mit Medikamenten und Psychotherapie kontrollieren. Von Sabine Meuter

Wer bin ich? Schizophrenie ist eine komplexe und rätselhafte Krankheit. Bei etwa einem Drittel der Erkrankten bilden sich alle Symptome vollständig zurück, bei ungefähr einem weiteren Drittel kommt es immer wieder zu Krankheitsphasen und beim letzten Drittel der Erkrankten ergibt sich ein chronischer Verlauf, welcher zu einer andauernden Behinderung führt. (Symbolfoto: Shutterstock)

Wer bin ich? Schizophrenie ist eine komplexe und rätselhafte Krankheit. Bei etwa einem Drittel der Erkrankten bilden sich alle Symptome vollständig zurück, bei ungefähr einem weiteren Drittel kommt es immer wieder zu Krankheitsphasen und beim letzten Drittel der Erkrankten ergibt sich ein chronischer Verlauf, welcher zu einer andauernden Behinderung führt. (Symbolfoto: Shutterstock)

Sich vom Geheimdienst verfolgt oder von Nachbarn bedroht fühlen – und mitunter Stimmen hören, die einem wieder und wieder zuraunen: „Du kannst nichts. Du bist nichts wert. Du bist der letzte Dreck.“ Solche Symptome können auf eine schwere psychische Erkrankung hindeuten: Schizophrenie.

Kaum jemand bekennt sich, wenn irgendwie möglich, zu dem Leiden öffentlich. Denn Schizophrenie löst Ängste und Vorbehalte aus: Betroffenen wird unterstellt, unberechenbar zu sein und zur Gewaltanwendung gegen andere zu neigen. Sie werden häufig als Irre abgestempelt, die in eine Nervenheilanstalt gehörten. „Unter solchen Vorurteilen leiden wir Betroffene immens“, erklärt Ansgar Trappen (Name geändert). Dabei gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Menschen, die an einer schizophrenen Psychose erkrankt und in Behandlung sind, gefährlicher als andere sind.

Jeder Fall ist unterschiedlich

An Schizophrenie erkrankt „weltweit etwa ein Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben“, sagt die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin Christa Roth-Sackenheim. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater (BVDP) in Berlin. Bei Schizophrenie kommt es zu zeitweiligen schweren Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und des Erlebens.

„Das kann mit Beeinträchtigungen oder sogar mit dem Verlust des Realitätsbezugs einhergehen“, erklärt die Psychiaterin und Psychotherapeutin Iris Hauth. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde mit Sitz in Berlin. Wie genau sich Schizophrenie äußert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. „Neben Verfolgungswahn und Stimmenhören fühlen die einen sich beispielsweise von außen gesteuert, bei anderen sind Gedankenprozesse gestört.“

Erst teilweise erforscht

Daneben gibt es Fälle, bei denen Betroffene in ihrer Leistungsfähigkeit einen Knick erleben, sich aus sozialen Kontakten zurückziehen, antriebslos werden und keine Freude mehr haben. Was bei Schizophrenie im Körper exakt abläuft, ist wissenschaftlich noch nicht bis ins letzte Detail erforscht. „Fest steht, dass in akuten Krankheitsphasen bestimmte Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten“, erläutert Roth-Sackenheim.

Die Ursachen hierfür können eine erbliche Veranlagung sein, aber beispielsweise auch akuter Stress. Drogen wie Cannabis können ebenfalls den Ausbruch einer schizophrenen Erkrankung begünstigen. Treffen kann es vor allem Jüngere zwischen 18 und 35 Jahren. Bei Männern tritt Schizophrenie häufig früher auf als bei Frauen. Warum das so ist, ist wissenschaftlich noch unklar. In einigen Fällen kommt es zu Schizophrenie auch erst im fortgeschrittenen Alter. Vor allem Frauen in den Wechseljahren sind dann betroffen.

Schwierige Diagnose

Für Fachärzte ist es nicht immer einfach, Schizophrenie zu diagnostizieren – gerade, wenn sie sich erstmals in der Pubertät zeigt. In dieser Phase ist es nicht selten, dass sich Jugendliche stundenlang in ihrem Zimmer einschließen. „Für die Diagnose Schizophrenie müssen in jedem Fall mehrere Faktoren zusammenkommen – neben einem Rückzug etwa das Hören von Stimmen als Trugwahrnehmung oder Verfolgungswahn“, erklärt Roth-Sackenheim.

Behandelt wird Schizophrenie mit Medikamenten. „Zusätzlich ist eine Psychotherapie zu empfehlen, um etwas gegen Symptome wie Angst oder Antriebslosigkeit zu tun“, sagt Hauth. Ein Viertel aller Patienten hat einmal im Leben eine sogenannte Episode, und wenn sie dann gut therapiert wird, nie wieder. „Eine Episode bedeutet, der Betroffene zeigt derart akute Symptome, dass ein Aufenthalt in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie nötig ist.“ In drei Viertel aller Fälle kommt es danach zu Rückfällen, oft auch erst Jahre später.

So war es auch bei Ansgar Trappen. Der heute 58-Jährige war 18 Jahre alt, als er erstmals wegen einer schizoaffektiven Psychose stationär behandelt wurde. Nach diesem Klinik-Aufenthalt war sein Zustand zunächst stabil. Trappen zeigte keinerlei Symptome. Auf Anraten seiner Ärztin setzte er die Medikamente ab, die ihm verschrieben worden waren. Er absolvierte eine Ausbildung, ging einer geregelten Arbeit nach und machte auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach.

Leben mit der Krankheit

Er heiratete und wurde Vater von zwei Kindern. Doch als die Trennung von seiner Frau anstand, kam es 16 Jahre nach der ersten Episode zu einem Rückfall. Trappen landete erneut in der Psychiatrie.

Inzwischen hat er gelernt, Anzeichen auf eine neue Episode zu deuten – und vorbeugend zu handeln, damit es nicht zu einem erneuten Klinik-Aufenthalt kommt. „Wenn mir alles zu viel wird, dann versuche ich, bei langen Spaziergängen zur Ruhe zu kommen“, sagt er. Wichtig ist aus seiner Sicht, eigene Probleme offen anzusprechen und darüber mit vertrauten Menschen zu sprechen.

Wer den Verdacht hat, an Schizophrenie zu leiden, kann ein Früherkennungszentrum an einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie aufsuchen. Rat und Hilfe bieten auch Selbsthilfegruppen und Netzwerke.

(dpa/tmn)

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