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Entjungfert! Wenn Behinderte ihren ersten Sex im Fernsehen haben

Die Empörung ist vorprogrammiert: Eine neue TV-Doku zeigt, wie Menschen mit Behinderung ein menschliches Grundbedürfnis befriedigen.

Neue TV-Doku „Can Have Sex, Will Have Sex“: Ein Callgirl für John

Neue TV-Doku „Can Have Sex, Will Have Sex“: Ein Callgirl für John

Das Thema zieht immer, und selbst wenn es sich um die x-te Wiederholung handelt. Seit drei Jahren zeigt RTL2 gerne immer wieder die Folge „Gelernt ist gelernt“ aus seiner Reihe „Exklusiv – Die Reportage“. Zuletzt gestern um Mitternacht (oder hier im Internet zwischen 23 und 6 Uhr).

Zu sehen ist – neben einer Parallel-Story, bei der es um eine Domina geht – unter anderem der seit Geburt spastisch gelähmte Max, der sich vorwiegend mit einem E-Rollstuhl fortbewegt (mit Hilfe kann er einige Schritte gehen). Der zu den Dreharbeiten 38 Jahre alte Max besucht gerne Discos, entspannt sich regelmäßig im Spa und schreibt erotische Gedichte.

Fremdschämen oder Beifall?

Sex ist, wen wundert es, für Max wichtig – und vielleicht umso mehr, da seine Beziehungen mit Frauen dummerweise nie lange gehalten haben. Max sucht deshalb anderweitig nach Lustbefriedigung, die er „Experimente“ nennt: in erotischen Chats, beim Telefonsex oder in Swingerclubs. Doch sein sexuelles Glück hat der Berliner dort nicht gefunden. „Viel zu unpersönlich“, lautet sein Urteil.

Dann lernt Max die Zuwendungen einer Berührerin schätzen. Im Service inbegriffen sind Kuscheln, Streicheln, Reden und bei Gefallen auch Sex. Die Kamera hält drauf, wenn er von Milka Reich (Pseudonym) aus Berlin berührt wird, über die ROLLINGPLANET schon einmal berichtete: Die Frau, die mit den Schwänzen redet.

In der Redaktion sind wir uns nicht einig: Müssen wir uns für Max fremdschämen? Ist es nicht peinlich, wenn Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, im Fernsehen ihr Sex- oder Nichtsexleben ausbreiten? Denken jetzt alle, dass behinderte Menschen grundsätzlich ohne eine professionelle Berührerin kein Liebesleben haben? Oder müssen wir Max Lob zollen, weil er ein Tabuthema in die Öffentlichkeit bringt?

Nichts Ungewöhnliches: Max will Sex.

Nichts Ungewöhnliches: Max will Sex.

Nicht ganz so gewöhnlich: Die Berührerin Milka

Nicht ganz so gewöhnlich: Die Berührerin Milka

Milka streichelt und massiert Max

Milka streichelt und massiert Max

Max und Milka: Das Ende einer zweistündigen "Session" (Alle Fotos. RTL2)

Max und Milka: Das Ende einer zweistündigen „Session“ (Alle Fotos. RTL2)

“Can Have Sex, Will Have Sex“

Wie auch immer: Das Thema zieht nicht nur immer, sondern überall. Beispielsweise in Großbritannien. Gestern abend startete Channel 4 die Sex-TV-Doku „Can Have Sex, Will Have Sex“ (Kann Sex haben, werde Sex haben), in der behinderte Menschen erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Die TV-Macher preisen die Filmarbeiten als „warm, lustig und außergewöhnlich“ an.

Einer der gezeigten Menschen mit Behinderung ist John (siehe Foto ganz oben). Der 26-jährige Mann hatte noch nie eine Freundin und hat in puncto Sex noch gar keine Erfahrungen. Mama will Abhilfe schaffen und spendiert ihrem behinderten Sohn kurzerhand eine Prostituierte. Das Kamera-Team begleitete den Mann bei den Vorbereitungen bis zum sexuellen Kontakt.

Bei dem Projekt ist auch die 24-jährige Leah dabei, die wegen ihrer Knochenkrankheit noch keine sexuellen Erfahrungen sammeln konnte. Karl ist seit kurzem gelähmt und kann keine Erektion mehr haben. Und Kandidat Pete hat trotz seiner Behinderung die Ambition „Grossbritanniens erster behinderter Pornostar zu werden“.

Die englische „Daily Mail“ fragt sich nun, ob das TV-Niveau noch weiter sinken könne: „Ein neuer Tiefpunkt von Channel 4?“ Die Schweizer Zeitung „Blick“ titelt unterschwellig empört: „Behinderte werden entjungfert – im Reality-TV“. Eine Sprecherin von Channel 4 verteidigte gestern die Show: „Die Sendung zeigt die verschiedenen Wege, wie Menschen mit Behinderung Barrieren überwinden und versuchen, ein menschliches Grundbedürfnis zu befriedigen – Sexualität.“

Behinderte gehören bei Channel 4 einfach dazu

Neu ist die Idee von Channel 4 nicht: 2007 dokumentierte BBC in „For One Night Only“ (Nur für eine Nacht) den Rollstuhlfahrer Asta Philpot und zwei andere junge Männer auf ihrem Weg in ein Bordell, um endlich Sex zu haben. Die Doku war Vorlage für die belgische Komödie „Hasta La Vista“, die in Deutschland im Sommer 2012 in den Kinos lief (mit mäßigem Erfolg).

Ansonsten pflegt Channel 4 seit Jahren ein recht unkonventionelles und wenig verklemmtes Verhältnis zu Menschen mit Behinderung: „I’m Spazticus“ war eine Comedy, bei der Behinderte als Lockvogel für derbe Sketche herhalten, in „The Undateables“ beobachtete der Sender gelähmte, deformierte und autistische Menschen auf ihrer Suche nach dem Liebesglück.

(RP)

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3 Kommentare

  • Stephanie Hiller

    Den beitrag über max und milka reich hatte ich gesehen und fand ihn toll!

    6. April 2013 at 14:23
  • Martin Kraus

    Grundsätzlich gehören solche Sachen schon in den Fernseher, wer sowas nicht mag, findet x weitere Senden, wo er umschalten kann.

    8. April 2013 at 20:19
  • Helga Würz

    Sex ist etwas Intimes und gehört grundsätzlich nicht ins Fernsehen.

    26. August 2013 at 20:06

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