""

Er ist der neue „Blade Runner“: Alan Oliveira

Der Brasilianer ist die neue Lichtgestalt des Behindertensports: „Nur Gott weiß, wo meine Grenzen sind“. Von Sandra Degenhardt

Alan Fonteles Oliveira bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Alan Fonteles Oliveira bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Eine bessere Bewerbung als neuer Superstar des Behindertensports hätte Alan Oliveira nicht abgeben können. Doppel-Gold bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten in Lyon und ein Fabelweltrekord: Der Stelzensprinter aus Brasilien ist bereit, den nach der Mordanklage ins Abseits geratenen Oscar Pistorius endgültig zur sportlichen Randfigur zu degradieren.

Von dem Südafrikaner, der sich nach den Todesschüssen auf seine Freundin Reeva Steenkamp vor Gericht verantworten muss, spricht beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) keiner mehr – er ist zur unerwünschten Person geworden. Da kommt einer wie Oliveira gerade recht.

Smart und nicht bescheiden

Und der smarte Südamerikaner hat nichts dagegen, der neue Superstar zu werden. „Nach der Sache mit Oscar habe ich einen Artikel gelesen mit der Frage: Wer sind die neuen Stars? Genannt wurden ich und Jonnie Peacock. Damit bin ich einverstanden“, sagte Oliveira kürzlich selbstbewusst in einem Interview mit dem englischen „Guardian“.

Im selben Atemzug betonte er aber auch: „Ich bin Alan, Oscar ist Oscar. Ich schreibe meine eigene Geschichte.“ Das machte er am Dienstagabend mit dem WM-Titel über 100 Meter erneut eindrucksvoll.

Keine Eintagsfliege

Alan Fonteles Cardoso Oliveira (L), so sein ganzer Name, schlägt in London Oscar Pistorius (r) im 200-Meter-Finale (Klasse T44) (Foto: dpa)

Alan Fonteles Cardoso Oliveira (L), so sein ganzer Name, schlägt in London Oscar Pistorius (r) im 200-Meter-Finale (Klasse T44) (Foto: dpa)

Ins Rampenlicht hatte sich der 20-Jährige 2012 bei den Paralympics in London katapultiert, als er über 200 Meter Pistorius schlug. Dass er keine Eintagsfliege, sondern der Mann der Zukunft ist, bewies er nun mit WM-Doppelgold und Weltrekord. Mit den 20,66 Sekunden über 200 Meter strich er innerhalb von fünf Wochen nicht nur zum zweiten Mal den Namen Pistorius aus den Rekordlisten.

Oliveira ist auch der erste Sprinter mit Prothesen, der diese Strecke unter 21 Sekunden lief. Er war 79/100 Sekunden schneller als bei seinem London-Sieg und 64/100 Sekunden besser als die alte Pistorius-Bestzeit. Oliveira hält auch den 100-Meter-Weltrekord. Bei seinem zweiten WM-Titel lief er am Dienstag in 10,80 Sekunden Champions-Rekord und verdrängte damit Pistorius erneut aus den Rekordbüchern.

Heiratsantrag per TV

„Heute bin ich derjenige, den es zu schlagen gilt. Nur Gott weiß, wo meine Grenzen sind. Weltrekord und Weltmeister, ein Traum ist wahr geworden“, sagte Oliveira nach seinem 200-Meter-Sturmlauf mit einem sympathischen Dauerlächeln in die zahlreichen TV-Kameras.

Die des brasilianischen Fernsehens nutzte er dann auch gleich noch zu einer Liebeserklärung: Er machte seiner Freundin einen Heiratsantrag. Das Spiel mit den Medien hat Oliveira also auch schon drauf.

In Brasilien bereits eine Berühmtheit

In seiner Heimat ist Oliveira seit seinem London-Coup eine Berühmtheit. Er ist das Gesicht für die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro und erhielt zahlreiche Ehrungen, unter anderem den brasilianischen Verdienstorden.

Laut dem SportsPro Magazin zählt er weltweit zu den 50 Sportlern, die sich am besten vermarkten lassen. „Nach London hat sich mein Leben komplett verändert. Ich werde auf der Straße erkannt“, sagte Oliveira, dem kurz nach der Geburt beide Beine unterhalb der Knie amputiert werden mussten.

Dem Handicap gewinnt er nur Gutes ab. „Ich habe, Gott zu danken, dass ich keine Beine haben, sonst würde ich auf einem Bauernhof auf dem Land leben. Jetzt bin ich ein Athlet, der um die Welt reisen kann“, erzählte er. „Ich versuche immer das Positive zu sehen. Ich glaube, dass ich junge Menschen mit und ohne Behinderung inspirieren kann.“

Pistorius war einst sein Vorbild

Inspiriert hatte ihn einst Pistorius, doch mit dem nun Geächteten verbinden ihn auch unschöne Erinnerungen. Nach der Niederlage in London hatte Pistorius sich als schlechter Verlierer erwiesen.

Er monierte, dass Oliveira mit seinen längeren Prothesen einen Vorteil habe. „Das war unfair und lächerlich. Er hat versucht, all den Glanz von meiner Goldmedaille zu nehmen, aber es hat nicht funktioniert“, sagte Oliveira rückblickend.

Künftiges Duell Pistorius/Oliveira unwahrscheinlich

Dass das Ansehen des paralympischen Sports durch den Fall Pistorius beschädigt wird, glaubt der neue „Blade Runner“ nicht: „Es geht auch ohne Oscar weiter. Es ist zwar traurig, doch dadurch werden die Paralympics nicht gestoppt.“

Ob Pistorius jemals auf die Tartanbahn zurück kommt, ist fraglich. „Jeder würde das Duell zwischen uns sehen wollen. Aber es gibt neue Rivalen, die ich besiegen muss“, erklärte Oliveira.

(dpa)


Leichtathletik-WM 2013 in Lyon
Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN