Er labert nicht, er engagiert sich lieber real statt über twitter, er ist einer unserer Helden des Jahres: Robert Grund

„Nichts über uns ohne uns“: Die fantastische Geschichte eines tauben Deutschen, der sich im fernen Nordkorea für gehörlose Kinder einsetzt. Von Dirk Godder

Robert Grund mit nordkoreanischen, tauben Kindern (Foto: art-des-lebens.de)

Robert Grund mit nordkoreanischen, tauben Kindern (Foto: art-des-lebens.de)

„Hier, alles selber gemacht“, schreibt Robert Grund auf einer Tafel. Stolz zeigt der Berliner auf den Holzrahmen des Eingangs zu einem Gebäude mitten in Pjöngjang, bevor er sieben Bundestagsabgeordnete durch die Räume führt. Drinnen werden die Mitglieder der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe von einer Schar tanzender Kinder empfangen. Begleitet von Klaviermusik besingen sie den „großen Marschall Kim Jong Un“, den Machthaber des Landes. Zu der Gruppe gehören aber auch Kinder, die wie Robert Grund gehörlos sind. Die Vorstellung soll den Abgeordneten, die in Nordkorea unterwegs sind, einen Eindruck davon geben, was hier gerade entsteht: der erste Kindergarten für gehörlose Kinder in Nordkorea.

Seit seiner ersten Reise in das ostasiatische Land vor elf Jahren hat Grund bereits viel bewegen können. So half er unter anderem, dass ein Gehörlosenverband gegründet wurde und Nordkoreaner zu Gehörlosenkongressen ins Ausland fahren können. Für den 30-Jährigen, der lieber über seine Projekte als über sich selbst spricht, ist nun der Kindergarten Teil eines größeren Ziels: Er will vor allem, dass die Gehörlosen über die für sie gedachten Förderprojekte selber bestimmen können. Das Arbeitsmotto seines Vereins lautet: „Nichts über uns ohne uns.“

Ohne Hartnäckigkeit geht es nicht

Robert Grund unternahm seine erste Reise nach Nordkorea, als er gerade erst volljährig war. (Foto: Andreas Landwehr/dpa)

Robert Grund unternahm seine erste Reise nach Nordkorea, als er gerade erst volljährig war. (Foto: Andreas Landwehr/dpa)

Damit der Kindergarten jedoch nicht in der Projektphase steckenbleibt, muss mit Genehmigung der Behörden noch viel getan werden. So sollen die Räume bis Jahresende vollständig eingerichtet werden. Vor allem aber müssen genügend Pflegerinnen gefunden werden, die die Gebärdensprache beherrschen. Weitere Kindergärten in vier anderen Provinzen sind schon geplant.

„Robert hat dafür gesorgt, dass die Gehörlosen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können“, sagt Renée Rentke von der Asien-Abteilung des Hilfswerks Misereor. Robert Grund habe schon dadurch viel erreicht, dass er so hartnäckig gewesen sei. Das zentralistisch geführte Nordkorea ist eines der isoliertesten Länder der Erde. Die Arbeit der nichtstaatlichen Organisationen und Stiftungen aus Deutschland und anderen Ländern ist oft kompliziert.

„Sie machen es kompliziert und bürokratisch“, sagt auch Grund. Er habe aber gesagt, wenn Kindergärten ohne Unterricht in Gebärdensprache eingerichtet würden, fliege er nach Hause. Das sei angekommen. Seine Arbeit werde respektiert. Bei einer Bevölkerung von etwa 24 Millionen schätzt er die Zahl der Gehörlosen auf 240.000 bis 480.000. Im Land gibt es nur acht Schulen für Gehörlose.

Nordkorea hat angeblich keine Gehörlosen

In seinem Reich gibt es angeblich keine tauben Menschen: Diktator Kim Jong-un auf einem Porträt von Thierry Ehrmann (Foto: Wikipedia/CC BY 2.0)

In seinem Reich gibt es angeblich keine tauben Menschen: Diktator Kim Jong-un auf einem Porträt von Thierry Ehrmann (Foto: Wikipedia/CC BY 2.0)

Als Grund als Teenager in Deutschland eine TV-Dokumentation über Nordkorea sieht, kann er nicht glauben, was er erfährt: In dem Land soll es angeblich keine Gehörlosen geben. Davon wollte er sich selbst überzeugen. Als er volljährig ist, beantragt er sein erstes Visum für Nordkorea und reist danach häufiger in das Land. Zusammen mit einer deutschen Geschäftsfrau gründet er 2008 den Verein „Zusammen – Bildungszentrum für gehörlose, blinde und nichtbehinderte Kinder Hamhung“. Seit 2013 lebt er in Pjöngjang, reist aber ab und zu nach Deutschland, um Sponsoren für seine Projekte aufzutreiben. „Ohne Misereor gäbe es den Kindergarten nicht“, sagt er.

Der Kindergarten soll möglichst Teil eines Bildungszentrums für gehörlose, blinde und nichtbehinderte Kinder werden. Ursprünglich sollte das Zentrum in einem Neubau untergebracht werden, doch der Staat warf das Projekt über den Haufen. Schließlich wurde dem Verein die Nutzung eines sanierungsbedürftigen Gebäudes angeboten. Die oberen fünf Stockwerke befinden sich noch im Rohbauzustand, oben auf dem Dach gibt es eine provisorische Werkstatt. 18 gehörlose Jugendliche stellen dort etwa Weihnachtsschmuck aus Holz her.

Ein bisschen Verrücktheit gehört dazu

Geplant ist eine komplette Holzwerkstatt. Eigentlich sollte das Gebäude schon im Oktober fertig werden. „Wir haben kein Geld, doch es wird langsam größer“, sagt eine Mitarbeiterin des koreanischen Wirtschaftskulturzentrums für Gehörlose und Blinde (KECCDB).

Er habe verrückt sein müssen, mit 19 zum ersten Mal nach Nordkorea zu reisen, sagt Grund, der nur manchmal einen Blick in sein Inneres zulässt. Später sei er oft verzweifelt gewesen. Aus Scherz sage er den Koreanern oft, er sei der einzige gehörlose Ausländer im Land.

(dpa)

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