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Erfurter Erklärung zum barrierefreien Tourismus

Die Behindertenbeauftragten des Bundes und der Länder weisen auf einen fünf Milliarden Euro schweren Markt hin.

Wiese, Baum und blauer Himmel

(Foto: Andreas-Hermsdorf/pixelio.de)

Der Beauftragte der Thüringer Landesregierung für Menschen mit Behinderungen, Dr. Paul Brockhausen, hat die Behindertenbeauftragten des Bundes, der Länder sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation im Rahmen ihres 43. Treffens am 23./24. April 2012 in Erfurt empfangen. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Entwicklung des barrierefreien Tourismus in Deutschland. Die Beauftragten verständigten sich im Verlauf der Tagung auf die Verabschiedung einer Erfurter Erklärung zum barrierefreien Tourismus (Wortlaut: siehe unten).

Brockhausen erklärte nach der Sitzung: „Mit einstimmigem Votum haben sich die Behindertenbeauftragten von Bund und Ländern für weitere Anstrengungen von Bund, Ländern, Kommunen sowie der Wirtschaft ausgesprochen, um die Barrierefreiheit von touristischen Angeboten zu verbessern.“

Unterschiedliche Akteure vernetzen

Paul Brockhausen

Paul Brockhausen (Foto: Thüringer Stiftung Hand in Hand)

Wichtige Aspekte seien neben der Barrierefreiheit von touristischen Einrichtungen selbst „auch die diese umgebende Infrastruktur wie Busse und Bahnen, Haltestellen, Arztpraxen und Supermärkten sowie eine Vernetzung von auf den unterschiedlichen Ebenen tätigen Akteuren.“ Die Tourismusförderung von Bund und Ländern müsse, so Brockhausen, konsequent an die Einhaltung der Barrierefreiheit bei neuen Angeboten gekoppelt werden, um so die nationale und internationale Attraktivität zu steigern.“

Der Behindertenbeauftragte äußerte die Erwartung, dass ohne die Barrierefreiheit angesichts einer älter werdenden Gesellschaft viele touristische Angebote zukünftig unattraktiv und weniger nachgefragt werden. Er sieht Thüringen auf einem guten Weg, da viele Akteure das Thema mittlerweile für sich erkannt hätten und das Land seine Steuerungsverantwortung wahrnehme.
„Dies ist ein guter Tag für Menschen mit Behinderungen in Thüringen und Deutschland. Mit der Verabschiedung des Maßnahmenplanes zur UN-Behindertenrechtskonvention hat die Landesregierung ein ambitioniertes Regierungsprogramm vorgelegt. Dies wird weitreichende Konsequenzen über die 5. Legislaturperiode hinaus haben. Mit der Erfurter Erklärung zum barrierefreien Tourismus wurden umfassende Leitlinien für einen Tourismus verabschiedet, der allen Menschen Erholung und Entspannung bietet. Ich fordere alle gesellschaftlichen Akteure auf, diese Erklärung zu beachten und umzusetzen“, sagte Brockhausen.

in ihrer Erklärung locken die Behindertenbeauftragten mit einem wichtigen Argument: „Das wirtschaftliche Potential des barrierefreien Tourismus` beträgt bis zu 5 Milliarden Euro jährlich.“

Die Erfurter Erklärung

Erfurter Erklärung zum barrierefreien Tourismus in Deutschland vom 24. April 2012

Unter Bezugnahme auf Art. 30 der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK), Menschen mit Behinderungen einen gleichberechtigten Zugang zu Tourismusdiensten und -stätten zu verschaffen, geben die Beauftragten der Länder zusammen mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen folgende Erklärung ab:

1. Privatwirtschaftliche touristische Einrichtungen einschließlich Hotels und Gaststätten, Verkehrsunternehmen, Stiftungen und öffentlich-rechtliche Anstalten, Kirchen, Tourismusorganisationen und Kommunen werden gebeten, unter Mitwirkung von Interessenvertretungen der Menschen mit Behinderungen

a) Regionale Netzwerke mit dem Ziel zu gründen, unter Einbeziehung der kommunalen Behindertenbeauftragten eine abgestimmte und ineinander greifende Verbesserung der Barrierefreiheit der touristischen Servicekette zu erreichen,
b) die Barrierefreiheit folgender Einrichtungen und Dienstleistungen nach standardisierten Verfahren (z. B. Ziel- oder Kooperationsvereinbarungen, Checklisten) bedarfsgerecht zu verbessern:

– touristische Informationsangebote und Dienstleistungen (Internetauftritte, Broschüren und Faltblätter, Aus- und Beschilderungen etc.),
– Beherbergungsstätten wie Hotels, Ferienhäuser und Ferienwohnungen sowie gastronomische Einrichtungen,
– Einrichtungen von touristischem Interesse, d. h. Gebäude, Sport-, Freizeit-, Garten- und Parkanlagen sowie naturbelassene Areale,
– öffentlich zugängliche Gebäude, in denen Dienstleistungen der Verwaltung, der Gesundheitsversorgung oder der Privatwirtschaft erbracht oder Waren des täglichen Bedarfs angeboten werden, unter dem Gesichtspunkt der Ergänzungsfunktion dieser Standortfaktoren,
– öffentliche Verkehrs-Infrastruktur (Zugangs- und Haltestellen zum öffentlichen Personenverkehr, Busse und Bahnen, Fußgängerbereiche) zur besseren Erreichbarkeit touristischer Infrastruktur.

2. Die Landesregierungen sind aufgefordert, unter Mitwirkung von Interessenvertretungen der Menschen mit Behinderungen

a) Barrierefreien Tourismus konzeptionell als Querschnittsthema der Tourismuspolitik im Rahmen der jeweiligen Landestourismuskonzeption zu verankern,
b) eine Koordinierungsstelle für barrierefreien Tourismus mit dem Ziel anzusiedeln, über regionale und überregionale Netzwerke, Fortbildung und Angebotsprüfung die Entwicklung barrierefreier touristischer Produkte zu unterstützen sowie ihre Vermarktung zu übernehmen,
c) die Voraussetzungen für eine Vernetzung und Bündelung aller Themenstellungen der Barrierefreiheit (Bauen, Mobilität, Information und Kommunikation / Sprache) auf Landesebene zu schaffen,
d) bei länderübergreifenden Projekten und Themenstellungen (z. B. Lutherweg) sich über ihre Koordinierungsstellen zu vernetzen und auf dem Gebiet der Barrierefreiheit im Sinne der Verwendung einheitlicher Kriterien zusammenzuarbeiten,
e) Tourismusförderung an das Kriterium der Barrierefreiheit zu knüpfen,
f) die Landesdenkmalschutzgesetze im Sinne der BRK zu novellieren, insbesondere einen Abwägungsparagraphen einzufügen und die Interessenvertretungen der Menschen mit Behinderungen bei der Zusammensetzung von Denkmalräten zu berücksichtigen,
g) Anforderungen an die Barrierefreiheit von Gaststätten, Beherbergungsbetrieben und Versammlungsstätten landesrechtlich verbindlich zu regeln.

3. Die Bundesregierung ist aufgefordert, unter Mitwirkung von Interessenvertretungen der Menschen mit Behinderungen

a) Tourismusförderung zu betreiben, die zur Steigerung der nationalen und internationalen Attraktivität Deutschlands beiträgt,
b) Die Schaffung von einheitlichen nationalen Standards und Kriterien zur Entwicklung und Klassifizierung der barrierefreien touristischen Servicekette durch Projektförderung, Erstellung von Gutachten sowie Moderation eines Diskussionsprozesses zu unterstützen,
c) Sich für die Verankerung und Umsetzung von Antidiskriminierungsbestimmungen einzusetzen, die auch private Anbieter von Dienstleistungen und Produkten verpflichten, eine barrierefreie Nutzbarkeit sicher zu stellen,
d) Sich für die Schaffung der rechtlichen Rahmenbedingungen für einen barrierefreien Fernbusreiseverkehr auf nationaler und europäischer Ebene einzusetzen.

Hintergrund

Die Beauftragten weisen auf folgende Faktenlage hin:

Das durch mehrere Studien erwiesene wirtschaftliche Potential des barrierefreien Tourismus‘ beträgt bis zu 5 Milliarden Euro jährlich Nettoumsatz. Damit ist die Schaffung von bis zu 90.000 neuen Vollzeitarbeitsplätzen verbunden.

Aufgrund des demographischen Wandels in Deutschland ist eine stetig steigenden Nachfrage nach barrierefreien Tourismusdiensten und –stätten zu erwarten. Ebenso ist die Zugänglichkeit von Dienstleistungen und Gütern des täglichen Bedarfs zu gewährleisten.

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1 Kommentar

  • Helge Blankenstein

    Es ist verwunderlich, dass sich die Kaufkraft bis zu den Behindertenbeauftragten herumgesprochen hat. Diese Zahlen sind allerdings schon rd. 5 Jahre alt. Heute wissen Fachleute, dass natürlich zu diesen Kaufkraftzahlen auch noch Betreuer, Begleiter oder Familienangehörige gehören, man spricht seit Jahren von einem rd. 10. Mrd. Markt. Besonders der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern (Fischer), hatte vor rd. 2 Jahren nicht einmal die Kaufkraft gewusst, die Broschüre des Bundes, in der die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht waren, waren ihm absolut unbekannt. Er meinte auch, dass man Hoteliers nicht dazu bewegen kann, sich für mehr Nutzerfreundlichkeit zu begeistern. Was der dem Geschäftsführer nicht bewusst war, ist, dass die Branche das schon längst erkannt hatte. Man hat seit Jahren den Begriff „Barrierefreiheit“ in den Werbeaussagenkatalog aufgenommen. Leider den Sinn nicht verstanden. So ist dieser Begriff zur leeren Werbebotschaft verkommen.
    Die größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern (Hansestadt Rostock) fällt völlig aus dem Rahmen. Zwar schimpft sich Mecklenburg-Vorpommern „Tourismusland Nr. 1“. Allerdings liegt dieses Bundesland mit Sicherheit an der hintersten Stelle bei nutzeroptimiertem Tourismus. Besonders in Rostock werden Behinderte gern von hinten gesehen. Fünf der fünf aktuell eingeweihten öffentlichen Einrichtungen in Rostock (größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern) sind für Menschen mit Sinnes- und/oder motorischen Einschränkungen nicht oder nur eingeschränkt nutzbar. In Rostock-Warnemünde legen dieses Jahr so viele Kreuzfahrtliner an, wie in keinem anderen Hafen Deutschlands. Die Kommunalverwaltung mit seiner Tourismusgesellschaft sieht allerdings keine Notwendigkeit, die Teilhabesituation zu verbessern. Die Verwaltung bietet den behinderten Besuchern Toiletten an, deren Waschbecken mit einer Fußpedalpumpe versehen ist. Diese pumpt verkeimtes Wasser aus einem offenen Wasserkanister in das Waschbecken. Ekel ist noch geschmeichelt. Der historische Ortskern Warnemünde, Aushängeschild der Hansestadt, bietet nur ein verkommenes Stadtbild. Oder anders bezeichnet, für Sehbehinderte und Rollstuhlnutzer wie auch gehbehinderten Gästen puren Luxus. Zumindest wenn man grobes Kopfsteinpflaster und lose Gehwegplatten oder fehlendes Infomaterial für Sehbehinderte und blinde Gäste mag.
    Der Geschäftsführer der kommunalen Tourismusgesellschaft (Fromm) wunderte sich im letzen Jahr sogar, als ich ihm Fotomaterial von Einzelhandelsunternehmen präsentierte, die Kunden mit Behinderungen ausgrenzte, da man Warenträger auf Rampen stellt um die Zugänge zu versperren. Die kommunale Verwaltung ist bis in das letzte Hinterzimmer eifrig mit der Aktion „Behindertenfrei Zone“ beschäftigt. Denn das Ordnungsamt könnte dem Einzelhandel sogar gegen Berechnung klarmachen, dass die Zugänge frei zu sein haben. Passiert aber nicht. Die Verwaltung müsste Behindertenparkplätze nutzerspezifisch anlegen. Aber, so die Gedankengänge der Veraltungsmenschen, sollen die sich doch mit Sandplätzen ohne Markierungen und tiefen Wasserpfützen herumärgern. „Je verkommener desto weniger Behinderte“, könnte die Devise lauten.
    Die Hansestadt ist sicher ein Vorreiter bei der „Befreiung von Behinderten“, die Landesregierung steht diesen Bestrebungen nicht viel hinterher. So vergibt diese in Kooperation mit einem Verein ein Qualitätszertifikat für Menschen mit Behinderungen (QMB). Dieses Zertifikat können gastronomische Betriebe erwerben. Leider wird damit, mit Landesunterstützung Betrug betrieben. Besteht doch ein Gasthaus, im Besitz des Vereins, mir einem Zertifikat versehen. Soll also besonders behindertenfreundlich sein. Nur, dass es keinen einzigen Behindertenparkplatz, grobes Kopfsteinpflaster und schmale schwergängige Schwingtüren gibt. Eine Behindertentoilette gibt es nicht. Außer man ist in der Lage, im Notfall ganz laut zu schreien und keine Angst vor einem Flammenwerfer hat, der, die nur von innen zu verriegelnde/öffnende Tür hat. Notruf fehlt selbstredend auch. Ähnliche Situationen gibt es bei vielen Betrieben. Die Landesregierung hat vor zwei Jahren auf diese Irreführung hingewiesen, brachte erstaunliches hervor. „O-Ton Wirtschaftsministerium – zur Vergabe von Fördermitteln. Prüfungen in Bezug auf deren sachliche Umsetzung machen wir nicht. Änderungen an der QMB-Zertifizierung wollen wir ebenfalls nicht vornehmen. Anders herum. Die Landesregierung (Ministerium für Wirtschaft und Tourismus) und der Verein betreiben vermutlich weiterhin zweifelhafte Geschäfte.
    Nicht dass der Leser sich jetzt abwendet, da er meint dies ist reine Meckerei. Seit Jahren haben wir auf diese Missstände hingewiesen. Hunderte von Fotos dokumentieren diese Schieflage. unbeantwortete Briefe türmen sich in unseren Ordnern. Nein es ist Realität. Die Hansestadt Rostock weigert sich, Gäste (und Bürger) mit Behinderungen zu akzeptieren. Leistet sich diese Stadt doch ein „Amt für Behindertendiskriminierungen“, dieses Amt heißt in anderen Städten Amt für Behindertenfragen. Für jede, die, diese Worte nicht glauben möchten, hier einige weiterführende Informationen. „blogeinmischen.wordpress.com“ Oder Beiträge zu Warnemündes Nordkreuz beim NDR-Fernsehen.
    Solche Fachleute reisen dann auf Steuerzahlerkosten auch noch durch unsere Republik und wollen sich für Menschen mit Behinderungen einsetzten? Ich denke es gibt deutlich billigere Arbeitsplätze für derartige Komplettversager. Übrigens war zwischenzeitlich aus dem Hause des Bürgerbeauftragten Mecklenburg-Vorpommern, der auch Behindertenbeauftragter des Landes ist, war laut Aussage seiner Sekretärin nicht in Erfurt. Warum wundert man sich da über den desolaten Zustand des Tourismus für Menschen mit Behinderungen?

    26. April 2012 at 22:09

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