""

Ernst Klee ist tot

Der Historiker, Sozialpädagoge und Mitbegründer der emanzipatorischen Behindertenbewegung in Deutschland ist 71-jährig gestorben. Von Dirk Wessels

Ernst Klee erhielt 2001 in Frankfurt/Main die Goethe-Plaketten-Urkunde für seine  Verdienste um die Aufbereitung der Zeit des Nationalsozialismus. (Foto: dpa/lhe)

Ernst Klee erhielt 2001 in Frankfurt/Main die Goethe-Plaketten-Urkunde für seine Verdienste um die Aufbereitung der Zeit des Nationalsozialismus. (Foto: dpa/lhe)

Unser Autor lernte Ernst Klee am 8. Mai 1980 bei einer in unserer Szene legendären Demonstration in Frankfurt kennen, bei der gegen ein Skandal-Urteil des Frankfurter Gerichts protestiert wurde. Dieses hatte einer Urlauberin Schadensersatz zugesprochen, weil sich in ihrem Hotel sogenannte geistig behinderte Menschen aufgehalten hatten. Wessels war damals 16 Jahre alt und Schüler des Neckargemünder Rehabilitationszentrums für körperbehinderte Kinder und Jugendliche (heute Stephen-Hawking-Schule) nahe bei Heidelberg und Redakteur der dortigen Schülerzeitung „Saturn“.

Der Frankfurter Landgerichtspräsident Kuck, sein Verwaltungsleiter Struckmaier und Richter Tempel hatten versucht, Behinderte aus dem Reha-Zentrum Neckargemünd von der – polizeilich genehmigten – Demonstration fernzuhalten. Die Schulleitung machte mit – so wurde unter anderem „Saturn“ verboten, einen Aufruf zur Demo zu veröffentlichen.

Richter Tempel hatte zu diesem Zeitpunkt bitterböse Anrufe und sogar Morddrohungen erhalten. Eine war mit „ein Krüppel“ unterschrieben. Sein Haus stand unter Polizeischutz. Eine Lehrerin erinnerte sich, Tempel habe in einem Telefonat Angst geäußert, anlässlich der Demonstration könnten Behinderte ins Landgericht eindringen und mit Molotow-„Cocktails“ werfen. Die Demonstration – zu der Klee und Behindertenverbände aufgerufen hatten – verlief jedoch friedlich. 5000 Menschen, darunter Hunderte von Rollstuhlfahrern und viele geistig Behinderte, forderten: „Weg mit dem ungerechten Urteil!“

Tod nach langer schwerer Krankheit

Ernst Klee ist tot. Wie der S. Fischer Verlag am Samstag mitteilte, starb der Historiker, Sozialpädagoge und Theologe nach langer schwerer Krankheit mit 71 Jahren in seiner Frankfurter Wohnung.

Klee, der als jahrzehntelanger Forscher für die Aufarbeitung der NS-Zeit bekannt geworden ist, gehörte gemeinsam mit dem 2004 verstorbenen Rollstuhlfahrer Gusti Steiner (er hatte Muskelschwund) zu den Mitbegründern der sogenannten emanzipatorischen Behindertenbewegung in Deutschland. Diese kam in Fahrt, als die beiden Anfang der 1970er Jahre in Frankfurt den Volkshochschulkurs „Bewältigung der Umwelt“ anboten, in dem Menschen mit Behinderung lernen sollten, selbst ihre Lage zu verbessern.

„Ernst Klee und ich hatten bei der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gelernt“, erinnerte sich Steiner in einem Beitrag für Forsea (Bundesverband Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V). „Wir hatten dort gesehen, wie das Selbstverständliche, das Normalste zu fordern auf den Widerstand der Obrigkeit stieß. Schwarzen in den USA wurden wie uns die Bürger- und Menschenrechte verweigert.

Pete Seeger sang im Zusammenhang mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ein für mich wunderbares Lied: Wenn ihr mich im Mississippi vermisst, dann schwimm ich im Städtischen Schwimmbad! Wenn ihr mich hinten im Bus vermisst, dann sitz ich vorn! Schwarzen war es verboten, dass Städtische Schwimmbad aufzusuchen, sie durften nicht vorn im Bus sitzen! Sie hatten sich hinten aufzuhalten.“

Skepsis gegenüber Nichtbehinderten

Mit offenen Armen war Klee – der nach einer Lehre als Sanitär- und Heizungstechniker das Abitur nachgeholt und Theologie und Sozialpädagogik studiert hatte – zunächst nicht aufgenommen worden: In den 1970er Jahren gab es unter den politisch engagierten Menschen mit Behinderung noch erhebliche Vorbehalte gegen Nichtbehinderte.

Der Zorn der Betroffenen galt vielfach dem Bild des sogenannten Musterkrüppelchens, das unter anderem durch die „Aktion Sorgenkind“ (wie früher Aktion Mensch hieß) gezeichnet wurde. Aus dieser Falle wollten behinderte Aktivisten, die um Selbstbestimmung kämpfen, nicht ausgerechnet von Nichtbehinderten befreit werden.

Doch dann begriff die Behindertenbewegung (damals „Krüppelbewegung“), dass sie mit Klee einen ebenso klugen wie resoluten Unterstützer gefunden hatte – einen, dem es nicht um eigene Profilierung ging, sondern der Überzeugungstäter und Gerechtigkeitsfanatiker war. Einer, der sich in den Siebzigerjahren als Autor und Journalist für jene engagierte, denen die Gesellschaft keinen Platz zubilligen wollte.

Als Obdachloser reiste Klee durch die Lande, enthüllte das Innenleben psychiatrischen Kliniken und warb für die Resozialisierung und faire Chancen für Strafgefangene nach ihrer Entlassung. Und er wies auf die Lebenssituation von Behinderten hin: In Büchern wie „Der Zappler. Der körperbehinderte Jürgen erobert seine Umwelt; ein großes wagemutiges Abenteuer“, „Behindertsein ist schön. Unterlagen zur Arbeit mit Behinderten“ und „Behinderten-Report“ weckte er die Öffentlichkeit.

Viele Erfolge der Behindertenbewegung wären ohne Klee nicht denkbar

Wichtige Meilensteine der Behindertenbewegung waren die Aktionen gegen das „UNO-Jahr der Behinderten“ 1981, das Krüppeltribunal gegen Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat 1981, das Engagement gegen die Auftritte des „Euthanasie“-Philosophen Peter Singer in Deutschland 1989 und die Kampagne für die Einführung des Antidiskriminierungsgebots in Artikel 3 des Grundgesetzes sowie der Kampf für Antidiskriminierungsgesetze.

Inzwischen hat sich vieles geändert. Im vergangenen Jahr schrieben wir auf ROLLINGPLANET: „Eine spontane Graswurzelrevolution ist der Europäische Protesttag 2012 zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung schon lange nicht mehr. Während die früheren Demos mit Namen verbunden waren – beispielsweise mit dem von Ernst Klee –, wird der Protest mittlerweile geprägt von der Aktion Mensch.“

Internationales Renommee mit NS-Aufklärung

Auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur NS-Vergangenheit beschäftigte sich Klee immer wieder mit behinderten Menschen – was in diesem Zusammenhang auch kaum vermeidbar war: Gräueltaten an Behinderten und seelisch Kranken gehörten zu den Verbrechen der Nazis.

Internationales Renommee erwarb sich Klee erstmals 1983 mit seinem Buch „Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“, in dem er bis dahin weitgehend unbekanntes Archivmaterial zu diesem Themenkomplex erschloss.

Klee erhielt für seine Abhandlungen unter anderem die Goethe-Plakette seiner Heimatstadt Frankfurt am Main, den Geschwister-Scholl-Preis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Stadt München sowie den Adolf-Grimme-Preis (für seinen Film „Verspottet“ über das Leben einer Kleinwüchsigen). 2005 benannte sich die „Westfälische Schule für Körperbehinderte“ in Mettingen in Ernst-Klee-Schule um.

Der Name Ernst Klee stehe für Zivilcourage, teilte der Verlag mit. Er habe wie kein anderer historische Unterlagen gesichtet und an die Öffentlichkeit gebracht, Täter enttarnt und Opfern ihre Namen und ihre Geschichte gegeben.

Im August 2013 erscheint sein letztes, von ihm noch autorisiertes Buch: „Auschwitz – Täter, Gehilfen, Opfer. Ein Personenlexikon“.

(RP)

Video

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN