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Erstmals spielen Behinderte auf dem Theatertreffen

Zum 50. Geburtstag setzt das Kulturereignis vom 3. bis 20. Mai auf die großen deutschsprachigen Bühnen. Unter den zehn Inszenierungen ist auch das Schweizer „Disabled Theatre“.

 Szene aus „Disabled Theatre“ (Foto: Theater Hora)

Szene aus „Disabled Theatre“ (Foto: Theater Hora)

Das Berliner Theatertreffen würdigt in seinem 50. Jahr die großen deutschsprachigen Ensemblebühnen. Zum Jubiläum stehe 2013 das Stadt- und Staatstheater im Mittelpunkt, sagte Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer.

Vom 3. bis 20. Mai sind – wie jedes Jahr – die aus der Sicht von Kritikern zehn bemerkenswertesten deutschsprachigen Inszenierungen einer Saison nach Berlin eingeladen. Eröffnet wird das Treffen vom Schauspiel Frankfurt mit „Medea“.

Mit „Disabled Theatre“ zeigt das Theatertreffen am 10., 11. und 12. Mai erstmals eine Produktion mit ausschließlich behinderten Darstellern. Die Inszenierung aus Zürich sei eingeladen worden, weil das Theater Hora kein soziales Projekt, sondern ausdrücklich ein Theaterprojekt sei, sagte Büdenhölzer. Der französische Star-Choreograf Jérôme Bel hat für „Disabled Theatre“ mit elf Schauspielern mit geistiger Behinderung des Theaters Hora zusammengearbeitet.

„In der normalen Kunstszene null ernst genommen“

„Disabled Theatre“ kam im Mai 2012 heraus, wurde auf der Documenta gezeigt, in 15 europäischen Städten und inzwischen sogar in Südkorea. „Jérôme Bels Zusage war für uns wie ein Lottogewinn“, erzählt Dramaturg Marcel Bugiel, der die Produktion betreute, der „Spiegel“-Redakteurin Anke Dürr.

Er sei, so schreibt Dürr, auf die größenwahnsinnige Idee gekommen, den international gefeierten Künstler zu fragen, ob er mit einer Gruppe von Schauspielern arbeiten wolle, die das Down-Syndrom haben oder lernbehindert sind. „In den allermeisten Fällen bekommen wir nicht mal eine Absage“, sagt Bugiel, „von der normalen Kunstszene wird diese Form von Theater einfach null ernst genommen.“

„Ich hatte keine Erfahrung mit Behinderten, schon gar nicht im Theater“, erzählt Bel, „ich fühlte mich in einer schwachen Position, ein bisschen wie im Ausland, wenn man die Gebräuche nicht kennt. Also habe ich mit ihnen das gemacht, was ich kann: eine Performance, keine Kunsttherapie.“

„Gegen die Kategorie der Normalität“

„In einer Gesellschaft, die sich selbst als zutiefst normal definiert, bildet Behinderung eine Grenze, gegen die die Kategorie der Normalität anrennt. Ihre intellektuelle Spielart, also geistige Behinderung, gilt weithin als das radikale Gegenteil der intellektuellen Schärfe und Kultiviertheit des an zeitgenössischem Tanz und Theater interessierten Publikums. Diese Form von Behinderung versucht Bel in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ebendieses Publikums zu rücken“, heißt es im Programm des Theaters.

Die Reaktionen auf das Stück seien überall ähnlich, berichtet Anke Dürr in „Spiegel Kultur“: „Die meisten Zuschauer sind begeistert, einige sind entsetzt. Sie empfinden Bels Arbeit als ,Freakshow‘, die die Behinderten manipuliert und bloßstellt. Nur kalt lässt ,Disabled Theatre‘ niemanden.“

Dürr wird am 13. Mai auf einem Syposium des Theatertreffens unter anderem mit dem inzwischen 70-jährigen Peter Radtke – als behinderter Autor und Schauspieler Deutschlands Theater-Pionier – und Bugiel über „Behinderte auf der Bühne“ diskutieren.

Jana Zöll in „Die Stunde der Viper“

Schauspielerin Jana Zöll (Foto: Jana Zöll)

Schauspielerin Jana Zöll (Foto: Jana Zöll)

Und auch hier geht es indirekt um Behinderung – obwohl das Theater im Vordergrund stehen sollte: Die 28-jährige Schauspielerin Jana Zöll spielt in Radtkes Stück „Die Stunde der Viper“ eine von zwei Reisenden in einem Zugabteil, die sich in einem Machtspiel duellieren und gegenseitig zu manipulieren versuchen.

Zöll (auch zu sehen in „Alles wird gut“ von Niko von Glasow) ist 90 Zentimeter groß und hat wie ihr Mentor Radtke Glasknochen. Sie ist eine der ganz wenigen professionell ausgebildeten Schauspielerinnen im Rollstuhl: Nach ihrem Abitur am St. Michael Gymnasium Bad Münstereifel besuchte sie von 2004 bis 2008 die Akademie für darstellende Kunst adk-ulm.

Raus aus dem Schonraum

Unter dem Titel „Raus aus dem Schonraum“ kommentiert heute Daniel Benedict in der „Osnabrücker Zeitung“:

„Eine Leistung hat das 50. Theatertreffen schon erbracht, bevor es losgegangen ist: Mit gleich zwei Inszenierungen holt es behinderte Schauspieler in den Kanon der stärksten Arbeiten des Jahres, eine davon ist nicht mal als besonderes Projekt markiert. Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Bislang findet Kunst von Behinderten vor allem im Schonraum des Gutgemeinten statt. Beim Theatertreffen erobert sie nun einen Raum, der von Publikum und Kritik als Leistungsschau begriffen wird. Das ist ein wichtiges Signal an alle Bühnen: Wer mit Behinderten arbeitet, wird nicht mehr mit einem Schulterklopfen für sein Engagement abgespeist. Er darf auf künstlerische Anerkennung hoffen.

Für behinderte Künstler steigt damit die Chance auf Beschäftigung. Für andere Behinderte ist es auch gut, weil sie ganz einfach sichtbarer werden. Am meisten profitiert aber die ganze Gesellschaft davon. Jedem Einzelnen von uns spuken abstruse Vorstellungen davon im Kopf herum, wie man als normaler Mensch so zu sein hat. Je mehr die Abweichung Alltag wird, desto gelassener kann jeder mit den eigenen Spleens und Marotten, Defiziten und Talenten umgehen.“

(RP/dpa)

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