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Es gibt solche und solche – auch im Tischtennis

Kein Eintopf mehr: Für Sportler mit intellektueller Beeinträchtigung soll es eine zweite Wettkampfklasse und mehr Gerechtigkeit geben.

Hartmut Freund sorgte am vergangenen Samstag für eine Premiere (Foto: Werthmann)

Hartmut Freund sorgte am vergangenen Samstag für eine Premiere (Foto: Werthmann)

Seit Jahren kämpft der Journalist Norbert Freund darum, dass Tischtennisspieler mit kognitiven Schwierigkeiten im Behindertensport anerkannt werden. „Ganz einfach war es nicht, Fuß zu fassen“, berichtete er im Oktober vergangenen Jahres ROLLINGPLANET. Weil es lange Zeit keine deutsche Meisterschaft in der Wettkampfklasse 11 (geistige Behinderung) gab, sammelte er seit dem Jahr 2010 Unterstützer für die Austragung einer solchen.

Knapp 200 Menschen, viele geistig behinderte Sportler und ihre Betreuer, aber auch Tischtennis-Größen wie Timo Boll, Hans Wilhelm Gäb, Jörg Roßkopf, Christian Süß, Jiaduo Wu und Kristin Silbereisen, Promis wie der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Sportreporter-Legende Manfred „Manni“ Breuckmann sowie die Schauspieler Irene Fischer und Joachim Hermann Luger aus der Fernseh-Serie „Lindenstraße“ trugen sich in Freunds Unterstützer-Liste ein. Zeitgleich beschloss das Internationale Paralympische Komitee, dass Tischtennis in der Wettkampfklasse 11 paralympisch wird.

Im März 2011 wurde erstmals die deutsche Meisterschaft für geistig behinderte Menschen ausgetragen – Sieger wurde Hartmut, der Bruder des Journalisten.

DBS stellt internationalen Antrag

Nicht nur für Hartmut Freund, sondern für alle sogenannten geistig behinderte Sportler eine gute Nachricht: Bei der Generalversammlung des Internationalen Sportverbandes für Menschen mit intellektueller Behinderung (INAS), die am 28. April 2013 in Rio de Janeiro tagte, ist dem Antrag des Deutschen Behindertensport-Verbands (DBS) zugestimmt worden, eine zweite Startklasse im Tischtennis zu planen. Das Exekutiv Komitee von INAS ist nun aufgerufen, die notwendigen Arbeiten anzugehen.

Eingebracht wurde der Antrag vor Ort vom DBS-Vizepräsidenten Dr. Karl Quade: „Gerade die Paralympischen Spiele in London haben gezeigt, dass es absolut sinnvoll ist, in der sehr taktisch orientierten Sportart Tischtennis eine zweite Startklasse für Athletinnen und Athleten mit schwereren Behinderungen einzurichten. Ich danke Herrn Norbert Freund für die umfangreichen Vorbereitungen und hoffe nun, dass es vorwärts geht.“

Hintergrund: Bisher gibt es nur bei den körperbehinderten Sportlern mehrere Startklassen, bei den geistig behinderten dagegen nur eine – mit dem Resultat, dass lernbehinderte Sportler die Konkurrenten auf internationaler Ebene dominieren und Sportler mit einer klassischen geistigen Behinderung dort nahezu chancenlos sind.

Premiere bei den allgemeinen Deutschen Tischtennis-Meisterschaften

Derweil feiert der Bietigheimer Hartmut Freund (trainiert bei der ehemaligen Bundesligaspielerin Szilvia Kahn) weitere Erfolge. Am vergangenen Samstag gewann er bei den allgemeinen Deutschen Tischtennis-Meisterschaften im Behindertensport in Neuenstein (Baden-Württemberg) überraschend die Bronze-Medaille. Freund war der einzige geistig behinderter Teilnehmer, der sich mit den besten körperbehinderten Tischtennis-Sportlern in Deutschland maß. (Paralympics-Star Jochen Wollmert gewann den Einzeltitel in der WK 7 und im Herren-Doppel WK 6, 7, 8 gemeinsam mit Thomas Schmitt. Alle Ergebnisse.)

Freund schaffte in der Wettklasse „Allgemeine Behinderung“ (AB) den Einzug ins Halbfinale. Dort unterlag er dem späteren Finalsieger Aloys Heinrich aus dem Saarland in 1:3 Sätzen. Der Schwabe gewann damit bei seiner vierten Teilnahme an diesen Titelkämpfen erstmals eine Medaille. Es war zugleich das erste Mal überhaupt, dass ein geistig behinderter Sportler bei den Deutschen Meisterschaften in der WK AB eine Medaille holen konnte. In dieser Wettkampfklasse sind alle Sportler teilnahmeberechtigt, die einen Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 20 Prozent und keine Extremitätenbehinderung haben.

(RP)

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