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„Es muss sich etwas tun“: Kirsten Bruhn kritisiert Förderung und Ausbildung

Vor ihrer letzten EM warnt die Paralympics-Siegerin, dass der Behindertensport künftig international nicht mehr konkurrenzfähig sein könnte. Von Marc Zeilhofer

Über ihre eigene Zukunft macht sich die Ausnahme-Athletin Kirsten Bruhn keine Sorgen, dafür aber um die Konkurrenzfähigkeit des Behindertensports. (Foto: Rainer Jensen/dpa)

Über ihre eigene Zukunft macht sich die Ausnahme-Athletin Kirsten Bruhn keine Sorgen, dafür aber um die Konkurrenzfähigkeit des Behindertensports. (Foto: Rainer Jensen/dpa)

Beim letzten Test vor dem Finale ihrer großen Karriere kämpfte Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn noch mit den Tränen. Gemeinsam mit deutschen Schwimm-Größen wie Steffen Deibler oder Dorothea Brandt bei einem Wettkampf zu starten, wenn auch in getrennten Rennen, „das ist etwas, was mir viel bedeutet. Es ist sehr emotional, weil es ein Zeichen ist, dass wir anerkannt werden. Das ist ein Meilenstein“, sagte die 44-Jährige. Bei der EM-Qualifikation der „Fußgänger“ (Bruhn) waren vor zwei Wochen in Essen die paralympischen Rennen integriert.

Deutlich nüchterner geht die querschnittgelähmte Top-Athletin ihren letzten großen Wettkampf an. Bei den Europameisterschaften in dieser Woche in Eindhoven rechnet die siebenmalige Weltmeisterin nicht mit Bestzeiten. „Das ist illusorisch, das schaffe ich nicht mehr, dafür konnte ich das Krafttraining nicht mehr durchziehen. Die Schultern sind nun mal auch verschlissen und kaputt“, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa und verbat sich eine Medaillenprognose: „Wenn eine gute Platzierung dabei herauskommt, bin ich sehr zufrieden.“

„Es lässt sich nicht einfach drum herum reden“

Kirsten Bruhn in dem Film "Gold"

Kirsten Bruhn schwimmt ihre letzte EM (Foto: Rainer Jensen /dpa)

Die dreimalige Paralympics-Siegerin und siebenfache Weltmeisterin war stets ein Vorbild im und abseits des Beckens, nun aber sorgt sich Kirsten Bruhn um die internationale Konkurrenzfähigkeit des deutschen Behindertensports. „Wenn wir in Rio und den nachfolgenden Paralympics mit den anderen Nationen noch ein bisschen mithalten wollen, dann muss sich etwas tun. Es lässt sich einfach nicht mehr drum herum reden“, sagte Bruhn vor ihrem ersten EM-Start an diesem Dienstag.

„Ich muss auch mal ein bisschen Kritik äußern. Der Verband, gerade in Deutschland, der will immer ganz hohe Ansprüche, will immer mit den großen Nationen mithalten im Medaillenspiegel.“ Das sei keine Frage des Geldes, die Mittel müssten nur richtig beantragt und genutzt werden, erklärte die 44-Jährige. Um sich mit anderen Spitzennationen zu messen, müsse auf mehr Jugendförderung und bessere Ausbildung der Trainer gesetzt werden. „Es muss wieder mehr rauskommen, dass Leistungssport in Deutschland gewollt ist und gefördert wird. Ansonsten sieht es ein bisschen dunkel aus mit unserem Nachwuchs“, sagte Bruhn.

Bruhn will keine Trainerin werden

Kirsten Bruhn bei der Premiere des Kinofilms "'Gold - Du kannst mehr als Du denkst" bei der Berlinale im Februar 2013 (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Kirsten Bruhn bei der Premiere des Kinofilms „‚Gold – Du kannst mehr als Du denkst“ bei der Berline im Februar 2013 (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Als Botschafterin eines Berliner Unfallkrankenhaus bringt sie auch dem weniger sportlichen Nachwuchs bei Vorträgen in Schulen das Thema Inklusion nahe. „Dieses integrative Miteinander, das müssen wir bei jungen Kindern anfangen zu leben und zu beleben“, erklärt Bruhn. Jeder könne wie auch sie nach ihrem Motorradunfall in die Situation kommen, „wo man einen Arm oder beide Beine nicht mehr nutzen kann, aber man muss dann einfach den Plan B rausholen und es genauso intensiv mit Spaß erfüllen wie alles andere“.

Für die Zeit nach ihrer aktiven Laufbahn kann sich Kirsten Bruhn „alles vorstellen, nur kein Trainer. Ich bin ein bisschen Vertreter der Theorie, dass die Athleten die Masochisten sind und die Trainer die Sadisten. So muss es auch sein. Ich hätte nicht die nötige Härte.“ Traurig findet die Ausnahme-Schwimmerin, dass viele Menschen immer ignoranter werden. „Wir reden ungern über Themen, wo wir das Gefühl haben, es ist schlecht. Behindert zu sein ist nichts schlechtes, es ist einfach anders“, sagt sie.

(dpa)

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