ESC soll erstmals auch für Gehörlose ein Erlebnis werden

Wie der ORF ein Team von Gebärdensprachdolmetschern und Künstlern auswählte und monatelang trainieren ließ. Von Matthias Röder

Der Gebärdensprachdolmetscher Delil Yilmaz in einem ORF-Studio (Foto: Milenko Badzic/ORF)

Der Gebärdensprachdolmetscher Delil Yilmaz in einem ORF-Studio (Foto: Milenko Badzic/ORF)

Delil Yilmaz ist in zwei Welten zu Hause – in der Welt der Hörenden und in der Welt der Gehörlosen. Als Gebärdensprachdolmetscher hat der 24-Jährige diesmal einen ganz besonderen Auftrag. Er und sein Team aus gehörlosen Künstlern wollen alle 40 Lieder des Eurovision Song Contests (ESC) in Wien auch für Menschen erlebbar machen, die nicht oder kaum hören. Die Sache ist alles andere als banal.

„Es ist keine platte Übersetzung des Textes, vielmehr soll eine passende Geschichte die Stimmung transportieren“, sagt Yilmaz. Wichtig sei auch, dass das Agieren der sogenannten „Performer“ den Rhythmus des Songs spüren lasse. Etwa 10 der rund 45 Nationen, die den ESC übertragen, haben das für die Sender kostenpflichtige Angebot bisher gebucht, bilanziert der ORF. Auch der ARD-Spartensender EinsPlus bietet den Service zu beiden Halbfinals (Dienstag, 19. Mai, und Donnerstag, 21. Mai 2015) und zum Finale (Samstag, 23. Mai 2015) für die rund 80.000 bis 100.000 Gehörlosen in Deutschland an.

„Dann weiß jeder: Da brauche ich ein Taschentuch“

Ann Sophies Lied „Black Smoke“ ist in der Gebärden-Darstellung die Geschichte einer bei der Heirat noch glücklichen Frau, deren Mann sich aber als Schürzenjäger entpuppt. Das Herz der Frau explodiert schließlich und schwarzer Rauch steigt auf. „Wir müssen die Bilder finden, die uns Gänsehaut bereiten“, sagt Yilmaz. Beim griechischen Beitrag („One Last Breath“) werde der sehr traurige Beginn über eine Friedhofs-Geschichte nachempfunden. Die Dolmetscher erklären mit ihren Gebärden, wie ein Mann auf ein Grab und zum Himmel blickt.

Passagen ohne Text sind besonders schwierig. Wenn bei den ersten Takten zum Beispiel ein Klavier jeden Hörenden in eine bestimmte Stimmung versetze, übernehme das nun eine Geschichte. „Dann weiß jeder: Das ist ein Lied, da brauche ich ein Taschentuch“, sagt Yilmaz, ein in Wien geborener Kurde.

Multikulti für „International Sign“

Ein Teil des Teams der Gebärdensprachdolmetscher und der gehörlosen Künstler, vordere Reihe: Delil Yilmaz aus Österreich, George Marsh, Jonas Akanno aus Nigeria. Hintere Reihe: Xiaoshu Hu aus China, Karin Lang aus Österreich, Sandra Schürgerl aus Österreich. (Foto: Matthias Röder/dpa)

Ein Teil des Teams der Gebärdensprachdolmetscher und der gehörlosen Künstler, vordere Reihe: Delil Yilmaz aus Österreich, George Marsh, Jonas Akanno aus Nigeria. Hintere Reihe: Xiaoshu Hu aus China, Karin Lang aus Österreich, Sandra Schürgerl aus Österreich. (Foto: Matthias Röder/dpa)

Der ORF habe sein Team im Herbst 2014 aus rund 20 gehörlosen Künstlern ausgewählt, sagt ORF-Projektleiterin Eva-Maria Hinterwirth. Sie beherrschen „International Sign“, eine Gebärdensprache, die – anders als die nationalen Varianten mit ihrer eigenen Grammatik -, dank intensiver Gestik allen Gehörlosen die Welt erklären kann. „Wir haben nun Gehörlose, Schwerhörige und Implantatträger aus Norwegen, Nigeria, China, Dänemark und Österreich“, erzählt Hinterwirth.

Diesem Team demonstriert Yilmaz mit Gesicht, Händen und Armen den Inhalt der Geschichten, zeigt Rhythmus und Geschwindigkeit der Songs, liefert die passende Emotion. „Aber die ,Performer‘ sollen das Vorgelebte nach Auffassung und Gefühl mit eigenen Ideen ergänzen“, sagt der 24-Jährige, der neben Französisch aus reiner Neugier auch Gebärdensprache studiert hat. „Es war Liebe auf die erste Gebärde.“

Refrain ist ein besonderes Problem

Die 27-jährige Sandra Schürgerl, von Geburt an ohne Gehör, hilft bei der Schulung des Teams. Sie hat leidvoll erfahren, wie begrenzt ihre Welt ist, sobald Musik ins Spiel kommt. Beim Ansehen von Musikvideos, frage sie sich oft: „Worum geht es eigentlich in diesem Lied?“. Der reine Liedtext helfe dabei oft nicht, gestikuliert sie – und Yilmaz übersetzt. Erst eine komplette Geschichte – „mit klarem Anfang, klarer Mitte und einem klaren Ende“ – helfe in die richtige Stimmung.

Mitglieder der Band Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN), v.l.n.r.: Sami Helle, Toni Välitalo, Kari Aalto, Pertti Kurikka. Die Punks mit Handicap werden Finnland am Dienstag beim Halbfinale des Eurovision Song Contests (ESC) vertreten. (Foto: Kalle Pajamaa)

Mitglieder der Band Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN), v.l.n.r.: Sami Helle, Toni Välitalo, Kari Aalto, Pertti Kurikka. Die Punks mit Handicap werden Finnland am Dienstag beim Halbfinale des Eurovision Song Contests (ESC) vertreten. (Foto: Kalle Pajamaa)

Ein besonderes Problem sei der Refrain, meint Schürgerl. Was für Hörende idealerweise ein Ohrwurm ist, ist für Gehörlose spätestens beim dritten Mal nur langweilig. Deshalb schmücken Yilmaz und seine Experten die Refrains mit Steigerungen aus.

Die Aufgabe, eine treffende Story zum Lied zu erfinden, hat sich das Team bei einem der originellsten Beiträge des diesjährigen ESC weitgehend gespart. Die Texte der finnischen Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN) seien doch sehr klar: „Ich muss immer putzen. Ich muss immer abspülen. Ich muss immer arbeiten. Ich muss immer zum Arzt“, singen die vier behinderten Finnen, drei von vier Bandmitgliedern haben das Down-Syndrom, einer ist Autist (ROLLINGPLANET berichtete). „So etwas kann man praktisch wörtlich übersetzen“, sagt Yilmaz.

(RP/dpa)

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