""

Europäischer Neurologen-Kongress: Parkinson beginnt in der Nase

Auch Schreie im Schlaf können Vorboten der Krankheit sein. Häufigste Symptome sind Riechverlust, Verstopfung, Gefühlsarmut, Harninkontinenz und diffuse Schmerzen.

(Foto: Sara Hegewald /pixelio.de)

Schreie oder heftige Bewegungen im Schlaf haben nicht immer eine psychische Ursache. Sie könnten Jahre im Voraus auch ein Hinweis auf die neurologische Erkrankung Parkinson sein, erläuterte der Mediziner Prof. Claudio Bassetti von der Berner Universitätsklinik für Neurologie beim Europäischen Neurologenkongress (ENS) in Prag. Werde Parkinson zum Beispiel aufgrund dieses sogenannten Schenk-Syndroms früh erkannt und rasch therapiert, sei das ein Gewinn an Lebensqualität für die Betroffenen.

Bei gesunden Menschen ist in der REM-Schlafphase die Muskulatur so erschlafft, dass sie die Erlebnisse ihrer Träume nicht körperlich ausdrücken. Beim Schenk-Syndrom ist laut Bassetti diese als physiologische Paralyse bezeichnete Bewegungshemmung im Traumschlaf verloren gegangen, so dass die Betroffenen sich bewegen, schreien, treten und um sich schlagen. Dieser Verlust entspringe einem Prozess im Gehirn, der unter anderem auch für Parkinson typisch sei. Bei vielen Parkinsonpatienten sei das Syndrom in der Nacht aufgetreten, bevor tagsüber parkinsontypische Bewegungsstörungen sichtbar wurden.

Einfacher Riechtest gibt Auskunft

Ein einfacher Riechtest kann wichtige Hinweise auf eine beginnende Parkinson-Erkrankung geben. Der Dresdner Neurologie-Professor Heinz Reichmann hat Patienten untersucht, die mit 50 oder 60 Jahren ihren Geruchssinn verloren hatten. Etwa zehn Prozent von ihnen zeigten auch nach einer speziellen Ultraschalluntersuchung und biochemischen Tests frühe Zeichen von Parkinson. Anhand von Tierversuchen an Mäusen fand Reichmann nun Hinweise darauf, dass Parkinson seinen Ausgang tatsächlich in der Nase nimmt. Dort bilde sich zuerst eine Ansammlung von sogenannten Lewy-Körperchen, die eine Parkinson-Erkrankung signalisierten.

Der Parkinson-Experte ist Präsident der „European Neurological Society“ und präsentierte seine Forschungsergebnisse am Montag in Prag auf dem Jahreskongress seines Verbands. Morbus Parkinson beginnt demnach nicht in den motorischen Zentren des Gehirns, sondern in Nervenzellen des Geruchssinns und pflanzt sich Zelle für Zelle weiter fort: zunächst in Richtung Magen und von dort über den Vagusnerv zum Gehirn. „Dieses Wissen gibt uns vielleicht einmal die Möglichkeit, die Krankheit noch viel früher zu entdecken und ihre Ausbreitung zu unterbinden“, sagte Reichmann, der an der Unklinik der Technischen Universität Dresden forscht.

Das sind die häufigsten Symptome

Eine weitere Studie habe gezeigt, dass die Hauptsymptome nicht nur in der Bewegungskoordination liegen, erläuterte Reichmann zudem. Die wichtigsten der anderen Symptome seien Riechverlust (90 Prozent), Verstopfung (45 Prozent), Doppel-Sehen (10 Prozent), Impotenz (30 Prozent) beziehungsweise bei Frauen Gefühlsarmut, Harninkontinenz (50 Prozent), diffuse Schmerzen (30 Prozent), Depression (30 Prozent), Anhedonie (Freudlosigkeit, 30 Prozent) und vor allem in den letzten Jahren der Erkrankung Demenz. Hinzu könnten fettige Haut und exzessives Schwitzen kommen.

„Neueste Untersuchungen zeigen, dass diese Symptome, vor allem Depression und Demenz, die Patienten und Patientinnen mehr Lebensqualität kosten als die Bewegungsstörungen“, so Reichmann. Auf diese sollte daher mehr geachtet werden. Es gebe zwar noch nicht für alle Symptome eine Therapie. „Aber wir haben gute Medikamente gegen Depression, Verstopfung und übermäßige Schweißentwicklung.“

Die genauen Gründe des Krankheitsausbruchs sind noch ungeklärt. Am wahrscheinlichsten entstehe Morbus Parkinson durch eine genetische Vorbelastung, die eine erhöhte Empfindlichkeit auf Umwelteinflüsse bedingen könnte. An dem Prager Kongress nahmen rund 3.000 Ärzte und Wissenschaftler teil.

(dpa/tmn)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN