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Evangelischer Kirchentag endet mit Appell zur Inklusion

„Soviel du brauchst“: Beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag fanden Frömmigkeit und Politik zusammen – und Gläubige ein wenig Mut.

Beeindruckende Vogelperspektive: Kirchentagsbesucher nehmen in Hamburg am Abschlussgottesdienst im Stadtpark teil. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Beeindruckende Vogelperspektive: Kirchentagsbesucher nehmen in Hamburg am Abschlussgottesdienst im Stadtpark teil. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Mit Appellen für mehr soziale Gerechtigkeit und eine stärkere Inklusion von Behinderten ist in Hamburg der 34. Deutsche Evangelische Kirchentag zu Ende gegangen. Bei einem von 130.000 Menschen besuchten Open-Air-Gottesdienst im Hamburger Stadtpark rief Kirchentagspräsident Gerhard Robbers dazu auf, „Menschen mit Behinderungen in unsere Gesellschaft wirklich aufzunehmen“.

Nicht nur Treppenstufen und Barrieren müssten durch Rampen überwunden werden, „auch die Barrieren in unseren Köpfen“, so Robbers. Man könne viel von Menschen mit Behinderung lernen und viel Lebenskraft von ihnen empfangen.

Weiter meinte der Kirchentagspräsident, bei dem Christentreffen sei „klar geworden, dass Menschen von ihrer Arbeit auch leben können müssen“. Lohndumping müsse aufhören, „und wer auf Hartz IV angewiesen ist, muss davon auch menschenwürdig leben können“, so der Trierer Staatsrechtler.

Der Präsident des Kirchentags, Gerhard Robbers spricht beim Abschlussgottesdienst (Foto: Axel Heimken/dpa)

Der Präsident des Kirchentags, Gerhard Robbers spricht beim Abschlussgottesdienst (Foto: Axel Heimken/dpa)

Eine Bilanz des Kirchentags

Politiker ohne Reibungspunkte, Margot Käßmann als Popstar, Fair-Trade-Brause und einen blauen Schal. Soviel braucht sie also, die protestantische Seele. Der 34. Evangelische Kirchentag in Hamburg hat am Ende wohl jedem Besucher neue Gemeinschaftserlebnisse, Halt im Glauben oder einfach nur Spaß beschert.

Für die Kirche selbst war das fünftägige Christentreffen unter dem Motto „Soviel du brauchst“ ein Anker in stürmischer Zeit. Wir sind noch wer, trotz schrumpfender Mitgliederzahlen, lautete das Signal der durch die Nordmetropole strömenden Menschenmassen.

„Der Kirchentag ist unser Basislager, das uns an Leib und Seele gestärkt wieder in den Alltag sendet. Wenn es den Kirchentag nicht gäbe, müsste man ihn schleunigst erfinden“, bilanzierte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Scheider.

Hunger nach Anregung

„Auf dem Kirchentag haben wir einen Hunger nach Anregung erlebt“, beobachtete Generalsekretärin Ellen Ueberschär bei den mehr als 2500 Foren, Workshops und Bibelarbeiten.

Viele Politiker massierten in Hamburg, wo nur noch jeder dritte getauft ist, die Seele der Kirche. Und die braucht das auch in einer Zeit, in der ihr viele Menschen den Rücken kehren und manche in Deutschland ihre Rolle wegen angeblicher Privilegien wie den Staatsleistungen und dem Sonderweg beim Arbeitsrecht infrage stellen.

Frömmigkeit und Politik

Neben Bundespräsident Joachim Gauck – der zwei Tage lang da war und sich unter anderem mit Samuel Koch über das Thema „Eine starke Gesellschadt“ unterhielt – und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) machten im Wahljahr SPD-Herausforderer Peer Steinbrück und andere Spitzenpolitiker ihre Aufwartung und trugen wie ihre Zuhörer den – diesmal blauen – Kirchentagsschal.

Vorbei sind die Zeiten, in denen der politischen Klasse etwa wegen der Nachrüstung oder Flüchtlingspolitik Empörung und wilder Protest entgegenschlugen. Denn die Themen der Kirche – Bewahrung der Umwelt, Atomausstieg, soziale Gerechtigkeit, Abrüstung – sie sind längst Themen der ganzen Gesellschaft.

Susi und die Knallerbsen

Und so saßen die Kirchentagsbesucher auf ihren Papphockern in den riesigen Messehallen. Sie applaudierten der Kanzlerin und dem Ex-Pastor aus dem Präsidialamt genauso wie Eckhart von Hirschhausen bei seinem „medizinischen Kabarett“ und der Band „Susi und die Knallerbsen“, in der behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen rocken.

Sie hingen an den Lippen der früheren EKD-Chefin Käßmann, bei deren Auftritten auf Kirchentagen Pfadfinder alle Jahre wieder schon Stunden vor Beginn das Schild „Saal überfüllt“ hochhalten.

Sie feierten auf dem Fischmarkt vor der Kulisse der mächtigen Docks einen ökumenischen Gottesdienst, bei dem es statt Abendmahl Brezeln in Form eines Fisches aus der Hand von Laienhelfern gab. Nicht als Gag freilich, sondern um die Mauer zwischen Katholiken und Protestanten bei dem Sakrament zu überwinden.

Mehr Gerechtigkeit beim Wohlstand

Sie schipperten durch den Hafen bei einer Schiffswallfahrt, lauschten andächtig dem Posaunenchor Hummelsgau, diskutierten über Vertrauen in der Politik oder gingen zum „Mörgengebeed op Platt“. Glaube ist so individuell wie die Menschen, die ihn leben.

„Soviel du brauchst“: Mit seinem Motto zielte der politische und für manche doch so unpolitische Kirchentag auf mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung von Wohlstand und Ressourcen. Die schlechte Bezahlung auch kirchlicher Mitarbeiter, Billig-T-Shirts aus Bangladesch, Börsenspekulationen mit Nahrungsmitteln gehörten zu den Themen.

Inklusion war Schwerpunkt

V.l.n.r.: Der Moderator Markus Lanz, Bundespräsident Joachim Gauck, Schauspielstudent Samuel Koch, Paralympics-Sieger und Pfarrer Rainer Schmidt und die Geschäftsführerin der Inklusionsdienstleister, Monika Labruier, beim Kirchentag in Hamburg nach der Veranstaltung “Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie? Wie sieht sie aus?” (Foto: Christian Charisius/dpa)

V.l.n.r.: Der Moderator Markus Lanz, Bundespräsident Joachim Gauck, Schauspielstudent Samuel Koch, Paralympics-Sieger und Pfarrer Rainer Schmidt und die Geschäftsführerin der Inklusionsdienstleister, Monika Labruier, beim Kirchentag in Hamburg nach der Veranstaltung “Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie? Wie sieht sie aus?” (Foto: Christian Charisius/dpa)

Der letzte Gottesdienst ist gefeiert, strahlende Gesichter zum Abschied. „Das war ein Fünf-Sterne-Kirchentag“, sagte Besucherin Brigitte Bolcho (65) aus Husum. Die spannenden Diskussionen hätten sie angeregt, „mehr Mut zu haben und sich stärker politisch zu engagieren“. Auf Wiedersehen in Stuttgart 2015.

(RP/KAP/dpa)


Zum Themenschwerpunkt Glaube und Religion


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