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Ex-Terrorist schwimmt bei Paralympics zu zwei Silbernen

Sebastian Rodriguez Veloso ist wegen eines Hungerstreiks von der Hüfte abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Eigentlich sollte er 84 Jahre im Gefängnis bleiben. Und auch ein Terror-Opfer startet in London.

Sebastian Rodriguez Veloso

Wer den Namen des behinderten Schwimmers Sebastian Rodriguez Veloso (56) im Internet in die Suchmaschine eingibt, findet nicht in erster Linie Meldungen über seine sportlichen Leistungen. Sondern Schlagzeilen wegen seiner dunklen Vergangenheit. Der Spanier war Terrorist, wegen Beteiligung an einem Mord verurteilt und müsste eigentlich noch bis 2069 im Gefängnis sitzen. Doch Rodriguez ist seit zwölf Jahren erfolgreicher Parlympics-Teilnehmer – und gewann am Wochenende in London schon das zweite Silber dieser Spiele.

„Chano“, wie er gerufen wird, war als Mitglied der linksextremen, antifaschistischen Bewegung Grapo (Grupos de Resistencia Antifascista Primero de Octubre) an mehreren Bombenattentaten und am Mord des Geschäftsmannes Rafael Padurara beteiligt. Als er 1985 zu 84 Jahren Haft verurteilt wurde, war er noch ein gesunder Mann. Bis Rodriguez in den Hungerstreik trat. 432 Tage, in denen er jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte. Der Mann überlebte, doch die Schäden blieben. Seither ist Rodriguez von der Hüfte abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Er wurde 2007 begnadigt

Trotz Protesten der Familie des getöteten Paduras wurde er 1995 vorzeitig aus der Haft entlassen, 2007 dann begnadigt. Sein Geld soll Rodriguez seitdem mit dem Verkauf von Lotterielosen für eine Blindenorganisation verdienen. Zum Schwimmen kam er über eine Reha-Maßnahme. Erstmals schaffte er es 2000 ins Paralympics-Team. Dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) hatte er seine Vergangenheit verschwiegen und erklärt, seine Behinderung resultiere aus einem Autounfall.

In Sydney gewann der Vater einer Tochter gleich fünf Mal Gold. Offiziellen und Klassifizierern verkaufte er immer die Geschichte von einem Autounfall. Als nach den Spielen der Schwindel aufflog, wurden Forderungen nach der Aberkennung seiner Medaillen laut. Vergebens. Er habe keine paralympischen Regeln verletzt, hieß es offiziell.

Vier Jahre nach seiner Entlassung stand er 2000 in Sydney im Paralympics-Kader und gewann fünf Mal Gold, in vier der Rennen mit Weltrekord. 2004 in Athen folgen drei weitere Siege, 2008 in Peking vier Medaillen ohne Gold.

Seine Vergangenheit holt Rodriguez aber alle vier Jahre ein. In London sagt er nur: „Die Vergangenheit kann nicht gelöscht werden.“ Unbeirrt davon schwimmt er über 50 und 200 Meter Freistil zu Silber. Über 100 Meter hat er in London eine weitere Chance. Die Zuschauer im Aquatics Centre werden ihm auch dann wieder zujubeln. Die meisten kennen seine Geschichte nicht.

Martine Wright überlebt die Londoner Terroranschläge

Martine Wright (rechts)

Die sprichwörtlich andere Seite der Medaille kennt Martine Wright. Sie trägt die Nummer 7. Im Gedenken an den 7.7. 2005 – jenen Tag, der ihr Leben veränderte. Martine Wright saß in der U-Bahn, als sich ein Selbstmordattentäter nur vier Plätze weiter in die Luft sprengte und 52 Menschen mit in den Tod riss. Die junge Britin überlebte. Sie verlor beide Beine, aber nicht ihren Lebensmut.

Sieben Jahre später erfüllt sie sich ihren großen Traum, als sie auf dem Hintern übers Parkett in der Excel-Arena rutscht. Sitzvolleyballerin Martine Wright wird am Freitagvormittag im dritten Satz gegen die Ukraine eingewechselt, da liegt ihre Mannschaft schon weit zurück. „Go Mummy Go“ – Söhnchen Oscar hält stolz das Plakat in die Höhe, wenige Minuten später endet die Partie 0:3 – eine Niederlage, die sich für Wright wie ein Sieg anfühlt.

„Ich habe Gänsehaut. Das ist so unglaublich. Mein Land zu vertreten, in einem Sport, den ich so liebe. Ich bin wirklich stolz auf unser Team“, sagt Martine Wright, die vor zweieinhalb Jahren die erste Sitzvolleyball-Mannschaft in Großbritannien mit gründete. „Wir haben höchstens Mal vor 250 Leuten gespielt. Hier sind Tausende Leute, Wahnsinn“, schwärmt die 39-Jährige.

Zur spät zur U-Bahn

Die Geschichte der Martine Wright beginnt an jenem Tag, als London den Zuschlag für die Olympischen und Paralympischen Spiele bekommt. Am Abend, es war der 6. Juli 2005, ist die Marketingmanagerin noch mit Freunden feiern. Am nächsten Morgen lässt sie das Auto stehen, hetzt etwas verspätet zur U-Bahn, schafft es in letzter Sekunde noch in den Waggon, als sich schon die Türen schließen. Mit im Wagen der „Circle Line“ sitzt einer von vier „Rucksackbombern“, die sich kurz darauf in die Luft sprengen.

Die letzten Erinnerungen sind die an einen Artikel über die Olympia-Vergabe. Wie komme ich nur an Karten? Dann blitzt es vor den Augen. Als Martine Wright wieder zu sich kommt, liegt sie eingeklemmt unter den Trümmern. Sie wird gerettet, irgendwie, obwohl sie Dreiviertel ihres Blutes verloren hat. 52 Menschen sterben, über 700 sind verletzt. „Ich habe überlebt. Ich weiß nicht wie, aber ich habe überlebt. Ich werde immer sagen, ich bin eine der Glücklichen vom 7. Juli.“

Martine Wright lernt, ohne ihre Unterschenkel zu leben und wieder neue Lebensenergie zu schöpfen. Wie fast allen der 4.200 Paraylmpics-Starter hilft der Sport dabei. Sie versucht sich im Rollstuhl-Tennis, bis sie eines Tages den perfekten Sport für sich entdeckt. Sitzvolleyball. Ein Sport, in dem man den Rollstuhl wegschieben und die Prothese beiseitelegen kann. Da fühlt sie sich wieder frei und kann für Stunden vergessen, dass sie behindert ist. Beine seien da nur im Weg, sagt sie. 2010 gründet Wright die erste britische Sitzvolleyball-Mannschaft der Frauen.

Der Traum von den Paralympics wird nur zwei Jahre später Wirklichkeit. Auch wenn Wright und ihre fünf Mitspielerinnen im Vergleich zu den Europameisterinnen aus der Ukraine ab und an noch etwas unkoordiniert auf dem Spielfeld herumrutschen: Dabeisein ist manchmal alles – das gilt für Sebastian Rodriguez Veloso ebenso wie für Martine Wright.

(dapd/Michaela Widder)


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1 Kommentar

  • Willi Schroeder

    Welcher Moralapostel ist denn dafür jemandem die Medaillen abzuerkennen aufgrund einer sicherlich fragwürdigen Vergangenheit? Auch paralympische Athleten sind Menschen die Fehler machen. Hat dieser Mann keine 2. Chance verdient ??? Ich bin froh über die Entscheidung dass seine Medaillen NICHT aberkannt wurden. Es sollte NUR seine Leistung zählen, nicht seine Vergangenheit.

    2. September 2012 at 17:37

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