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Fachkräfte in Behindertenwerkstätten – der Aufschrei

Der Berufsverband BeFAB warnt vor prekärer Personalsituation und Turbo-Kapitalismus.

Protestaktion der Landesarbeitsgemeinschaft WfbM Sachsen-Anhalt im Sommer 2012 (Foto: (Foto: Bodelschwingh Haus)

Protestaktion der Landesarbeitsgemeinschaft WfbM Sachsen-Anhalt im Sommer 2012 (Foto: (Foto: Bodelschwingh Haus)

Lebenshilfe, Caritas, Diakonie und DRK waren sich einig: Wir brauchen mehr Geld für Fachpersonal. Vor einer Woche überreichten die Betreiber von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) in Sachsen-Anhalt Sozialminister Norbert Bischoff (SPD) 7500 Postkarten mit der Forderung, „dass die Einrichtungen und Dienste der Eingliederungshilfe kostendeckende Entgelte erhalten, um die gesetzlichen Aufgaben erfüllen zu können“. (ROLLINGPLANET berichtete.)

Sachsen-Anhalt ist keine Ausnahme – bundesweit und seit Jahren sind Mitarbeiter und Fachkräfte in WfbM frustriert. Wie soll es weitergehen? Der Berufsverband Fachkräfte zur Arbeits- und Berufsförderung in Werkstätten für behinderte Menschen (BeFAB) warnt vor einer prekären Personalsituation in den Einrichtungen und klagt: „Die Werkstattbetreiber haben sich in ihrer Geschichte nicht unbedingt als Unterstützer einer wirklich notwendigen Personalausstattung gezeigt. Im Gegenteil, sie haben die neuen und unverantwortlichen Sparvorgaben von Gesetzgeber und Kostenträgern so gut wie klaglos mitgetragen“.

BeFAB hat in einer umfangreichen Stellungnahme sieben Forderungen zusammengetragen – sie reichen von einer schärferen Positionierung von WfbM als Dienstleister für Teilhabe am Arbeitsleben über bundesweit einheitliche Finanzierungs-Richtlinien bis zur standardisierten Offenlegungs- und Darlegungspflicht der Werkstattgelder.

ROLLINGPLANET dokumentiert nachfolgend den Aufschrei des Verbandes (die Zwischentitel stammen von der Redaktion).

Was sollen die Werkstätten leisten?

Werkstätten für behinderte Menschen sind als Dienstleister wichtig, um die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen.

Aber die Werkstätten sollen den Menschen mit Behinderungen nicht nur Arbeitsplätze ausschließlich in ihren eigenen Werkstätten anbieten. Die Werkstätten sollen auch Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes erschließen, die bereit sind, Außenarbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen zur Verfügung zu stellen, also Außenarbeitsplätze, die dann zusätzlich durch Werkstattpersonal abgesichert werden.

Letztendlich und im Idealfall sollen die Werkstätten die interessierten Werkstattbeschäftigten in ein inklusives Berufsleben führen, beispielsweise in versicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse mit auskömmlichen Löhnen – soweit die Arbeitgeber des allgemeinen Arbeitsmarktes dazu bereit sind und sich überzeugen lassen.

Zu weit entfernt vom gesetzlichen Auftrag?

Der Auftrag der Dienstleister „Werkstätten“ ist gesetzlich verankert. Werkstätten sind seit ihrer Konzeption 1980 eher Bildungsbetriebe und keinen Falls produktionsorientierte Unternehmen.

Dieses Bild zeigen Werkstätten jedoch immer weniger und fokussieren in der Öffentlichkeit vermehrt den produktiven Bereich als ihr Primärziel. Fatal dabei ist, dass in den Werkstätten überwiegend zu industriellen Kostensätzen produziert wird, welche einen regulären Betrieb des Arbeitsmarktes in den Ruin treiben würden.

Durch diese Widersprüchlichkeiten entstehen in den Werkstätten Bedingungen, die größtenteils zu Lasten des Personals und folglich der zu betreuenden Menschen mit Behinderungen gehen.

Der Spagat zwischen sozialer Dienstleistung und Produktion lässt sich kaum mehr aufrecht halten. Schon jetzt ist die Arbeitsverdichtung die Regel und nicht die Ausnahme!

Dabei verschiebt sich der Blickwinkel der Werkstattbetreiber immer mehr in eine Richtung: Zufriedenstellung der industriellen Auftraggeber! Der Grundsatz, dass sich die Arbeit in den Werkstätten am Menschen mit Behinderung orientieren muss und nicht umgekehrt, existiert faktisch nur noch auf dem Papier.

Personal ist seit Jahren überlastet

Das Personal arbeitet für das Erreichen der produktiven und rehabilitativen Ziele engagiert, aber mit einer stetigen Überlastung.

Besonders in den letzten zehn Jahren sind zusätzlich erhebliche Aufgaben- und Arbeitsverdichtungen dazugekommen. Als Beispiele sind hier die gestiegenen Anforderungen einer ganzheitlichen Förderplanung und Teilhabebegleitung mit den Menschen mit Behinderungen aufzuführen und ebenso die sonstigen qualitativen und quantitativen Ansprüche, die sich im Reha- und Produktionsbereich etabliert haben.

Die Werkstattbetreiber haben sich in ihrer Geschichte nicht unbedingt als Unterstützer einer wirklich notwendigen Personalausstattung gezeigt. Im Gegenteil, sie haben die neuen und unverantwortlichen Sparvorgaben von Gesetzgeber und Kostenträgern so gut wie klaglos mitgetragen.

Konzertierte Aktionen zusammen mit Arbeitnehmern und Betroffenen, um auf diese Belange aufmerksam zu machen, blieben die große Ausnahme und waren halbherzig und wirkungslos.

Ungelernte Mitarbeiter statt Fachkräfte

Mittlerweile werden viele Planstellen nicht mehr, oder nur mit unzureichend qualifiziertem Personal besetzt. Diese Entwicklung macht auch nicht vor den Fachkräften im Gruppendienst halt.

Der Gesetzgeber schreibt aber dort gewisse Stellenschlüssel und Qualifikationsanforderungen vor. Planstellen werden aber auch immer mehr mit an-, oder ungelernten Kräften besetzt. Vollzeitstellen werden oft durch Teilzeitstellen ausgetauscht. Vermehrt werden die Planstellen nur noch mit befristeten Arbeitsverträgen besetzt.

Selbst Leiharbeiter und BuFDi’s sind keine Seltenheit mehr, wenn es um die Besetzung der Gruppenleiterstellen in den Werkstattgruppen und um die Aufrechterhaltung des Werkstattbetriebes geht.

Stress durch Turbo-Kapitalismus

Fachkräfte zur Arbeits- und Berufsförderung bestreiten das operative „Werkstattgeschäft“ in vorderster Linie. Sie haben besondere Verantwortung für die Menschen mit Behinderungen und sind nicht nur dadurch besonderen Belastungen ausgesetzt.

Gerade der erwähnte Spagat zwischen der rehabilitativen Zielsetzung und den Aufträgen der Wirtschaft kann kaum noch ausgehalten werden.

Gesteigerte Erwartungen an Stückzahlen und Qualität im produktiven Bereich lassen immer weniger Raum und Zeit, um individuell Teilhabe am Arbeitsleben für die Menschen mit Behinderungen zu gestalten und zu ermöglichen. In einer wissenschaftlichen Studie hat die Berufsgenossenschaft BGW zusammen mit der DAK die außergewöhnliche Stressbelastung der Gruppenleitungen in den Werkstätten festgestellt.

Fortbildungsordnung für Fachkräfte fehlt

Ausreichende Qualifikationen könnten viel vom Stress und den Belastungen nehmen. Seit Jahren fordert BeFAB eine Fortbildungsordnung für die Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung zu erlassen und diese als Bestandteil der qualitativen Anforderungen der FAB in der Werkstättenverordnung zu verankern!

Mit solch einer Fortbildungsordnung können Stellenbewerber sich in ausreichender Weise auf ihren Einsatz bei der Gestaltung der Teilhabe am Arbeitsleben für Leistungsempfänger vorbereiten. Zusätzlich trägt sie zur Klarheit der Aufgaben der Fachkraft bei und ist bei der Errechnung zukünftiger Stellenschlüssel dienlich.

BeFAB hat auf Basis der FAB-Fortbildungsprüfungsverordnung eine Musterstellenbeschreibung entworfen, die hier schon erste Maßstäbe setzen kann.

Streit um Stellenschlüssel

Aber die Stellenschlüssel werden oft nicht eingehalten. Kostenträger fordern schon seit Jahren den Stellenschlüssel nach oben zu verändern! In Vertretungszeiten wie Urlaub oder Krankheit wird eine nicht mehr hinzunehmende Arbeitsverdichtung erzeugt. In den Kostensätzen sind Finanzmittel für Vertretungen kaum enthalten.

Hier spielen die Verantwortlichen der Kostenträger klar mit der Gesundheit des Personals! Zusätzlich werden Teile der Verantwortung der Werkstattleitungen auf das Fachpersonal übertragen, ohne dass hier organisatorische, personelle und finanzielle Ressourcen geschaffen werden.

Keine Rücksicht auf ältere Mitarbeiter

Ein bisher kaum beachtetes Thema in Werkstätten ist die Ausgestaltung der Arbeitsplätze für älter werdende Arbeitnehmer und Leistungsberechtigte. Durch den demografischen Wandel müssen auch hier Standards für altersgerechte Arbeitsplätze aufgebaut und kostensatzmäßig berücksichtigt werden.

Tarifverträge werden sowohl von Werkstattbertreibern als auch von vielen Kostenträgern als Maximalgröße gesehen und nicht als das was sie eigentlich sind: Gehaltspezifische Mindeststandards! Gleiches kann auch zu den gesetzlichen Vorgaben gesagt werden, hier insbesondere die Auslegungen zum Fachpersonalschlüssel und zu den Qualitätsanforderungen.

Die 7 Forderungen des Verbands

Der Berufsverband BeFAB stellt daher folgende Forderungen, um die Personalsituation und die Dienstleistungsqualität in den Werkstätten zu verbessern:

  • Ausrichtung der Werkstätten und sonstiger zukünftiger Anbieter zu beruflichen Bildungseinrichtungen mit klarer Zweckausrichtung als Dienstleister für Teilhabe am Arbeitsleben,
  • gesetzlich vorgeschriebene Qualifikationsstandards für das Fachpersonal, Umsetzung einer Fortbildungsverordnung als Bestandteil der Werkstättenverordnung,
  • Anpassung der Stellenschlüssel auf ein vertretbares Maß, bzw. auf eine der Notwendigkeiten der Klientel bezogene Größe (Personenzentrierung),
  • drastische Verringerung der extremen Vertretungssituationen durch Schaffung eines Vertreterpools,
  • bundesweite Standards bei der personellen, sachlichen und finanziellen Ausstattung der Werkstätten und sonstiger zukünftiger Anbieter, um vergleichbare und zielgerichtete Leistungen erbringen zu können (Bund als zukünftiger Kostenträger der Eingliederungshilfe – Bundesleistungsgesetz),
  • tarifliche Bestimmungen als Grundlage der Finanzausstattungen der Einrichtungen als Mindeststandard unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten bzw. Notwendigkeiten (Ballungsräume),
  • standardisierte Offenlegungs- und Darlegungspflicht der Werkstattgelder (= Steuergelder) für alle Werkstätten in Deutschland einmal im Kalenderjahr – somit die Aufhebung des Tendenzschutzes gegenüber den Mitarbeitervertretungsgremien, damit eine Bewertung und letztendlich Mitgestaltung der rehabilitativen und produktiven Leistung möglich wird.

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Achim Morina

    Eine Userin schrieb mal: Das Problem hast du in jeder Werkstatt. Natürlich ist es so gewollt. Das behinderte und psychisch kranke Menschen nicht auf den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, auf gleicher Augenhöhe mit nicht behinderten Menschen leben können und ein angemessenes Gehalt verdienen, liegt schlicht daran, das sich die Unternehmen von der Pflicht Behinderte einzustellen durch die Ausgleichsabgabe und steuerliche Vergünstigungen bei der Auftragsvergabe an Werkstätten „freikaufen“ können. Warum also sollte ein Arbeitgeber entsprechende Möglichkeiten schaffen, wenn er diese eher kostengünstige und unproblematische Alternative hat – im gleichem Atemzug argumentieren dann die Werkstätten, das sie keine Möglichkeit zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt sehen – wie auch, wenn eben die Stellen fehlen. Da sieht man recht deutlich, das dieses System Hand in Hand läuft. Daher verwundert es nicht, das Deutschland zögert, die von Deutschland unterschriebene UN-Behindertenrechtskonvention seit nunmehr sechs Jahren gesetzlich umzusetzen oder gegen solche Zustände einschreitet, da sich sonst die Politik ihre Brötchengeber madig machen würde. Die Werkstätten nehmen derweil natürlich mit Kußhand die Gelder von den Trägern und haben quasi das „Gewaltmonopol“ gegenüber ihren „Klienten“ , da natürlich ihre Einschätzung maßgebend ist, nicht die des „Klienten“. So verschafft man sich noch zusätzlich das eigene Personal. Ich arbeite selbst in einer WfbM, bin durch Krankheit dort hineingerutscht. Mit Integration in den ersten Arbeitsmarkt hat es nichts, aber überhaupt nichts zu tun. Es gibt nicht einmal zielorientierte Maßnahmen. Man ist nur ein Baustein für den Erhalt von Arbeitsplätzen jener, die ein paar Stockwerke höher sitzen. Die WfbM haben den Auftrag zu Rehabilitation und Integration. Beides findet man größtenteils nicht. WfbM- no go. Definitiv.

    27. Januar 2016 at 17:01

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