Fall Oscar Pistorius geht in die zweite Runde

Gibt es eine sehr viel härtere Strafe? Der 3. November wird für den Ex-Sportstar zum Schicksalstag. Von Ralf E. Krüger

Oscar Pistorius im Oktober 2014 vor Gericht (Foto: EPA / Kevin Sutherland / dpa)

Oscar Pistorius im Oktober 2014 vor Gericht (Foto: EPA / Kevin Sutherland / dpa)

Der 3. November ist ein Schicksalstag für Oscar Pistorius. Dann steht in Bloemfontein die Berufung der Staatsanwaltschaft zur Verhandlung an, die ein härteres Urteil gegen den 28-Jährigen erreichen will. Dem einstigen Spitzenathleten, der am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hat und wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, könnte danach eine Rückkehr in seine Haftzelle in Pretorias Kgosi Mampuru II bevorstehen.

Zur Zeit sitzt er den Rest seiner bisherigen Strafe in der Luxusvilla seines Onkel Arnold in Pretorias Diplomatenviertel Waterkloof ab – im Hausarrest (ROLLINGPLANET berichtete).

Ausgang ungewiss

Fünf Richter werden darüber entscheiden müssen, ob es dabei bleibt. Nach ein paar Tagen soll das Urteil in schriftlicher Form vorliegen. „Sie müssen entscheiden, ob er beim Abfeuern der Schüsse hätte vorhersehen können, dass jemand sterben könnte“, sagt Adrie Hechter, ein auf Strafrecht spezialisierter Anwalt aus Bloemfontein.

Dem wohl berühmtesten Behindertensportler der Welt droht eine Verurteilung wegen Mordes und eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren, wenn die Juristen diese Frage positiv beantworten. „Es ist extrem schwierig, das Ergebnis vorherzusagen“, gibt Hechter zu.

Erster weltweit berühmter Behindertensportler

Oscar Pistorius hat eine steile Karriere und einen extrem tiefen Fall hinter sich: 2012 startete er als erster beinamputierter Sportler der Olympia-Geschichte bei den Olympischen Spielen. Er wurde Achter mit der Staffel über 4 x 400 Meter und kam als Einzelstarter bis ins 400-Meter-Halbfinale. Bei den Paralympics holte er Doppel-Gold.

Jetzt muss er unter den Augen einer an jedem Detail interessierten Öffentlichkeit erst mal sein Leben neu ordnen und strenge Auflagen erfüllen – angefangen bei einem kompletten Alkoholverbot über Sozialstunden bis zur Pflicht, eine Arbeit anzunehmen.

Der frühere Paralympics-Star – ihm wurden als Kind beide Unterschenkel amputiert – tötete seine Freundin mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür, so viel ist klar. Im Prozess gab er an, dahinter einen Einbrecher vermutet zu haben. Im Oktober 2014 wurde er dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt – zu wenig für so eine Tat, fanden Kritiker des Urteils.

Opfer des Vaters will Pistorius sprechen

Wie auch immer das Berufungsverfahren in Bloemfontein ausgehen wird: Für die Familie des Opfers hat oberste Priorität, über den Verlust der Tochter hinwegzukommen. Reeva Steenkamps Vater Barry wünscht sich ein Treffen mit dem 28-Jährigen Pistorius, um endlich einen Abschluss zu finden. Sollte sich die Chance dazu ergeben, erklärte Barry Steenkamp im südafrikanischen Fernsehen, so würde er das tun – auch auf die Gefahr hin, dass er bei dem Treffen vermutlich gar nichts zu sagen hätte.

Reevas Mutter June hat ebenfalls betont, dass sie keine Rachegedanken gegen Pistorius hege. Sie hatte zwei Tage nach Pistorius‘ Haftentlassung in den Hausarrest an der früheren Schule ihrer Tochter in der Hafenstadt Port-Elizabeth eine Rede vorgetragen, die ihre Tochter ursprünglich am Tag ihres Todes hatte halten wollen. Mit einer Stiftung für Opfer von häuslichem Missbrauch will June Steenkamp nun versuchen, im Sinne ihrer Tochter künftig gesellschaftliche Akzente zu setzen. In einem Land wie Südafrika mit seiner weit verbreiteten Gewalt will sie vor allem Mädchen und Frauen nach Übergriffen wieder auf die Beine helfen.

(dpa)

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