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Fassungslosigkeit über Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt

14 Tote und 8 Schwerverletzte +++ Caritasverband: Brandsicherheit entsprach den Anforderungen +++ Kretschmann informierte Merkel

Rettungskräfte am Ort

Für die Feuerwehr klingt es zuerst nach einem Routineeinsatz – am Ende sind jedoch 14 Menschen tot. In einer Schwarzwälder Behindertenwerkstatt geht am Montag um 13.58 Uhr die automatische Brandmeldeanlage los und alarmiert die Retter. Kurz danach rufen zahlreiche Nachbarn über Notruf an und berichten von starkem Rauch. Das Feuer breitet sich rasend schnell aus. Der Rauch raubt in Sekunden den Atem. Wer es nicht schnell genug herausschafft, ist in Lebensgefahr – obwohl die Feuerwehr bereits nach sechs Minuten da ist.

Als die ersten Helfer eintreffen, bietet sich ihnen in der Kleinstadt Titisee-Neustadt (rund 40 Kilometer östlich von Freiburg im Breisgau) ein fürchterliches Bild. Auf der Straße rennen ihn Menschen in Panik entgegen. Die meisten der Behinderten und Betreuer in dem Caritas-Betrieb sind noch von Flammen und Rauch eingeschlossen. Die Werkstatt wird zur Todesfalle: 14 Menschen sterben, acht weitere werden schwer verletzt.

Großeinsatz, dramatische Rettungsaktion

Etwa 300 Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten waren am Brandort im Einsatz. Rettungshubschrauber flogen zur Unterstützung ein. In einer dramatischen Rettungsaktion bargen Feuerwehrleute mit schwerem Atemgerät zahlreiche Menschen aus dem brennenden und völlig verrauchten Gebäude. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die naturgemäß nicht rational reagieren“, sagte Kreisbrandmeister Alexander Widmaier.

120 Menschen waren in den Werkstätten, viele von ihnen wurden in letzter Sekunde gerettet – 13 Behinderte und Betreuer können nur noch tot geborgen werden. Todesnachrichten werden in der nahegelegenen Sammelstelle der Feuerwehr übermittelt, während draußen noch Verletzte versorgt werden.

Schreie hallen durch den großen Raum. Menschen brechen in Tränen aus. Psychologen kümmern sich um traumatisierte Angehörige und Rettungskräfte, Psychologen und Seelsorger sind da. Es seien noch nicht alle Toten identifiziert, hieß es gegen 17.30 Uhr.

In der Einrichtung arbeiteten Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen. Sie sind in mehreren Werkstätten im Einsatz. Laut Feuerwehr kam es aus ungeklärter Ursache zu einer Explosion. Möglicherweise explodierten in einem Lagerraum Chemikalien. Gut zwei Stunden brauchten die Feuerwehren, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen.

Kampf mit den Tränen

„Das, was wir hier gesehen haben, wird uns noch lange beschäftigen“, sagt der Kommandant der örtlichen Feuerwehr, Gotthard Benitz. Auch Feuerwehrleute müssen psychologisch betreut werden. „Aus welchem Grund sich das Feuer derart rasant ausgebreitet hat, können wir uns nicht erklären.“ In den Werkstätten wird Holz bearbeitet und mit Chemikalien behandelt.

Egon Engler von der Caritas kämpft mit den Tränen, als er drei Stunden nach dem Brand vor die Presse tritt. Die Werkstatt bleibt vorerst geschlossen. Sie war 1979 gegründet und erst vor sechs Jahren saniert sowie um einen Neubau erweitert worden. In eben jenem Neubau brach nun das verheerende Feuer aus. Die meisten Behinderten in der Einrichtung stammen den Angaben zufolge in der Regel aus dem Hochschwarzwald.

Die Verletzten sind außer Lebensgefahr, wie der Einsatzleiter der Polizei, Alfred Oschwald, vor einigen Stunden bei einer Pressekonferenz in Titisee-Neustadt sagte. „Wir gehen davon aus, dass es keine weiteren Toten gibt.“ Das Gebäude sei durchkämmt.

Entsetzen allerorten

Die Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt hat bei Politikern und beim Träger der Einrichtung Erschütterung ausgelöst. Der stellvertretende Vorstand des Caritasverbands Freiburg-Stadt, Rainer Gantert, sagte auf dapd-Anfrage: „Wir sind völlig fassungslos, wie in einer modernen und gut ausgestatteten Werkstatt am helllichten Tag eine solche Katastrophe passieren kann.“

Zur Ursache konnte Gantert vorerst keine Angaben machen. Die Brandsicherheit entspreche nach jetzigem Stand „absolut jeglichen Anforderungen“, sagte er. Im Vordergrund stehe nun die Betreuung der Menschen mit Behinderungen vor Ort und das Gedenken an die Opfer und ihre Angehörigen, betonte Gantert, dessen Verband Träger der Einrichtung ist. „Man versteht nicht, was passiert ist. Man kann sich das nicht erklären“, sagte seine Sprecherin Claudia Beck der Nachrichtenagentur dpa.

Ministerpräsident Kretschmann spricht Mitgefühl aus

Ministerpräsident Kretschmann (Foto: dpa)

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der mit dem Hubschrauber herbeieilte, zeigte sich erschüttert. „Die Nachricht über den Brand in der Behindertenwerkstatt und das schreckliche Ausmaß haben mich zutiefst getroffen“, sagte der Ministerpräsident am Montag. In Gedanken sei er bei den Opfern. Sein tiefes Mitgefühl gelte ihren Angehörigen.
Kretschmann informierte außerdem Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „Ich habe soeben mit der Bundeskanzlerin telefoniert. Sie ist tief erschüttert, sprachlos und fassungslos angesichts dieser schrecklichen Ereignisse“, sagte Kretschmann am Ort des Geschehens in Titisee-Neustadt. Der Brand mit 14 Toten sei „eine Katatsrophe für die Betroffenen, für den Ort und ganz Baden-Württemberg“.

Kretschmann dankte den Rettungs- und Einsatzkräften für ihre engagierte Arbeit. Der Ministerpräsident und Innenminister Reinhold Gall (SPD) flogen unmittelbar nach Bekanntwerden der Katastrophe an den Unglücksort, um sich von der Situation ein Bild zu machen und mit Angehörigen zu sprechen.

Vizeministerpräsident Nils Schmid (SPD) drückte ebenfalls den betroffenen Angehörigen sein Mitgefühl aus. Die CDU-Landtagsfraktion zeigte sich erschüttert und fassungslos über das Ausmaß und die Anzahl der Opfer. „Es muss so schnell als möglich geklärt werden, wie dieses Unglück geschehen konnte“, forderte CDU-Landtagsfraktionvorsitzende Peter Hauk.

Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) reagierte ebenfalls mit Entsetzen. „Ich spreche allen Angehörigen, Freunden und Verwandten der Toten mein tiefes Beileid aus. Unsere Gedanken sind auch bei den zahlreichen Verletzten“, sagte Altpeter. Sie sprach von einem Tag der Trauer und des Schmerzes über so viele Opfer.

Caritas hat bundesweit 219 Werkstätten

Mit bundesweit rund 25.000 Einrichtungen und Diensten sowie etwa 560.000 hauptamtlichen Mitarbeitern ist die Caritas eigenen Angaben zufolge der größte Wohlfahrtsverband Deutschlands. Die Organisation mit Sitz in Freiburg im Breisgau engagiert sich seit 115 Jahren insbesondere in der Krankenpflege sowie bei der Betreuung von Senioren, Kleinkindern und Behinderten. Träger der Einrichtungen sind im Regelfall die örtlichen Caritasverbände, Diözesanverbände oder andere kirchliche Träger.

In den Caritas Werkstätten sollen Menschen mit Behinderung in ein normales Arbeitsleben und damit auch verstärkt in die Gesellschaft integriert werden. Bundesweit gibt es nach Auskunft der Caritas 219 Werkstätten, in denen mehr als 37.000 Menschen mit Behinderung arbeiten (Stand Dezember 2010). In den Werkstätten werden meist angepasst an die Industrie der Region Holz-, Metall- oder auch Texilprodukte gefertigt.

(dpa/dapd/RP)


Nach der Katastrophe: Feuerwehrverband fordert spezielle Sicherheitskonzepte für Einrichtungen für behinderte Menschen


Der Unglücksort

Titisee-Neustadt (12.000 Einwohner) liegt im Schwarzwald

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