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Fast zu schön, um wahr zu sein: Das Alzheimer-Dorf

Wie kann ein Leben in Würde gelingen, wenn der Alltag wegen einer Krankheit schwierig zu organisieren ist? Ein spannendes Pilotprojekt in Hogewey in den Niederlanden versucht diese Frage auf ungewöhnliche Art und Weise zu beantworten.

Café in Hogeway

Noch vor einigen Jahren gab es in Hogewey kein Café und keine Vereine. Seit Dezember 2009, als 152 Menschen mit Demenz eingezogen sind, hat sich das geändert. Hogewey gilt als das innovativste Pflegeheim, das die Niederlande Alzheimerpatienten zu bieten haben. Die niederländische Alzheimerstiftung hat dafür das Prädikat „vorbildlich“ verliehen: „Eine prächtige Initiative, die hoffentlich viele Nachahmer findet!“, lobt Sprecherin Julie Meerveld.

Denn die Bewohner von Hogewey, das 40 Kilometer nördlich von Eindhoven liegt, können weitgehend so weiterleben wie früher in ihren eigenen vier Wänden. Das liegt nicht nur daran, dass sie in kleinen Häusern mit maximal sechs Bewohnern untergebracht sind. In dieser Wohngemeinschaft kann, wer will, weiterhin kochen, im Garten Unkraut jäten oder handwerkeln. Auch liegt es nicht nur daran, dass sich die 23 Häuschen und Wohneinheiten zusammen mit Läden, Cafés und Restaurants zu einem ganz normalen Straßenbild zusammenfügen.

Deutlich weniger Psychopharmaka

Die Zeit schreibt: „Viele Menschen, die an Demenz erkrankt sind, leiden unter einem starken Drang nach Bewegung. In Hogewey, anders als in vielen anderen Einrichtungen, können sie ihn ungehindert ausleben. Schon deshalb wirkt sich die neue Betreuungsform bei den meisten Bewohnern positiv aus, und wie Henk de Rooy blüht manch einer in Hogewey regelrecht auf. ‚Man kann das am einfachsten an den Medikamenten festmachen‘, sagt Manager Frans Boshart. Seit der Umgestaltung zur Pflegesiedlung würden deutlich weniger Psychopharmaka und Schlafmittel benötigt, ‚weil die Bewohner viel ausgeglichener und ruhiger geworden sind'“.

Zum Themenschwerpunkt Alzheimer/Demenz

Video

2.3.2013: Das Video ist nicht mehr verfügbar. Textversion:

Der Tag beginnt in Hogeway mit einer liebevollen Geste: Der 76-jährige Henk bringt seiner Freundin Joe das Frühstück ans Bett.

Henk
„Guten Morgen, mein Schätzchen, hast Du gut geschlafen?“ fragt er..

Joe und Henk frühstücken gemeinsam. Sie haben sich im Alzheimerdorf kennen gelernt. Altenpflegerin Peggy freut sich am jungen Glück des alten Pärchens. Viel Unterstützung brauchen sie nicht, die beiden, Peggy passt auf, dass der Tee nicht zu heiß und dass das Brot klein geschnitten ist.

Das Alzheimerdorf Hogewey liegt grau und unscheinbar zwischen zwei Wohnblöcken und wirkt auf den ersten Blick aus wie ein Schulzentrum. Hier gibt es aber einen Friseursalon, Wege ohne Bordstein und viele Sitzgelegenheiten.

Henk
„Piti, Pitipitipit…“

Henk hat sich hier eingerichtet. Er kümmert sich um den Vogelkäfig. Vorher lebte er in einem anderen Heim, dort war er unglücklich, bekam Herzprobleme. Seine Kinder holten ihn da raus und brachten ihn hier her. Henk hat noch eine Freundin, Emilia. Ein Biest, sagt er, aber eins mit einem goldenen Herz. Und ein paar fernen Erinnerungen an deutsche Lieder:

Emilia
„Sag mir noch einmal mein einzig Lieb, oh, sag noch einmal, ich hab Dich lieb.“

Henk wohnt mit fünf Patienten zusammen. Bei Corry ist die Krankheit weit voran geschritten, Richard sucht ständig nach einem Feuerzeug. Für die Mahlzeiten gibt es keine festen Uhrzeiten. Jeder isst, wann er will.

Selbst das Rauchen musste sich Richard nicht abgewöhnen, es gibt ein extra Raucherraum – gleich neben dem Wohnzimmer.

Henk
„Ich finde es hier gut. Ich kann den Pflegerinnen helfen und auch den anderen, die noch kränker sind als ich. Ich kann auch in der Küche mitmachen, nicht wahr Peggy, ich helfe Dir doch, oder?“

Peggy
„Ja. Die Gruppe hier ist schon ein bisschen meine Familie, es geht gar nicht anders. Wir sind so lange zusammen, da hängt man einfach aneinander.“

Wer hier einzieht, kann sich aussuchen, wie er gerne wohnen will. Bei Henk ist es besonders gemütlich. Man kann auch in eine asiatische Wohngemeinschaft ziehen, wo man sogar indonesisches Fernsehen schauen kann: Oder in eine großbürgerliche Wohnung, mit feinem Geschirr und edlen Möbeln.

Ein beliebter Treffpunkt ist der eigene Supermarkt. Einmal in der Woche kauft Henk für seine Wohngruppe ein, eine Betreuerin unterstützt ihn. Allein fände er sich hier nicht zurecht…Und natürlich vergessen sie Richard und seine Zigaretten nicht.…Bezahlen brauchen sie hier nicht, die Rechnung schickt der Supermarkt den Wohngruppen ins Haus.

Henk hat Besuch bekommen. Seine Schwägerin und sein Bruder sind gekommen.

Peggy
„Wenn die Familien zu Besuch kommen, sind alle Bewohner dabei. Sie sprechen miteinander und trinken gemeinsam Kaffee. Henk und Joe haben ja eine Beziehung, sie sind ein Paar und beide Familien nehmen den jeweils anderen mit, wenn sie einen Spaziergang machen oder wenn sie ins Cafe oder Restaurant gehen.“

Am Abend gibt es ein Konzert im Alzheimerdorf. Unter den Gästen ist auch die 95-jährige Emilia.
Musik ist für viele Alzheimerkranke ein wichtiger Schlüssel um Erinnerungen zu wecken. Emilias Mutter war übrigens Opernsängerin, sagt sie.

Emilia
„Danke für diesen guten Abend, danke für diesen guten Tag, danke, lalalalala…“

Und wie sie da so sitzt, mit der Fellmütze und dem Mantel über den Schultern. Als wäre sie selber eine kleine „Operndiva“.
Nach dem Konzert sind in Henks Wohngruppe noch fast alle auf den Beinen.

Richard
„Das gefällt mir nicht, sagt Richard. Ich bin Schneider und hab den ganzen Tag zu tun, aber ich werde einfach nicht fertig.…“

Henk
„Was machst du da?“

Richard
„Ich muss den Stoff aufrollen!“

Henk
„Nein, lass den mal so liegen.“

Operetten von einer DVD. Irgendwann trifft sich Henk mit seinen beiden Freundinnen vor dem Fernseher. Dann lassen sie sich in eine heile Welt entführen, jeden Abend vor dem Zubettgehen.
Die Nachtwache. Am Bildschirm verfolgt Wilma die Geräusche aus den Zimmern, – eine Art Baby-Phone. So hört man, wer nicht schlafen kann, erklärt sie.

Nachtwache
„Wir könnten noch besser aufpassen, wenn wir mit einer Kamera in die Zimmer einsehen könnten, aber das machen wir nicht, wegen der Privatsphäre unserer Bewohner.“

Eine Nachtschwester wird per Funk zu den Zimmern geleitet, wo jemand nicht zur Ruhe kommt:

Emilia
„Schwester!!“

Es ist die 95-jährige Emilia.
Die Nachtschwester gibt ihr ein Schälchen Pudding.
„Noch ein Häppchen, und das war´s.“

Wir haben Emilia und ihre Mitbewohner mehrere Tage begleitet, aber jetzt wirkt es, als ob wir ihr zum ersten Mal begegnen.

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