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Ferdinand Schießl: Ich bin der Frosch, küss mich!

Eine ARD-Doku zeigt am Sonntag, was dabei herauskommt, wenn beim Abenteuer Liebe ein schwerbehinderter Mensch beteiligt ist. Von Lothar Epe

Ferdinand Schießl und Karin Knoll (Foto: ARD)

Ferdinand Schießl und Karin Knoll (Foto: ARD)

„Ich fühle mich wie von einer schweren Krankheit geheilt!“, sagt Ferdinand Schießl (57), wenn er über die Frau seines Lebens spricht. Als er zwei Jahre alt war, diagnostizierten die Ärzte bei ihm Kinderlähmung. Und hätte es damals nicht die „Eiserne Lunge“ gegeben, würde er die Poliomyelitis wohl nicht überlebt haben. Dennoch: Seine ersten zwölf Jahre verbrachte Ferdinand im Krankenhaus und anschließend weitere zwölf Jahre im Heim.

Ferdinand ist im Internet als „Frosch“ unterwegs. Der Nick ist kein Zufall: Als Kind hat er sich eine Atemtechnik angeeignet, die sich Froschatmung (Fachbegriff: Glossopharyngeale Atmung) nennt und dank der Mund-Rachen-Muskulatur gelingt. Dabei nimmt der Betroffene Luft in den Mund, schließt die Lippen und drückt die Luft durch das Anheben von Gaumen und Zunge in die Lunge. Diesen Ablauf wiederholt er mehrere Male.

Wenn man gleichzeitig die Luft nicht entweichen lässt, sammelt sich immer mehr Luft in der Lunge. Wenn genügend Luft angesammelt ist, atmet man wieder aus und beginnt von Neuem. Die in den 1950er Jahren entwickelte und heute kaum noch bekannte Methode kann vor allem für Menschen mit geschwächter oder gelähmter Atemmuskulatur verblüffend effizient sein. Ferdinand musste nur noch nachts in die Eiserne Lunge.

Als sich Karin und Ferdinand kennenlernten, lebte er noch in der Eisernen Lunge (Foto: privat)

Als sich Karin und Ferdinand kennenlernten, lebte er noch in der Eisernen Lunge (Foto: privat)

Liebe und Behinderung? Jetzt wird’s kompliziert

Solch eine Froschtechnik mag spektakulär sein – erhöht aber nicht unbedingt die Chancen auf dem Kontaktmarkt. Solche und ähnliche Erfahrungen machen viele Schwerbehinderte, die nicht dem „Normalbild“ entsprechen. So auch einst der amerikanische Journalist und Poet Mark O’Brien, der wie Ferdinand an Polio erkrankte und auf die Eiserne Lunge angewiesen war. Für O’Brien, dessen Leben kürzlich verfilmt wurde („The Sessions“), endete die männliche Jungfräulichkeit erst mit 36 Jahren:

„Nachdem sie von der Matratze aufgestanden war, nahm sie einen großen Spiegel aus ihrer Einkaufstasche. Er war ungefähr 60 Zentimeter hoch und hatte einen Holzrahmen. Sie hielt ihn so, dass ich mich darin betrachten konnte, und Cheryl fragte mich, was ich über den Mann im Spiegel dächte. Ich sagte, ich sei überrascht, ich schaue so normal aus, das war nicht ich, den ich mir immer mit dem furchtbar verdrehten und ausgemergelten Körper vorgestellt hatte. Ich hatte meine Genitalien nicht gesehen, seit ich sechs Jahre alt war, als mich die Kinderlähmung getroffen hatte. Sie hatte mich derart verschrumpelt, während die Brust hervorstand, dass eine Sicht auf meinen Unterkörper nicht mehr möglich war. Seither erschien mir dieser Teil ganz und gar unreal.“

Aus Angst vor dem Scheitern fast aufgegeben

Ganz und gar unreal erschien es auch Ferdinand, eine „ganz normale Liebe“ führen zu können. Nach vielen Enttäuschungen hatte er sich gegen eine Beziehung sogar geradezu gesperrt: Jahrelang habe er gedacht, dass für ihn das Glück mit einer Frau keine Option sei. Ferdinand erzählt: „Wenn ich mich als junger Mann in ein nettes Mädchen verliebt hatte, endete das für mich immer enttäuschend, und ich litt schwer darunter. Meist erledigten sich meine zaghaften und ungeschickten Versuche des Anbandelns mit den schrecklichen Worten: Du bist ja ganz nett, aber…“

Echte Liebe – mit Fröschen ist das halt möglich... (Foto: ARD)

Echte Liebe – mit Fröschen ist das halt möglich… (Foto: ARD)

Ferdinand weiter: „Eines Tages, nachdem wieder einmal zarte Bande mit diesen Worten zerstört wurden, bevor sie eigentlich geknüpft waren, beschloss ich, so was nie wieder hören zu müssen“. Ferdinand fand sich damit ab, dass es keine Frau geben würde, die einen Menschen wie ihn lieben könnte und die ihr Leben mit ihm teilen möchte. „Irgendwie schaffte ich es, keine diesbezüglichen Gefühle mehr zuzulassen und hörte im Laufe der Jahre wirklich auf, darunter zu leiden. Eine Beziehung, Partnerschaft oder Ehe war einfach etwas, auf das ich verzichten musste“, bildete er sich ein.

Wenn die Dinge anders kommen als erwartet

Dass er nun seit elf Jahren in einer glücklichen Beziehung mit einer nichtbehinderten Frau lebt, ist für ihn deshalb immer noch wie ein Wunder. Für seine ein Jahr ältere Partnerin Karin Knoll spielt es keine Rolle, ob der Partner ein Handicap hat. „In unserer Beziehung hat Behinderung keinen Platz“, sagt sie. Aber auch: „Dass ich mich einmal in einen Schwerstbehinderten verlieben würde, wäre mir vorher nicht im Traum eingefallen“. Bis zu ihrer Begegnung mit Ferdinand hatte sie noch nie Kontakt mit einem behinderten Menschen gehabt.

Karin war viele Jahre verheiratet. Als ihre Ehe in die Brüche ging, begann sie abends in Netz nach Gesprächspartnern zu suchen, wo sie, wie sie sagt, „dumpfe Anmache und Bla, bla, bla“ erlebte – und Ferdinand traf.

Der erzählt: „Wir begegneten uns im Internet, dieser phantastischen, imaginären Welt, in der erst einmal alle Menschen gleich, anonym und nur ein meist erfundener Name sind. Und doch gibt es spontane Sympathie oder auch Abneigung gegenüber diesen wesenlosen Menschen in Cyberworld. Wenn ich heute darüber nachdenke, so wackelte der erste Stein meiner Mauer wohl schon bei der Begrüßung, als ich mit dem erfundenen Namen ,kleiner frosch‘ den Chatraum betrat und eine ,onnlein‘ mich mit ,hallo Fröschlein‘ empfing.“

Outing, Liebe, Zärtlichkeit

Fast täglich verabredeten die beiden sich im Chat. Bald entstand das Bedürfnis, sich persönlich kennenzulernen. Doch dann die Überraschung: Ferdinand outete sich als Krüppel. Einer, der nur wenige Finger bewegen kann, dessen Aktionsradius von einem elektrischen Rollstuhl limitiert ist. Dennoch wollte Karin ihn besuchen – und hat es nicht bereut: „Seine leuchtenden Augen und seine Lebensfreude haben mich fasziniert. Den Rollstuhl habe ich ganz schnell vergessen.“

Gemeinsam unterwegs: Karin und Ferdinand (Foto: ARD)

Gemeinsam unterwegs: Karin und Ferdinand (Foto: ARD)

Sie besuchte ihn immer öfter und nach wenigen Wochen verspürte sie ein Gefühl, das sie nicht für möglich gehalten hätte: Sie hatte sich verliebt. Bis sie den weitestgehend bewegungsunfähigen Ferdinand in seiner Eisernen Lunge sieht. Da passierte es – sie küsste ihn. Es sei der Beginn einer wunderbaren Beziehung gewesen, ist sich das Paar einig. Und mit Hilfe von Karin gelingt es Ferdinand sogar, sich von der „Eisernen Lunge“ zu befreien:

Ferdinands Liebeserklärung

„Ich übte stundenweise weiter, auch tagsüber. Meine Blutwerte besserten sich deutlich, was mir Mut machte. In der dritten Nacht im Krankenhaus schaffte ich es, mit dem Atemgerät eine Weile durchzuschlafen und durfte nach Hause.

Hier wartete ein kleiner Lichtblick auf mich. Denn es war mir nie vergönnt gewesen, Arm in Arm oder Hand in Hand mit meiner Freundin einzuschlafen. Ich lag ja immer eingesperrt in der eisernen Lunge. Nun konnte ich neben ihr im Bett schlafen, was ein sehr großer Anreiz war, mich an die neue Methode zu gewöhnen. Aber nach über 40 Jahren in einem normalen Bett zu schlafen, ohne schützende Wände drumherum, war enorm schwierig.

Immer wieder wurde ich wach, weil ich dachte, der Deckel der Lunge sei nicht zu oder glaubte, keine Luft zu bekommen. Ich wusste, dass alles nur Einbildung war, aber ich konnte einfach nicht verhindern, dass ich immer wieder nach Luft schnappend und panisch aufwachte. Die Nächte wurden zur Qual, durchschlafen war weder für mich noch für meine Freundin möglich. Einige Male habe ich energisch und zornig von ihr verlangt, sie solle mich endlich wieder in die Lunge legen, ich hätte einfach keinen Bock mehr auf den ganzen Mist. Aber sie lehnte es schlicht und einfach ab: ,Das mach ich nicht, du schaffst das schon!‘

Liebe ist, wenn…

Bis eines Nachts, als ich wieder aufschreckte, Karin aufstand, mir wie immer beteuerte, es sei alles in Ordnung, sich einen Stuhl ans Bett schob, sich hinsetzte und meine Hand nahm. Sonst nichts.

,Was machst du denn jetzt?‘ fragte ich irritiert.

,Ich bleibe jetzt hier sitzen und halte deine Hand, bis du endlich fest einschläfst – und wenn ich die ganze Nacht hier sitze!‘ erklärte sie zwar in sehr freundlichem, aber auch sehr bestimmten Ton. Ich wusste, sie würde tatsächlich stundenlang hier sitzen, ohne zu schlafen. Das wollte und konnte ich ihr nicht antun und von dieser Nacht an wurde es immer besser.

Heute bin ich ,fit wie ein Turnschuh‘, schlafe nachts fest und ausgiebig und bin tagsüber genauso ausgiebig wach und aktiv. Die Ära ,eiserne Lunge‘ ist Vergangenheit…“

Die ganze Welt soll es wissen

„Als wir uns ineinander verliebten, waren wir bereits in einem Alter, wo man nicht mehr wirklich an Familiengründung denkt“, berichtete Karin in der Zeitschrift „inklusiv“ über die Beziehung. „Ein junger, lebensfroher, aber körperbehinderter Mensch jedoch hat unter den heute bestehenden Bedingungen so gut wie keine Chance, dass ein anderer junger, lebensfroher, aber nicht körperbehinderter Mensch sich auf eine Beziehung oder gar ein gemeinsames Leben mit ihm einlässt.“

Karin ist gelernte Drogistin und fand über Umwegen als Angestellte im öffentlichen Dienst ihre berufliche Erfüllung. Sie beschreibt ihr privates Modell, das an das legendäre französische Philosophenpaar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir erinnert: „Ferdinand und ich leben in einer Art ,heimlichen Partnerschaft‘, jeder für sich in seiner eigenen Wohnung, sehen uns aber trotzdem so oft wie möglich. Doch wir verheimlichen unsere Beziehung nicht, wir stehen dazu und wollen ganz bewusst so viele Menschen wie möglich, am besten der ganzen Welt, davon erzählen.“

Die ARD hat den Wunsch erhört. Mit Unterbrechung zwölf Tage lange wurde bei Ferdinand („Die Fernsehleute waren durchweg sehr angenehm und überhaupt nicht anstrengend“) und Karin gedreht. Dabei entstanden 40 Stunden Filmmaterial. 30 Minuten davon zeigt der Sender am Sonntag, 10. November 2013, ab 17:30 Uhr in seiner Reihe „Gott und die Welt“. „Küss mich, Frosch! – Verliebt in einen Schwerbehinderten“ heißt die Filmdokumentation von Max Kronawitter.

(Der Autor, der selbst Polio hat, tauscht sich seit vielen Jahren mit Ferdinand Schießl aus. ROLLINGPLANET berichtete schon einmal über Schießl: Münchner Sozialamt – Schande und Scheinheiligkeit)

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