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Fernbusse: Für Menschen mit Behinderung eine Alternative zur Bahn?

Post, ADAC und mittelständische Firmen wollen bei dem lukrativen Geschäft mitmischen. Wie barrierefrei wird es für die Kunden?

Ende des Jahres wollen der ADAC und die Deutsche Post DHL gemeinsam als ADAC Postbus in den Fernbuslinienmarkt einsteigen (Foto: ADAC)

Ab November wollen der ADAC und die Deutsche Post DHL gemeinsam als ADAC Postbus in den Fernbuslinienmarkt einsteigen (Foto: ADAC)

Der gerade geöffnete Fernlinien-Markt sollte aus Sicht der Busbranche nicht nur zwischen wenigen Großanbietern aufgeteilt werden. „Der Mittelstand darf nicht unter die Räder kommen“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer, Christiane Leonard der Nachrichtenagentur dpa.

Es sei erfreulich, dass sich der Markt seit der weitgehenden Liberalisierung zu Jahresbeginn dynamisch entwickelt habe. „Nach den Ankündigungen von Post, ADAC und National Express müssen wir aber aufpassen, dass sich nicht Oligopole bilden“, betonte der Verband, der nach eigenen Angaben die Interessen von 3000 mittelständischen Busfirmen vertritt.

Barrierefreie Haltepunkte müssen eingerichtet werden

Derweil verlangen die deutschen Kommunen von den Betreibern der Fernbuslinien Investitionen auch in den Ausbau von Busbahnhöfen. „Nach dem Personenbeförderungsgesetz sind die Fernbuslinien-Betreiber gefordert, Haltepunkte einzurichten und barrierefrei auszugestalten, das heißt, sie müssen für diese Infrastruktur aufkommen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus, der „WirtschaftsWoche“.

Stephan Articus, Geschäftsführer des Deutschen Städtetages (Foto: Deutscher Städtetag)

Stephan Articus, Geschäftsführer des Deutschen Städtetages (Foto: Deutscher Städtetag)

Auch der Bund sei gefordert. „Der Bund muss seine Verantwortung für den Fernverkehr wahrnehmen und Finanzhilfen für den Aus-, Um- und Erweiterungsbau für Fernbusterminals ermöglichen.“

Wie barrierefrei ist die geplante Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit klingt gut – doch das kann dauern. Die Busse müssen erst bis 2016 mindestens zwei Plätze für Rollstuhlfahrer haben und entsprechende Einstiegshilfen bieten, erst bis Ende 2019 müssen sie barrierefrei sein (ROLLINGPLANET berichtete). Wie barrierefrei die Gestaltung tatsächlich ausfällt und ob nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Menschen mit anderen Behinderungen (beispielsweise Blinde und Gehörlose) profitieren, ist noch fraglich.

Der Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert  (Foto: Tobias Kleinschmidt dpa/lbn)

Der Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert (Foto: Tobias Kleinschmidt dpa/lbn)

„Barrierefreiheit ist mehr als ein rollstuhlgerechter Zugang. Es geht auch um die Toiletten an Bord und um Barrierefreiheit für seh- und hörbehinderte Fahrgäste. Inakzeptabel ist, dass die Neuregelung nicht für Reisebusse im grenzüberschreitenden Verkehr gelten soll“, kritisierte der „Linke“-Abgeordnete und Vorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland (ABID) Ilja Seifert im Oktober.

Der Rollstuhlfahrer mahnt: „Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde schließlich nicht nur in Deutschland, sondern auch durch das Europäische Parlament ratifiziert. Deswegen müssen auch auf europäischer Ebene Regelungen geändert werden.“

ADAC und Deutsche Post mit gemeinsamem Bus-Riesen

Der Autofahrerclub ADAC und die Deutsche Post haben für November den Start eines gemeinsamen Fernbus-Angebots angekündigt. Auch der britische Branchenriese National Express setzt auf Strecken in Deutschland. Dazu Seifert vor einigen Wochen an die Adresse des ADAC und der Post: „Ein so großes Unternehmen muss jetzt mal in vorbildlicher Weise vorangehen.“

ROLLINGPLANET ergänzt: Die gelben Riesen ADAC und Deutsche Post könnten beispielsweise mit einem speziellen Service für blinde Passagiere zeigen, dass sie nicht nur ein farblich entsprechendes Logo haben, sondern auch gelb (ebenso die Farbe des Blindenzeichens) denken.

Marktführer ist die Deutsche Bahn, die gleichzeitig bundesweit größter Busanbieter ist. Der Staatskonzern prüft, ob er auf den Fernbus-Boom mit einer Ausweitung des eigenen Angebots reagieren will. „Meine Kollegen von DB Fernverkehr prüfen gerade, welche Busstrecken die ICE- und Intercity-Verbindungen der Deutschen Bahn sinnvoll ergänzen könnten“, sagte der Vorstandschef der Bahntochter DB Regio, Manfred Rudhart, der „Wirtschaftswoche“.

Der Markt für nationale Fernbuslinien ist nach jahrzehntelangen Beschränkungen seit 1. Januar weitgehend freigegeben. Beantragt werden müssen Linien aber noch immer. Dabei müssen Haltestellen 50 Kilometer voneinander entfernt sein. Das soll verhindern, dass Fernbusse Routen im öffentlich mitfinanzierten Nahverkehr ansteuern.

(RP/dpa)

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