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Fielmann, guck mal: Das ist eine echte Brillen-Revolution

Für ROLLINGPLANET ist er der Lehrer des Jahres – Martin Aufmuth sorgt mit einer Holzbox für Furore in Entwicklungsländern. Von Klaus Tscharnke

Der Realschullehrer Martin Aufmuth fertigt an seiner selbst entwickelten tragbaren Optik-Werkstatt ein Brillen-Gestell (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Der Realschullehrer Martin Aufmuth fertigt an seiner selbst entwickelten tragbaren Optik-Werkstatt ein Brillen-Gestell (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Wenn Innocent mit seiner hölzernen Box in die Dörfer des Kicukiro-Distrikts fährt, steht seine Kundschaft meist schon Schlange. Denn der junge Ruander verspricht, worauf viele in den Dörfern der Region teils schon jahrelang warten: Endlich wieder gut sehen zu können.

Innocent ist ein „fliegender Optiker“ und versorgt seit ein paar Monaten seine Landsleute in der Umgebung mit Brillen – und zwar zu Preisen, die sich auch Ärmere leisten können. Alles was er dazu braucht, steckt in der robusten Holzbox – einer tragbaren Optiker-Werkstatt, mit der er vor Ort seine Brillen herstellt.

Solche fliegenden Optiker schwärmen inzwischen nicht nur in Ruanda aus, sondern bieten die preiswerten Brillen auch in einigen Regionen Burkina Fasos, Ugandas und Malawis an. Und immer fällt dabei ein Name – der von Martin Aufmuth.

Im Waschkeller seines Reihenhauses entwickelt

Denn der 39 Jahre alte Realschullehrer war es, der die tragbare Optik-Werkstatt im Waschkeller seines Erlanger Reihenhauses in Bayern entwickelt hat; die damit herzustellenden „Ein-Dollar-Brillen“ sorgen derzeit in afrikanischen Ländern und in Bolivien für Aufsehen.

Martin Aufmuth präsentiert seine  "Ein-Dollar-Brille". Mit seiner tragbaren Werkstatt will der 39-Jährige in Entwicklungsländern Menschen mit Sehbehinderung helfen. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Martin Aufmuth präsentiert seine „Ein-Dollar-Brille“. Mit seiner tragbaren Werkstatt will der 39-Jährige in Entwicklungsländern Menschen mit Sehbehinderung helfen. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Ein "fliegender Optiker" in  Ruanda (Afrika) fertigt eine "Ein-Dollar-Brille" (Foto: Martin Aufmuth/ OneDollarGlasses/dpa)

Ein „fliegender Optiker“ in Ruanda (Afrika) fertigt eine „Ein-Dollar-Brille“ (Foto: Martin Aufmuth/ OneDollarGlasses/dpa)

Auch hat das Projekt bereits erste internationale Auszeichnungen erhalten. So gewannen Studenten der TU München, die dafür Geschäftsmodelle entwickelten, Anfang Oktober im mexikanischen Cancun den ersten Preis des weltweiten Studentennetzwerks Enactus. Außerdem ist Aufmuths „Ein-Dollar-Brille“-Projekt für den von Siemens ausgelobten „Empowering People Award“ nominiert.

Auch Christoffel-Blindenmission ist begeistert

Mit Interesse verfolgt auch die Christoffel-Blindenmission (CBM) im südhessischen Bensheim das Erlanger Projekt. Die Hilfsorganisation, die Menschen mit Behinderungen in den Entwicklungsländern unterstützt, hat inzwischen Kontakt zu dem Verein aufgenommen.

„Wir haben vor zwei Wochen erste Gespräche mit den Initiatoren geführt. Wir finden das Projekt fantastisch, auch wenn die CBM natürlich eher mit schweren Augenerkrankungen zu tun hat“, sagt CMB-Sprecher Peter Liebe.

Wie die Produktion funktioniert

Aufmuths Erfindung besteht im Wesentlichen aus einer Biegevorrichtung. Auf einer mit Präzisionswerkzeugen bestückten quadratischen Stahlplatte lässt sich spezieller Federstahldraht in Minutenschnelle zu einer einfachen, aber haltbaren Brille formen.

Die aus China gelieferten Brillengläser werden ohne Werkzeug in die halboffenen Brillenfassungen eingeklickt. Eine Plastikbox mit Brillengläsern in 24 verschiedenen Sehstärken gehört genauso zur Ausstattung der tragbaren Optiker-Werkstatt wie Federstahldraht und Schrumpfschläuche für den Nasenbügel.

Was Aufmuth von Anfang an wichtig war: „Die Brillen müssen rein mechanisch und ohne Strom hergestellt werden können. Und sie müssen billig sein“. Den reinen Materialwert der Brille beziffert der Erlanger Tüftler mit 75 US-Cent. Hinzu kämen Transportkosten, Zölle und die Arbeitskraft des angelernten Brillenmachers.

Bewerber werden sorgfältig ausgewählt

Der Verkaufspreis hänge von der Kaufkraft des jeweiligen Landes ab. „In Ruanda verkaufen wir die Brillen für rund fünf Dollar, in Burkina Faso sind sie etwas günstiger“, erläutert Aufmuth. Der Tagesverdienst eines fliegenden Optikers liege in Ruanda bei zwei bis vier Dollar.

Viel Wert legt Aufmuth auch auf die sorgfältige Auswahl der Bewerber. Voraussetzung für eine Teilnahme an einem der vierzehntägigen Kurse sind neben einer fundierten Schulausbildung auch Zuverlässigkeit und Sorgfalt.

Die "Ein-Dollar-Brille" auf der von Martin Aufmuth selbst entwickelten tragbaren Optik-Werkstatt. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die „Ein-Dollar-Brille“ auf der von Martin Aufmuth selbst entwickelten tragbaren Optik-Werkstatt. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Um das Know-how landesweit zu verbreiten, sollten die Bewerber zudem aus verschiedenen Landesteilen stammen. Meist erhält von den im Schnitt 20 Lehrgangsteilnehmern ein Drittel die Zulassung, als fliegende Optiker zu arbeiten. Ein Teil von ihnen wird als Trainer für den Optikernachwuchs fortgebildet.

Wissen soll rasch weitergegeben werden

Um Pfusch zu verhindern, bestehen Aufmuth und der von ihm inzwischen gegründete Verein „EinDollarBrille“ auf einer regelmäßigen Qualitätsprüfung. Jeder der von ihm persönlich oder seinen Trainern ausgebildete Optiker muss zunächst Muster zur Prüfung nach Erlangen schicken.

Erst mit dem vom Verein ausgestellten Zertifikat erhält er das Recht, die Brillen zu verkaufen. Derzeit sind etwa 30 fliegende Optiker in Ruanda, Burkina Faso, Uganda und Bolivien im Einsatz. Im Schneeballsystem soll sich das Optikerwissen in den nächsten Jahren ausbreiten. Projekte sollen demnächst auch in Äthiopien, Malawi, Indonesien und Nicaragua starten.

(dpa)

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