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Filmfestival Max Ophüls Preis: „Diskriminierung hat Programm“

Menschen mit Behinderung werfen den Veranstaltern vor, das Thema Inklusion zu ignorieren.

Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken (Foto: Sebastian Woithe)

Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken (Foto: Sebastian Woithe)

Das Filmfestival Max Ophüls Preis wurde 1980 ins Leben gerufen. Es findet jährlich in Saarbrücken für Nachwuchsfilmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz statt, das nächste Mal vom 20. bis 26. Januar 2014. Für Experten ist es eines der wichtigsten Foren für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm – Menschen mit Behinderung beklagen jedoch schon seit langem vehement die fehlende Barrierefreiheit der Veranstaltung. ROLLINGPLANET dokumentiert stellvertretend die Kritik des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (Krautheim). Wir haben die Festivalleitung um eine Stellungnahme gebeten, die wir veröffentlichen, sobald diese vorliegt.

„Ansprüche und Rechte behinderter Menschen werden ignoriert“

Auch beim 35. Filmfestival Max Ophüls Preis steht die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung auf dem Programm. Behindertenverbände und Interessenvertreter bemängeln seit Jahren die fehlende Barrierefreiheit, obwohl diese für die Landeshauptstadt wichtigste Kulturveranstaltung mit öffentlichen Geldern in Höhe von 419.000 Euro, darunter 90.000 Euro von der Landesregierung, gefördert wird.

Im Koalitionsvertag der Landesregierung wurde „die Förderung von Chancengleichheit und dadurch gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben als Ziel im Sinne der UN- Behindertenrechtskonvention“ vereinbart.

Das bedeutet, dass bei Kulturveranstaltungen wie dem Filmfestival Max Ophüls Preis alle geeigneten Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Menschen mit Behinderungen die uneingeschränkte Teilnahme an solchen Veranstaltungen zu ermöglichen.

Dennoch werden die Ansprüche und Rechte betroffener Menschen ignoriert. Weder sind alle Veranstaltungsorte noch die Filmfassungen für Menschen mit Behinderungen zugänglich.

Zwei der Festivalorte sind wegen Treppenstufen für mobilitätseingeschränkte Menschen, also Rollstuhl- oder Rollatorbenutzer, überhaupt nicht zugänglich. Audiodeskriptionen aller Filme für blinde Menschen und Untertitelung für gehörlose Menschen werden beim 35. Filmfestival Max Ophüls Preis nicht angeboten.

Die Kinos 8 ½ und Cinestar sind zwar für mobilitätseingeschränkte Menschen zugänglich, aber aufgrund der räumlichen Ausstattung nur eingeschränkt nutzbar: das Kino 8 ½ verfügt über 4 Plätze für Rollstuhlfahrer, zeigt allerdings nicht alle Wettbewerbsfilme. In den Kinosälen des Cinestars endet der barrierefreie Zugang auf einer Abstellfläche für lediglich einen Rollifahrer oder Rollatorbenutzer.

Bereits im vergangenen Jahr wurde diese Diskriminierung deutlich: 13 Prozent der Menschen im Saarland sind schwerbehindert. Von den 34.000 Festival-Zuschauern konnten aber lediglich 225 Menschen mit Mobilitätsproblemen am Festival teilhaben. Das entsprach einer Quote von 0,6 Prozent.

Die Forderungen der Behindertenverbände und der Interessenvertreter sind eindeutig: Im Sinne des Artikel 30 der UN-Behindertenrechtskonvention muss bei einer öffentlichen Veranstaltung wie dem Filmfestival Max Ophüls Preis die Teilhabe von Menschen mit Behinderung gewährleistet sein. Im Klartext heißt das, dass alle Filme als Zulassungsvoraussetzung für eine Wettbewerbsteilnahme mit Untertitelung und Audiodeskriptionen angeboten werden und als Austragungsorte grundsätzlich nur solche Räumlichkeiten in Betracht zu ziehen sind, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen einen stufenlosen Zugang bieten sowie großzügige Stellplatzflächen für Rollstuhlbenutzer bieten.

Das Filmfestival Max Ophüls Preis erfüllt diese Ansprüche nicht und diskriminiert weiterhin Menschen mit Behinderung.

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3 Kommentare

  • Molli

    Gab es da nicht auch ein Filmfestival von der Aktion Mensch, wo es ähnliche Beschwerden gab?

    17. Januar 2014 at 10:12
  • Sammy

    ich habe das Cinemax in SB bei der Kinopremiere unseres Sohnes kennengelernt und kam mir noch nie so ausgegrenzt vor:
    nicht, dass man oben links an der Wand steht, nein, in 1m Abstand wurde eine Brandschutzmauer errichtet die einem die Sicht auf die Leinwand einschraenkt, eine ev. Begleitperson sitz vor einem eine Treppe tiefer
    auch wenn der Platz nach mittlerweile veralteten Vorschriften errichtet wurde, er ist in heutiger Zeit absolut untragbar und er ist auch der Grund, dass wir zur naechsten Premiere am 1.2. nicht hinfahren werden

    17. Januar 2014 at 10:32
  • Elisabeth Wirthensohn

    „Bereits im vergangenen Jahr wurde diese Diskriminierung deutlich: 13 Prozent der Menschen im Saarland sind schwerbehindert. Von den 34.000 Festival-Zuschauern konnten aber lediglich 225 Menschen mit Mobilitätsproblemen am Festival teilhaben. „—Nun, von diesen 13 Prozent Schwerbehinderter im Saarland sind wie vieviele „in der Mobilität“ eingeschränkt, nutzen einen Rollator und/oder Rollstuhl?–Wieviele in der Mobilität eingeschränkte Menschen im Saarland leben in Einrichtungen, haben keine Bekleitperson noch monitäre Mittel, z.B. auch keine Assistenz, um nach Saarbrü+cken zu kommen:–Schlecht recherchiert, befürchte ich.

    16. Februar 2017 at 14:27

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