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Finanzielles Desaster: Was nun, Deutscher Gehörlosen-Bund?

ROLLINGPLANET-Interview mit DGB-Präsident Rudolf Sailer zu den massiven Problemen seines Verbandes.

Rudolf Sailer ist seit 2009 Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V. (Foto: DGB)

Rudolf Sailer ist seit 2009 Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V. (Foto: DGB)

Wie ROLLINGPLANET meldete, steht der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. (DGB) vor dem finanziellen Kollaps – auf der Jahreshauptversammlung vom 25.-27. Oktober in München wurden die Probleme offenbar, es kam zu einem Paukenschlag: Der Vorstand wurde nicht entlastet, die Wahl des höchsten Gremiums um ein Jahr verschoben.

Nun nimmt auf ROLLINGPLANET der seit 2009 amtierende Präsident Rudolf Sailer (zuvor war er seit 2002 Vize) Stellung zu dem Thema. Auch im ROLLINGPLANET-Interview kann der 63-jährige Betriebswirt, der das Amt ehrenamtlich ausübt, jedoch – wie schon auf der Jahreshauptversammlung – immer noch nicht die genaue Höhe des Fehlbetrags nennen, mit dem sein Verband kämpft.

Dem DGB sind laut eigenen Aussagen 600 Vereine und 30.000 Mitglieder angeschlossen. Sailer (wurde taub geboren) gibt sich kämpferisch – er sieht die Krise als Chance und kündigt an, sich zur Wiederwahl stellen zu wollen.

Interview mit Rudolf Sailer: „Die Bundesregierung hat die Gehörlosen vergessen“

Archivfoto: Pressekonferenz des Deutschen Gehörlsen-Bundes in Berlin anlässlich der Gebärdensprach-Demo, 2.v.r. (stehend): Präsident Rudolf Sailer) (Foto: Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)

Archivfoto: Pressekonferenz des Deutschen Gehörlsen-Bundes in Berlin anlässlich der Gebärdensprach-Demo, 2.v.r. (stehend): Präsident Rudolf Sailer) (Foto: Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)

Ist der DGB aktuell noch handlungsfähig?

Ja, der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. ist noch handlungsfähig. Die laufenden Projekte werden bearbeitet, das Präsidium ist aktiv, das Personal arbeitet, die Gehälter werden ausgezahlt. 
 


Niemand bestreitet, dass der DGB sehr engagiert ist. Hat es bisher, wie ROLLINGPLANET schrieb, zu viele Idealisten, aber zu wenig kühle Rechner in Ihrem Verband gegeben?

Idealismus ist gut, aber natürlich muss man dabei auch rechnen. Es ist in der Tat sehr schwierig, den hohen Ansprüchen an unsere Arbeit gerecht zu werden. Das Präsidium ist ehrenamtlich tätig. Uns fehlt die Unterstützung durch eine ständige Finanzkommision, die das Controlling übernimmt und den Vorstand in der Planung berät sowie den Haushaltsplan mit unterstützt. Die Personaldecke ist dünn, die Mittel projektgebunden, der Vorstand hat auch noch einen Erwerbsberuf.

Nach der Jahreshauptversammlung waren einige verwundert, dass Ihre Stellvertreterin Christine Linnartz
mit einem Video der Öffentlichkeit erklärte, warum der Vorstand nicht entlastet wurde. Wieso sind Sie nicht selbst vor die Kamera getreten?

Das ist nicht verwunderlich, sondern Teamwork und Aufgabenteilung. Christine ist die Vizepräsidentin und sie hat den Videobeitrag umgehend aufgenommen, weil wir rasch reagieren wollten. Ich hätte auf der Bundesversammlung gar nicht die Zeit dafür gefunden, für einen Videobeitrag vor die Kamera zu treten. Ich stehe aber für ein Interview mit „Sehen statt Hören“ bereit.

Wie hoch ist der Fehlbetrag, mit dem der DGB zu kämpfen hat?

Die genauen Zahlen kennen wir hoffentlich in Kürze. Das Problem ist ja gerade, dass keine belastbaren Zahlen gesichert sind. Daher möchte ich mich heute nicht näher dazu äußern, sondern die Ergebnisse abwarten.

Wie konnte es zu der finanziellen Schieflage kommen?

Einerseits sind dafür die Kulturtage verantwortlich, die Kosten waren definitiv zu hoch. Die Kulturtage sind leider jedes Mal ein Problem, hier müssen andere Lösungen her.

Andererseits ist der Wunsch nach aktiver Mitwirkung und Beteiligung durch ein aktives Präsidium und engagierte Beauftragte und die Teilhabe am politischen Willen schwierig zu finanzieren. Das betrifft beispielsweise die Mitwirkung am Staatenbericht zur UN-Konvention und und BRK-Allianz in Berlin. Außerdem gab es 2011 noch Kürzungen auf Projekte, sodass der DGB noch mehr Eigenmittel als ohnehin nötig aufbringen musste.

Und die Ausgaben für Gebärdensprachdolmetschereinsätze sind ein Problem. In den Jahren 2010-2013 hatten wir Kosten für Gebärdensprachdolmetscher in Höhe von 25.000 EUR. Unsere Bemühungen für ein Dolmetscherbudget für Bürgerschaftliches Engagement wurden bislang stets abgelehnt. Das Ehrenamt schaut in die Röhre. Die Bundesregierung hat 2013 mit einem Gesetz die Arbeit der Ehrenamtlichen gestärkt, aber dabei die Gehörlosen vergessen – gleichberechtigte Teilhabe ist so nicht möglich.

Fehler sind menschlich. Welche würden Sie persönlich im Nachhinein vermeiden?

In Bezug auf die Kulturtage wäre dringend ein hauptamtliches internes Kontrollsystem nötig gewesen, das innerhalb des Organisationsteams die Einnahmen und Ausgaben prüft und eine Budgetkontrolle vornimmt. Dann wären Frühwarnsignale möglicherweise erkannt worden und man hätte noch gegensteuern können. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie für die kommenden Monate geplant, um die Situation in den Griff zu kriegen?

Zunächst muss der Auftrag der Bundesversammlung erfüllt sein, das belastbare Zahlenmaterial zusammenzutragen und gemeinsam mit der 7köpfigen Finanzkommission Klarheit zu gewinnen für die weiteren Handlungsschritte. Es werden alle Kostenpositionen überprüft und nach Einsparmöglichkeiten sowie Möglichkeiten zur Stabilisierung der Finanzen gesucht.
 


Der DGB hat schon seit Jahren mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Warum werden die erst jetzt so richtig angepackt?

Wir sind ein großer Bundesverband und die Interessenvertretung für 80.000 gehörlose und andere hörbehinderte Mitbürger. Wir bekommen im Jahr aber nur 62.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen, zusätzlich die Beiträge 150 Fördermitglieder in Höhe von 8.000 Euro. Unter den Fördermitgliedern gelang uns ein Zuwachs von 100% im Zeitraum 2009 bis 2013.

In der Vergangenheit wurde versucht, auf verschiedenen Wegen an Finanzmittel zu kommen. Das hat nicht so geklappt wie gewünscht und erhofft. Wir müssen unsere finanziellen Strukturen anders angehen. Wir verfügen nur über eine extrem schmale Finanzdecke. Es müssen neue Lösungen her.

Können Sie uns mehr zu der Kommission sagen, die nun in den kommenden Monaten Ihre Arbeit begleiten soll? Wer sind die Mitglieder, wie wird das in der täglichen Verbandsarbeit aussehen?

Die Kommission besteht aus 7 Mitgliedern: Dem Ehrenpräsidenten Dr. Uli Hase, drei Vorständen aus Landesverbänden (Frank Köllen aus NRW, Ralph Raule aus Hamburg und Wolfgang Reiner aus Baden-Württemberg) sowie vom DGB-Vorstand Alexander v. Meyenn, dem Schatzmeister Edgar Brandhoff und meiner Wenigkeit.

Die Kommission wird am 22. November zusammentreffen und das weitere Vorgehen beratschlagen. Die Kommission wird vor allem die Erstellung eines Sanierungsplans zum Abbau von Defiziten und den Aufbau neuer Finanzstrukturen im DGB begleitend unterstützen.

Beobachter sagen, dass es auch ein Problem ist, dass es drei Verbände für gehörlose Menschen gibt. Gibt es da eine Vision eines Zusammenschlusses?

Welche drei Verbände meinen Sie? DSB, DG und DGB? Der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB) hat kein Interesse an der Gebärdensprache, hier ist keine Lobby für die Gebärdensprache zu erwarten. Die Deutsche Gesellschaft ist ein Dachverband, der eine sehr wichtige und wertvolle Arbeit leistet und die Vernetzung der verschiedenen Verbände und ihrer unterschiedlichen Interessen voranbringt. Sie ist der Dachverband aller Verbände, die irgendetwas mit Hören und Kommunikation zu tun haben.

Die Unterstützung des DGB durch die DG hat ihr Vorsitzender Dr. Uli Hase nicht zuletzt auf der BV betont und zugesichert. Aber ob es sinnvoll und wünschenswert ist, dass die DG die ausschließliche Interessenvertretung der gehörlosen und anderer gebärdensprachlich ausgerichteter Menschen mit Hörbehinderung sein sollte, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten.

Pessimismus ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Was macht Sie trotz allem optimistisch?

Meine Parole ist und war immer: optimistisch bleiben und die Barrieren überwinden. Manchmal lautet das Motto auch: „Aus der Krise schafft man neue Chancen.“ Das wollen wir tun. Im Interesse der tauben Menschen und für eine Lobby für Gebärdensprache und die aktive Teilhabe Gehörloser und anderer Menschen mit Hörbehinderung.

Werden Sie sich in einem Jahr zur Wiederwahl stellen?

Wenn ich das Vertrauen von der Basis und der Mehrheit Landes- und Fachverbände noch habe, stelle ich mich zur Wiederwahl.

Vielen Dank für das Interview.

(RP/Die Fragen und Antworten wurden per E-Mail ausgetauscht.)

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8 Kommentare

  • Christiane

    Warum hat denn der DGB so geringe Einnahmen? Wenn jedes Mitglied 20 Euro im Jahr zahlt, wäre mehr als genug Geld da. Mit 70.000 Euro Jahresbudget kann man natürlich keinen Bundesverband führen, wenn davon auch noch Dolmetscherkosten und Personal finanziert werden muss.

    Andere Vereine haben unter anderem auch Einnahmen durch Erbschaften. Wieso vererben die gl Mitglieder nichts an ihren Verein? Verstehe ich alles nicht.

    6. November 2013 at 22:20
  • Henry

    Ich finde es befremdlich, wenn sich ein Vereinsvorstand, der seit 2009 im Amt ist, sich hinstellt, und die Verantwortung für den Job, den er übernommen hat, stets von sich schiebt – ehrenamtliche Tätigkeit hin oder her.

    Seit Jahren ist der DGB wegen finanziellen Schwierigkeiten in der Schusslinie. Nun, wo sich die Lage durch das finanzielle Desaster der Kulturtage hinzuaddiert hat und die grundsätzliche Finanzproblematik des DGB nicht mehr kaschiert werden konnte, sind die Kulturtage und die Dolmetschkosten dafür verantwortlich – ach, und natürlich die staatlichen Stellen, die ja nicht mehr so stark unterstützen.

    Wie kann sich ein Vorstand, der seit 4 Jahren tätig ist, hinstellen und allen ernstes erklären, dass kein belastbares Zahlenmaterial vorliegt – und es geht kein Aufschrei durch die Mitglieder des DGB? Es ist der verdammte Job des Vorstands, dafür zu sorgen, dass stets belastbare Zahlen vorliegen. Es ist ja grade der Vorwurf der Kritiker des aktuellen Präsidiums, dass diese keinen Plan hat und den Verein quasi im Blindflug steuert. Wenn ich keine belastbaren Zahlen habe, wie kann ich denn da über Ausgaben entscheiden wollen? Und das von einem Betriebswirt. Und dann argumentiert das Präsidium, dass es die aktuelle Situation als Chance sieht, um all das aufzuarbeiten? Wie soll das funktionieren? Ein Vorstand, der dafür verantwortlich ist, keinen Überblick zu haben, soll nun alles besser machen? Mir erschließt sich diese Logik nicht. Aber ich bin ja auch nicht gehörlos.

    7. November 2013 at 12:26
  • Karlheinz Hundhausen

    Nun hat der DGB leider zugeben müssen, dass die Kassenbilanz schnelle „Schreihälse“ provozierte. Es ist so, dass der DGB bei jeder jährlichen Bundestagung die Projekte vorgestellt hatte. Waren da die „Schreihals“-Vertreter ehrlich und „blind“? Jedes Projekt wird genau abgewogen und vor allem die Zusagen der Finanzierung ist die Basis. Es wäre zu wünschen, dass die eingesetzte Kommission mit erstrebenswerten Lösungswegen zur positiven Wende beitragen können. Es ist auch eine verdammte Selbstverständlichkeit für ALLE, sich in guten und schlechten Momenten unbedingt solidarisch zu benehmen. Wir sind eine Minderheit, wir lassen uns nicht treiben, wir stehen gemeinsam durch.

    7. November 2013 at 17:49
  • Hartmut Teuber

    Die Finanzierung von nur Mitgliedern reicht nie aus. Da muss von vorn herein schon festgestellt werden.

    Andere Einnahmequellen muessen gesucht werden: Spenden, nicht nur von tauben Menschen, sondern auch von Hoerenden, vor allem von denen die beruflich und persoenlich mit tauben Menschen zu tun haben, Betrieben, die taube Personen beschaeftigen, Stiftungen. Denkt an Weihnachtsgeschenk! Dienst- und Produktionsunternehmen sollen geschaffen werden, die Gewinne dem Verband einbringen, Wohltaetigkeitsveranstaltungen (Musikkonzert?) und Versteigerungen von Waren, die von Geschaeften und Betrieben gespendetet sind.

    Endowment muesse eingerichtet werden.

    8. November 2013 at 14:45
  • DDR

    Ihr könnt den dortigen Forum verfolgen.

    http://www.gl-cafe.de/viewtopic.php?f=123&t=51283&start=100

    8. November 2013 at 20:22
  • Peter Funke

    DGB hat hohe Finanz Kollaps. Warum habt Ihr noch weiter Spenden „betteln“ ?
    Es muss zuerst fehlende Belege „Säubern“ und wird alles erklären!
    Die DGB Vorstandsmitglieder haben völlig versagt!

    8. November 2013 at 20:57
  • Hartmut

    Natuerlich muss der DGB offenlegen, wie das geschieht. Nichts darf vertuscht werden. Das Problem muss untersucht werden und Prozeduren mit Kontrollen muessen erstellt und befolgt werden.

    Offensichtlich Mismanagement geschah, wenn mehr als zwei Personen finanzielle Entscheidungen machen, z.B. Ausgaben genehmigen ohne zu wissen, ob Geld dafuer vorhanden ist. Die Ausgaben fuer die Gross-Demo in Berlin and Kulturtage waren als unabdingbar und notwendig angesehen und auf kommenden Einkommen vertraut, die die Kosten begleichen konnten.

    Jedoch soll man spenden, um die anstehenden Schulden schneller zu begleichen. Ich kann nicht vorstellen, dass die Investigationen nicht weitergehen wuerden.

    9. November 2013 at 11:10
  • Gerhard John

    Der Deutschen Gehörlosen Bund hat sehr viel getan für aller Gehörlosen ,, ca. 80 000 und jedoch nach DGB Angaben also 30 000 Mitglieder , nach meiner Meinung sollen 80 000 Gehörlosen pro Monat 1,50 € zahlen an DGB . Da wäre die Welt beim DGB längst in Ordnung. Wo ist das Problem ?

    10. November 2013 at 15:17

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