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Flower Power, ein Fahrrad und die „Atombombe des Geistes“

ROLLINGPLANET präsentiert heute Blumen, Hippies und einen kalten Truthahn. Grund ist ein Jubiläum: Vor 70 Jahren gab es den weltweit ersten LSD-Trip.

Kann das gut gehen? Ein Professor auf seinem Fahrrad... (Illu: Kawa)

Kann das gut gehen? Ein Professor auf seinem Fahrrad… (Illu: Kawa)

Lassen Sie uns etwas psychedelisch-kryptisch durch die Galaxy reisen. Stimmen Sie uns zu, dass ein Fahrrad zwingend zum ROLLINGPLANETen gehört? Dann ist das schon mal ein guter Anfang.

Auch wenn Sie uns jetzt als naive Romantiker belächeln: Einige aus unserer Redaktion vermissen das Lebensgefühl der 1968er. Where Have All the Hippies Gone, fragen wir uns. Give peace a chance und all das? Weg ist das und kommt nie wieder.

Facebook statt Woodstock, UN-Behindertenrechtskonventions-Krampf statt Freiheitskampf à la Che Guevara, Redaktionssitz: München im Freistaat Bayern statt Freistadt Christiana. Das sollte reichen, um zu erklären, warum wir uns ein getränktes Löschpapier wünschen, das uns ganz schnell ins Delirium versetzt.

Der Vater des LSD

Albert Hofmann, 2006 im Alter von 100 Jahren

Albert Hofmann, 2006 im Alter von 100 Jahren

Werden wir wieder nüchtern. Es waren gerade mal 250 Mikrogramm, weit weniger als ein Pfefferkörnchen. Doch die Wirkung der weiß-kristallinen Substanz, die Albert Hofmann vor 70 Jahren im Labor der Basler Pharmafirma Sandoz einnahm, war gewaltig.

Sie begann mit Schwindel, Angstgefühl und Lachreiz, wie der Forscher am 19. April 1943 um 17.00 Uhr notierte. Dennoch setzte er sich aufs Fahrrad und strampelte nach Hause, wo er auf dem Sofa einen unglaublichen Rausch fantastischer Wahrnehmungen erlebte. Der Selbstversuch des Professors war der weltweit erste Trip mit Lysergsäurediethylamid, besser bekannt als LSD – die halluzinogene „Wunderdroge“ der Hippies.

Anhänger von LSD feiern den 19. April selbst heute noch vereinzelt als „Bicycle Day“ (Fahrradtag). Obwohl die Substanz längst verboten ist und Bewusstseinsforscher wegen der potenziell in den Wahnsinn treibenden Wirkung von einer „Atombombe des Geistes“ warnten.

Popkultur der 1960er Jahre

Jimmi Hendrix auf dem legendären Woodstock-Festival 1969 (Foto: Kingsacadamy)

Jimmi Hendrix auf dem legendären Woodstock-Festival 1969 (Foto: Kingsacadamy)

Enorme Popularität erlangte der Stoff, den Hofmann mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aus dem Getreidepilz Mutterkorn (auch Tollkorn oder Roter Keulenkopf) erzeugt hatte, durch die Popkultur der Flower-Power-Bewegung der 60er Jahre.

Etliche Stars der Szene experimentierten mit LSD. Zum Guru der Modedroge wurde der US-Psychologe und Harvard-Professor Timothy Leary, der ihre „bewusstseinsläuternde Wirkung“ pries und die Freigabe forderte. Der Schriftsteller Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) ließ sich LSD 1963 noch ans Sterbebett bringen. Auch der Maler Andy Warhol soll sich mit Acid (Säure), wie der Stoff damals weithin genannt wurde, die Horizonte vor dem geistigen Auge erweitert haben.

Live-Aufnahmen der Doors sollen erst nach dem LSD-Lutschen so richtig schön rauschhaft ausgefallen sein. Brian Wilson von den Beach Boys, Jefferson Airplane und natürlich Jimi Hendrix werden zu den frühen Acid-Anhängern gezählt. John Lennon mochte noch so oft dementieren: Fans sahen im Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ wegen des psychodelisch anmutenden Textes und des mit LSD abkürzbaren Titels eine Hymne auf die Hofmann-Droge, von der schon ein paar Millionstel Gramm die Sinnesorgane aufpeitschen.

Aus dem Medikament wurde nichts

Lange vor den Blumenkindern in San Francisco hatte der US-Geheimdienst CIA mit LSD experimentiert, das von 1949 an für einige Jahre von Sandoz zur psychiatrischen Behandlung unter der Bezeichnung „Delysid“ vertrieben worden war. Damit sollten auch geistig behinderte Menschen therapiert werden. Auch Russlands KGB soll sich von dem Mohnkorn-Medikament die Wirkung einer Wahrheitspille versprochen haben. Testpersonen dürften jedoch kaum Realitätsnahes von sich gegeben haben.

Hofmann erlebte – seinem Bicycle-Day-Protokoll zufolge – „unerhörte Farben- und Formenspiele“ hinter geschlossenen Augen. Darunter kaleidoskopartig sich verändernde bunte Fantasiegestalten, umherfliegende Möbel und eine eigentlich nette Nachbarsfrau, die ihm nun als „bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze“ erschien. Zudem hätten sich Geräusche ständig in optische Empfindungen mit wechselnden farbigen Bildern verwandelt.

Begegnung mit der Wahrheit

Flower-Power-Bus: Bestimmt nicht behindertengerecht, aber wo Liebe statt Deutsche Bahn ist, lässt sich das verschmerzen (Foto: Popmatters)

Flower-Power-Bus: Bestimmt nicht behindertengerecht, aber wo Liebe statt Deutsche Bahn ist, lässt sich das verschmerzen (Foto: Popmatters)

Was im LSD-Rausch abläuft, erklärte Hofmann 2006 im „taz“-Interview zu seinem 100. Geburtstag so: „Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Jedoch kritisierte der Chemiker, der 2008 im Alter von 102 Jahren starb, die leichtfertige „typisch amerikanische“ Art, in der Leary und andere LSD-Jünger den Stoff propagiert hatten.

Der Entdecker, der bei seinen Mutterkorn-Experimenten eigentlich nur auf der Suche nach einer Kreislaufstimulanz war, hoffte stets auf einen breiten Einsatz von LSD in der Medizin. Dazu gab es – auch in jüngster Zeit – immer wieder Ansätze. Etwa in der Psychiatrie, bei der Behandlung von Alkoholsucht oder bei der Linderung der Leiden von Krebskranken im letzten Stadium.

Welchen Horrortrip wählt ROLLINGPLANET?

Den großen Durchbruch in der Medizin gab es aber bislang nicht. Aus der illegalen Drogenszene ist LSD – abgesehen von einem kurzen Comeback auf der Rave-Welle der 90er Jahre – weitgehend verschwunden. Wohl auch, weil die Macht der „Atombombe des Geistes“ schon in geringsten Menge einfach als zu schwer kontrollierbar erscheint. So hallen immer noch schaurige Geschichten über „Horrortrips“ nach, bei denen LSD-User sich als Vogel im Flug wähnten – und in den Tod stürzten.

Leute, wir werfen uns nun so ein ganz, ganz kleines Portiönchen LSD ein und rollen auf die Straße, stellen uns vor, wie wir uns aus dem Rollstuhl erheben und laufen können. Und falls wir uns dabei das Genick brechen – was soll’s: Lucy wird im Himmel auf uns warten. Auf jeden Fall immer noch besser, als, sagen wir mal, uns einen Horrortrip mit der Deutschen Bahn zu gönnen.

(RP/Thomas Burmeister, dpa, Foto Hofmann: Wikipedia/Stepan. Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany license.)

Und hier ist der versprochene kalte Truthahn

(Cold Turkey bezeichnet Drogen-Entzugserscheinungen)

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1 Kommentar

  • Angelika Stoof

    ein nicht zu feierndes Jubiläum denn in der Medizin hat es doch nichts gebracht

    19. April 2013 at 11:03

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