""

Forscher bekämpfen Aids-Erreger mit molekularer Schere

Experten sprechen von einer vagen Hoffnung auf Heilung. Für die nötigen klinischen Studien am Menschen aber fehlt Geld. Von Simona Block

Aids-Forscher (v.l.n.r.): Frank Buchholz (MPI Dresden), Ilona Hauber und Joachim Hauber (beide HPI Hamburg). (Foto: HPI)

Aids-Forscher (v.l.n.r.): Frank Buchholz (MPI Dresden), Ilona Hauber und Joachim Hauber (beide HPI Hamburg). (Foto: HPI)

Lichtblick in der Aids-Forschung: Mehrere mit dem HI-Virus infizierte Labormäuse wurden wieder gesund. Experten entfernten den tödlichen Erreger weitestgehend aus den Tieren – mittels Biomedizin.

Molekularbiologen am Universitäts KrebsCentrum (UCC) der Medizinischen Fakultät der TU Dresden züchteten dafür über Jahre ein Enzym, das HI-Viren in Zellen erkennt und aus dem Erbgut infizierter Zellen ausschneidet. Gemeinsam mit Kollegen vom Hamburger Heinrich Pette Institut – Leibniz Institut für Experimentelle Virologie gelang es dann, die Infektion bei Labormäusen zu behandeln.

„Es gibt verschiedene Methoden und ähnliche Ansätze, aber das Virus aus der infizierten Zelle herauszulösen, ist bisher einmalig“, sagt der Leiter der dortigen Abteilung Antivirale Strategien, Professor Joachim Hauber.

Es ist nach seinen Angaben der bisher einzige Ansatz, bei dem eine Infektion wieder rückgängig gemacht wird und die behandelte Zelle dabei gesund überlebt. Ob das auch beim Menschen funktioniert, kann sich nur in klinischen Studien erweisen. Dafür fehlt den Forschern aber das notwendige Geld.

HIV und Aids in Deutschland

Das Humane Immunschwächevirus (HIV) ist der Erreger der Krankheit Aids. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin waren Ende 2012 rund 78.000 Menschen in Deutschland infiziert, darunter 200 Kinder. Die Zahl der Neuinfektionen lag 2012 bundesweit bei mehr als 3400, etwa 550 Patienten starben.

Das HI-Virus wird vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und infizierte Injektionsnadeln übertragen. Der Erreger legt das Abwehrsystem des Körpers lahm. Krankheitserreger wie Bakterien und Viren können nicht mehr wirkungsvoll bekämpft werden. Selbst an sich harmlose Infektionen können so zur tödlichen Bedrohung werden.

Viele Tests für einen Impfstoff des sehr wandlungsfähigen Erregers sind bisher gescheitert. Nach einer erkannten HIV-Infektion lassen sich Ausbruch und Symptome von Aids mit Medikamenten bekämpfen. Dadurch sind die Lebenserwartung und -qualität der Patienten deutlich gestiegen. Eine Heilmittel gibt es aber noch nicht.

Die Hoffnung: Das Blutsystem erneuert sich

Die „molekulare Schere“ könnte in zehn Jahren ausgereift sein, sagt der Dresdner Teamchef Professor Frank Buchholz. Damit wäre eine somatische Gentherapie möglich. „Patienten wird Blut entnommen, daraus isoliert man die blutbildenden Stammzellen.“ Mit Hilfe eines Gen-Vektors werde dort dann im Labor der Bauplan für die Gen-Schere eingeführt. Da der Patient eigene genetisch veränderte Blutzellen zurückbekommt, gibt es laut Buchholz keine Abstoßungsreaktionen.

Die Forscher gehen davon aus, dass dann nach und nach immer mehr genetisch veränderte Immunzellen heranwachsen und so das Blutsystem erneuert wird. Die geheilten Zellen könnten dann ihre Aufgabe im Immunsystem verrichten, was langfristig zu einer Heilung beitragen könnte, sagt Buchholz. Bei den Mäusen sei das zumindest teilweise gelungen.

„Eine der aufregendsten Sachen überhaupt“

„Die Virusmenge nahm deutlich ab oder war im Blut gar nicht mehr nachweisbar“, berichtet Hauber. Aber wegen der relativ kurzen Lebensdauer der Labormäuse habe das Tiermodell Grenzen.

Auch der Bonner Professor Jürgen Rockstroh hält die Ergebnisse für vielversprechend genug, um eine Weiterentwicklung anzuregen. „Es ist eine der aufregendsten Sachen überhaupt“, meint der frühere Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft. „Es gibt eine vage Hoffnung auf Heilung, aber das wird erst bewiesen werden müssen.“

Obwohl Ansätze der Gentherapie bisher vielfach wenig erfolgreich verliefen, sollte diese Idee des Herausschneidens von DNA-Stücken aus der Erbsubstanz weiterverfolgt werden, meint auch der Sprecher des Kompetenznetz HIV/Aids, Professor Norbert Brockmeyer. Gelinge es, damit erfolgreich menschliche Zellen zu behandeln, wäre es ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Heilung. „Es ist sicher noch eine Forschung von 10 bis 15 Jahren nötig, bevor das in der Klinik ist.“

Verfahren ist zum Patent angemeldet

Das Dresdner Team hatte 2007 das natürliche Enzym durch Mutationen und Selektionen so gezüchtet, dass es das HI-Virus erkennt – über fünf Jahre und 120 Evolutionszyklen. „Der HI-Erreger gehört zu den Retroviren, die die Erbsubstanz in die DNA der infizierten Zellen einfügen“, erklärt Buchholz.

Bestimmte Enzyme, Rekombinasen, könnten den DNA-Strang aber zerschneiden und neu zusammensetzen. Den Forscher gelang es, sie so zu manipulieren, dass sie eine Wunschsequenz erkennen und präzise entfernen können. „Das Verfahren ist zum Patent angemeldet.“

Pharmaindustrie zeigt wenig Interesse

Mit einer Breitband-Schere können laut Hauber mehr als 90 Prozent der bekannten HI-Viren bekämpft werden. „Der entscheidende Schritt aber, die Erkenntnisse an die Patienten zu bringen, sind klinische Studien, und da stehen wir an.“

Bei der Überführung von Forschungserfolgen in die Klinik hake es in Deutschland. „Das Potenzial wird nicht genutzt“, kritisiert Hauber. So zeige auch die Pharmaindustrie bisher wenig Interesse an einer potenziell heilenden Aids-Therapie. Daher hoffen Hauber und Buchholz auf Sponsoren und öffentliche Mittel.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN